Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1880)
- Date
- 1880-12-14
- Page
- Seite 797 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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797 Gegenstände wie Geschichte, Naturlehre :c. durchdringen. Allein die Klage über die Entchristlichung der Volksschule tauchte dennoch immer von neuem wieder auf. Man kann sagen, sie sei seit einem Jahrhundert selten oder gar nicht verstummt. Waren aber nicht bis vor einigen Jahren die jüdischen Lehrer gänzlich von der christlichen Volksschule ausgeschlossen? Hat denn da ein jüdischer Lehrer nur hineinriechen dürfen? Im Großherzogthum Hessen find, so weit mir bekannt, jetzt noch keine 10 jüdische Lehrer an Volksschulen angestellt, und diese Wenigen haben erst seit einigen Jahren eine Anstellung gefunden. Selbstverständlich ertheilen fie keinen christlichen Religionsunterricht. Wenn also die! Klage von der Entchristlichung der Volksschule gegründet ist, so kann der Grund nicht in den Juden, sondern nur in den Christen liegen. — In dem hessischen Schulgesetz von 1832 wird verordnet, daß die Kinder der Israeliten, welche eine christliche Volksschule besuchen, während des christlichen Religionsunterrichts zu entlasten seien. Es ist aber eine bekannte Thatsache, daß sowohl auf dem Lande, wie in den Städten, die isr. Kinder zugegen bleiben. Das ist von Seiten der Israeliten ein Act der Toleranz, der beweist, daß die böswillige Behauptung der antisemitischen Lügenpropheten, die Juden hätten keine Achtung vor der christlichen Religion, gänzlich unwahr sei. Die isr. Kinder find doch Juden geblieben. Warum? weil bei Kindern die Religion Sache der häuslichen Erziehung und der Nachahmung ist. Pestalozzi, sagt: Wenn ein Kind seine Mutter beten sieht, so ist dies der beste Religionsunterricht. — Schließlich j noch dies: Die Stöcker'sche Partei arbeitet nicht dem Christenthume, sondern dem Naturalismus, resp. dem Darwinismus, ohne daß fie es will, in die Hände. Man lese nur die Berjudung des Theaters in den „Grenzboten", und man findet hier die Cultur im Bunde mit den gemeinsten, ungezügeltsten Leidenschaften, mit Neid, Haß, List, Bosheit rc. Man schließt daraus ganz einfach: der Mensch bleibt bei aller Cultur Affe, er verleugnet seine wilde Affennatur nicht. Die Idealisten werden mit Betrübniß Zusehen müsten, wie die Descendenztheorie Darwins immermehr an Anhängern gewinnen werde. Daß alle Religionen dadurch Einbuße erleiden, ist selbstverständlich. Aus Baiern, im Nov. (Privatmitth.) Die Leser d. Zeit, werden sich erinnern, wie der Borstand der Synagogengemeinde zu Lin; a. Rh. bei dem preuß. Cultusministerium (unter vr. Falk) gegen eine, die Juden brandmarkende Phrase der „Biblischen Geschichte für katholische Schulen von vr. Schuster" vorstellig geworden und nur um die Beseitigung dieser Phrase ersuchte, aber abschlägig beschieden worden; man wird sich besten erinnern, daß Treitschke in seinen bekannten Artikeln das Borgehen des gedachten Vorstandes als eine Anmaßung und unerhörte Selbstüberhebung bezeichnete. Nun, das bayerische Cultusministerium hat jetzt, wie die ultramontane „Schles. V. Z." berichtet, das Schuster'sche Lehrbuch für alle Schulen des Könichreichs Bayern verboten und nur für die Pfalz ausnahmsweise bis zum Verbrauch der noch vorhandenen Exemplare auf zwei Jahre gestattet. Wir bilden uns nicht ein, daß dies aus Grund jener Phrase geschehen, sondern wegen der Qualitäten dieses Lehrbuches überhaupt, die den Gebrauch deffelben gemeinschädlich machen. Hätte das preuß. Cultusministerium damals den gerechtfertigten Gesuchen des Mischen Vorstandes genügt, welch' kulturkämpfliches Geschrei würden die ultramontanen erhoben haben. Das Verbot des ganzen Buches in Bayern läßt man sich stillweigend gefallen. Bayreuth, im Nov. (Privatmitth.) Wenn die eifrigen Jünger Richard Wagner's noch nicht von dem Geisteszustände ihres Meisters überzeugt find, so können sie es reichlich durch einen Aussatz werden, welchen das zehnte Stück der „Bayreuther Blätter" vom gedachten Dichtercomponisten über „Religion und Kunst" enthält, und der auch als Brochüre erscheinen soll und erschienen ist. Wie R. W. bis jetzt als Regenerator der Musik, wenigstens der deutschen Musik und Dramatik, aufgetreten, so spielt er sich jetzt als Regenator des ganzen Menschengeschlechts auf. Diese Wiedergeburt in religiöser, sittlicher und socialer Beziehung sieht er im — Vegetarianismus, d. h. in der alleinigen Ernährung durch Pflanzenkost. Die Führung bei dieser Wiedergeburt soll deshalb der Verein der Vegetarianer mit den Mäßigkeits- und Thierschutz-Vereinen in Verbindung mit gut geleiteten socialistischen Arbeitervereinen übernehmen. Judenthum uud Christenthum sind nach R. W. dem Untergange verfallen, weil sie die Sünde an den Genuß einer Frucht knüpfen und Gott mehr Wohlgefallen an den Opferlämmern Abel's als an den Früchten Kains gehabt haben soll. Jesus habe die menschlichen Genüste aus Brod und Wein beschränken wollen, (und das Pastahlamm, von dem er genoß?), aber seine Jünger folgten ihm nicht. Pythagoras war der einzige richtige Philosoph des Alterthums, da er die Pflanzennahrung empfahl. Er frägt: was einem fleischefienden Publicum die Pastoralsymphonie sein könne? (aber Beethoven aß doch Fleisch?) Es ist vorauszusetzen, daß Richard Wagner kein Fleisch genießt; dies hat ihn aber nicht vor fleischlichen Sünden geschützt, auch nicht vor dem Gelüste, fleischliche Verbrechen, z. B. Blutschande, aus den Brettern zur Darstellung zu bringen. Vielleicht hält er dies für ein Element der zukünftigen Sittlichkeit.