Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1880)
- Date
- 1880-12-21
- Page
- Seite 802 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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802 Spitze eigentlich gegen den Reichskanzler selbst richtet! Das ist eine mindestens sonderbare Kundgebung. Daß die Hetze von der Kreuzzeitungspartei und der Partei der „Germania" ausgegangen, und mit den nöthigen Mitteln versehen werde, brauchte man Niemandem zu sagen. Die Kreuzzeitung hetzt gegen die Juden schon seit ihrem Ursprung 1849 und die „Germania" seit ihrem Entstehen 1870. Daß diese beiden Parteien es auf die Vernichtung des Liberalismus abgesehen, und daß sie die Juden verfolgen, sowohl weil diese liberal die Verwaltung können sie sich nicht „eindrängen", denn die Vergebung der Stellen hängt von der Verwaltung selbst ab. In die juristischen Mmter bis zu einem gewiffen Grade gelangt man nach dem Gesetze, und die Volksvertretung hängt von den Bolkswahlen ab. Daß Juden, die ihrer Religion treu bleiben, auch in der juristischen Carriere nicht über diesen „gewissen Grad" hinauskommen, lehrt die Erfahrung, und wir haben unserer studirenden Jugend dies oft genug gesagt. Dagegen ist es nicht blos das Recbt, sondern auch die Pflicht sind, als auch weil das Vorurthcil gegen die Juden im j des Bürgers, der in sich die Befähigung fühlt, in der Volksdeutschen Volke, wenn cs wieder geweckt und verstärkt würde,! Vertretung zu wirken, sich der Volkswahl zu unterziehen, und einen bequemen Hebel abgäbe, die Volksmaffe gegen den Liberalismus zu führen, ist und bleibt der Kernpunkt der ganzen Sache. Ist denn aber der Reichskanzler mit dem Liberalismus identisch? Gewiß nicht. Wir würden also durch die Behauptung der „Grenzboten" erfahren, daß neben dem Liberalismus auch gegen den Reichskanzler die beiden schwarzen Parteien durch die Judenhctzc agitiren. Aber wie? Hätte man das jetzt erst erkannt? Schwerlich. Das kann man von einer so eminenten Beobachtungsgabe nicht voraussctzen. Dann würde die Auslassung der „Grcnzboten" den einfachen gesunden Menschenverstand nur zu der Meinung führen können, es weiß Jedermann, daß wenn ein Jude dahin gelangt, vom deutschen Volke zum Vertreter gewählt zu werden, er eine bedeutende Kraft und einen ausgezeichneten Charakter haben muß, wenn ihm selbst die Qualität als Jude nicht cntgegenstehen soll. Also ohne allen objektiven Werth kann jene Phrase nichts anderes sein, als ein subjektiver Wink: Laffet Euch nicht zu Volksvertretern wählen und studirt nicht Jurisprudenz. Die realen Verhältnisie machen aber diesen Wink völlig bedeutungslos, und ist er schließlich nichts weiter, als eine mißrathcne Deckung des Rückzuges. Wir decken, daß eine so bedeutungsvolle Auslassung: daß die Antisemiten geduldet und gefördert wurden, um in! die Judenhctzc sei mit ihrer Spitze von der Rechten und dem das Volk das Losungswort „Wählet keinen Juden!" zu werfen Centrum gegen den Reichskanzler gerichtet, noch weitere Er- und Lasker und Bamberger aus dem Reichstage, refp. Ab-! klärungen und Auseinandersetzungen zur Folge haben wird, geordneteuhause zu bringen; daß nun aber der tollen Jagd Bemerkenswerth ist, daß das ultramontane Wiener „Baterein Halt zugerufen werde, um die Rechte und das Centrum in ihren Erfolgen nicht allzu weit und die liberale Partei nicht allzusehr in Verlust kommen zu lassen. Denn eine noch größere Mehrheit jener reaktionären Parteien würde sicherlich sehr unbequem werden. Tics ist cs, was der einfache Menschenverstand aus diesen Schachzügcn herausliest, sich dann aber sagt: es ist ein gefährliches Ding mit den Volkslcidenschaftcn zu spielen, und man ist nicht immer Zau bermeistcr, sondern Zauberlehrling. Wir müssen Weiteres abwartcn. Der zweite auffällige Satz der „Grcnzboten" ist diejAlphonfe de Candolle: „Histoire de« Sciences et des Lösung der „Judenfrage", die sie in der Phrase findet: „Die > savnnts depnis deux sn-cles“ (Geschichte der Wissenschaften Juden sollten sich nicht in den regierenden Beruf eindrängen", und der Gelehrten seit zwei Jahrhunderten). In diesem Gerade in dieser Phrase glaubt die „Nat.-Z." den Beweis Werke findet sich eine höchst intereffante Stelle über die Indes bestimmten Ursprungs zu finden. Was bedeutet aber I den, welche Carl Vogt in einem Feuilleton-Artikel der „Frankland" einige Tage früher eine ähnliche Aeußerung brachte, so daß man glauben muß, das Centrum selbst wolle jetzt diese Karte ausspielcn. Allein die preußischen ultramontanen Organe schweigen hierüber absichtlich. Wir müssen also weitere Enthüllungen abwarten. De Caudolle über die „Iudeufrage". Im Jahre 187.°; erschien in Genf ein Werk des Herrn diese Phrase? Objektiv genommen, gar nichts. Daß einige Juden sich um die Wahl zu Volksvertretern bewerben und für die juristische Carriere ansbilden, können dies die Juden in ihrer Gesammtheit verhindern und kann man es den einzelnen, die sich dafür befähigt fühlen, verdenken? Denn Anderes als die parlamentarische und die juristischen Carrieren kann man doch unter „regierendem Beruf" (?'.) nicht verstehen, wenn man damit das Wörtchen „eindrängen", verbindet. Tie militärische Laufbahn ist den Juden abzeschnitten; in furter Zeitung" vom 4. Dec. übersetzte und die wir hier mittheilcn, und zwar, weil sie höchst originell ist, ohne alle Bemerkungen dazu. „Ich habe überall die jüdische Bevölkerung in derselben Weise wicdergefundcn: arbeitsam, intelligent, sparsam, zuweilen bis zum Geize, aber mildthätig, wenig zu Gewaltthätigkeiten und Verbrechen gegen die Personen geneigt und der Trunksucht nicht ergeben. Man wirft ihr vor, sie habe keine 1 Würde, sei zu unterwürfig und zu schlau in Geschäften. Im