Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1880)
- Date
- 1880-12-14
- Page
- Seite 796 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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796 des Berbandsvorsitzenden, Herrn Rabb. Dr. Bamverger, Gelegenheit, die ersten Schritte des Verbandes zu beobachten. Dem Verbände sind bisher 17 Rabbiner beigetreten, aus Ostpreußen die drei vorhandenen Rabbiner dieser Provinz, aus Königsberg, Tilsit und Memel. Aus Weftpreußen sind vertreten Danzig (2), Stargard, Dirschau, Neuenburg, Graudenz, Briefen, Bereut, Könitz, Thorn, Elbing, Straßburg, Zempelburg, Culm. Außerdem beschloß der Verband dem Ausschüße, in den die Herren Rabbiner Dr. Bamberger, Dr. Oppenheim - Thorn und Dr. Rosenstein - Graudenz gewählt wurden, aufzugeben, den Gemeinden der Provinz mitzutheilen, daß der Ausschuß bereit ist, die Zeugnisie von Cultusbeamten bei Besetzung von Stellen zu prüfen. Der Ausschuß ist diesem Aufträge durch Versendung eines Circulärs bereits nachgekommen. Die Mißbräuche, welche bei Schächtern Vorkommen, die ohne Erlaubniß des Ortsrabbiners fungiren, wurden in der dritten Sitzung besprochen. Für den nächsten Berbandstag, der in Thorn stattsindet, wird als Hauptgegenstand die Frage des Religionsunterrichts auf die Tagesordnung gesetzt. Herr Dr. Rosenstein erklärte sich bereit, ein ihm vom Provinzial-Schulcollegium zugegangenes Schreiben betreffs des Dispenses der jüdischen Schüler an Sabbathen und Feiertagen den Verbandsmitgliedern in Abschrift zugehen zu lasten. Der Verband hat bereits Gelegenheit gehabt, seine Wirksamkeit zu bethätigen, da aus der Gemeinde M. an ihn das Gesuch um Empfehlung eines Cultusbeamten gerichtet wurde. Bei dem demnächst stattfindenden 25jährigen Amts-Jubiläum seines Alterspräsidenten in Tilsit gedenkt der Verband in würdiger Repräsentation sich mit einer Adreste zu betheiligen. M. F. Aus Westfalen, 3. December. (Privatmitth.) Bei der fürchterlichen Wühlerei gegen die Juden im Münsterlande und im Paderbornschen ist die energische Parteinahme für die Juden durch die Westfälische Provinzialzeitung und dem politischen Vereine „Freie Bereinigung" in Münster eine sehr erfreuliche Erscheinung. In der letzten Versammlung der Freien-Vereinigung wurde nach einem Bortrage des Redacteurs, Herrn Glaser, eine Resolution gegen die Antisemitenliga und eine Beitrittserklärung zu dem bekannten Aufrufe der Berliner Notabeln einstimmig gefaßt, wobei die anwesenden Israeliten sich, wie natürlich, der Abstimmung enthielten. Nach dem Bortrage des Herrn Glaser kennzeichneten noch .Herr Thieme und Herr Profeffor Dr. Karsch das „schändliche Gebühren" der Judenfeinde; Herr Prof. Karsch sagte in sichtlicher Entrüstung und Erregtheit auf das Argument daß die Juden Fremde und die Christen Einheimische sein sollen: Man sehe ihr Christenthum an! Sie haben Missionäre unter die Indianer geschickt und sie, die Fremdlinge, haben die Einheimischen maffacrirt, die Juden aber sind vor vielen tausenden Jahren hier gewesen, und wer weiß, wo ihre Feinde an ihrem Stammbaume hängen blieben!" — AuS dem Großherzogthum Mecklenburg, 28 Nov. Die „Köln. Zeit." schrieb; „Die Wellen der antisemitischen Bewegung mit ihren verderblichen Nachwirkungen haben sich jetzt leider auch in Mecklenburg verbreitet uud schon üble Folgen gehabt. In dem kleinen Städtchen Malchow ist in den letzten Nächten der Kirchhof der daselbst befindlichen israelitischen Gemeinde auf wahrhaft vandalische Weise verwüstet worden, die Einfriedigungen find abgerissen und viele Monumente und Grabverziernngen arg beschädigt. Bon seiten des Vorstandes der israelitischen Gemeinde in Malchow ist eine namhafte Summe als Prämie für die Entdeckung der Frevler ausgesetzt. Die Zahl der Israeliten beider Großherzogthümer Mecklenburg ist übrigens nicht sehr groß und sie haben keinen, die übrigen Bolksclaffen nur im mindesten belästigenden üblen Einfluß. Rittergüter find nur in zwei bis drei Fällen im Wege der Subhastation von Israeliten gekauft worden; dafür ist der Getreidehandel und der Handel mit Landesproducten größtentheils in den Händen israelitischer Handelshäuser, unter denen sich mehrere sehr geachtete Firmen befinden, ebenso wie mehrere der angesehensten Rechtsanwälte und Aerzte Israeliten sind. An den schwindelhaften Gründungen, die von 1872—75 leider auch in Mecklenburg und besonders in Rostock vielfach vorgekommen find und viel Unglück hervorgerufen haben, betheiligten sich keine Israeliten, wohl aber mehrere Edelleute aus zum Theil sehr exclusiven Adelsfamilien. Tarmstadt, im Dec. (Privätmitth.) Sonntag den 28. v. M. hat auf Einladung des hiesigen Protestantenvereines Herr Zwingli-Wirth aus Basel in dem oberen Saale des Gasthofes zur Traube dahier einen Bortrag gehalten. Daran anknüpsend, berichtet der „Tägliche Anzeiger" Folgendes: „Bei der geselligen Bereinigung einer größeren Zahl hervorragender Mitglieder des hiesigen Protestantenvereines im Gasthose zur Traube schilderte der Vorsitzende des Protestantenvereines , Herr Major a. D. Reh, in kurzen aber kräftigen Worten, das in jeder Beziehung verwerfliche Treiben der Antisemitenliga. Die Versammlung, welche Herr Zwingli- Wirth und Profeffor Holsten von Heidelberg beiwohnten, gab einstimmig durch Ausstehen ihre tiefste Verachtung gegen ein solches undeutsches, unprotestantisches und unchristliches Treiben den gebührenden Ausdruck". — lieber den Punkt 3 in der erwähnten antisemitischen Petition einige Bemerkungen. Dem großen Reformator des Schulwesens, Pestalozzi, wurde der Vorwurf gemacht, er entchristliche die Schule. Dieselbe traf bekanntlich auch Diesterweg. Es wurden in vielen Staaten Verordnungen erlassen, die Religion müffe in der Volksschule den Mittelpunkt bilden und alle übrigen