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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-14 · Heft 50 (14.12.1880) · p. Seite 794

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 50 (14.12.1880)
Date
1880-12-14
Page
Seite 794 (sequence 10)
Language
German
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794 mus übt. Vielleicht gegenwärtig der bedeutendste Träger der Hauptrolle (Nathan) ist der k. Hofschauspieler Poffart inj München. In der verflossenen Woche trat er als Nathan in Köln und Bonn auf und erweckte in den überfüllten Häusern den höchsten Enthusiasmus, der sich bei jeder schönen Stelle des Dichterwerks durch stürmischen Beifall erwies und zeigte, daß das deutsche Publikum für jeden wahren Ausruf zu Humanität und Duldung empfänglich ist. Die „Bonner Zeitung" leitet ihre Kritik der Aufführung mit folgenden Worten ein: Etwas mehr als ein volles Jahrhundert ist verfloffen, seitdem Gotthold Ephraim Lesfing seinen „Nathan" geschrieben, dies Evangelium der Menschenliebe, diese Frucht schwerer Kämpfe mit Anderen und mit sich selbst, diese That, wie keine zweite auf dem Gebiete für die Befreiung der Geister vollbracht wurde. Ein volles Jahrhundert hindurch ist das Meisterwerk des großen Reformators der deutschen Bühne zu unzähligen Malen der Nation vorgeführt worden, ganze Geschlechter haben mit Entzücken die erhabenen Lehren, welche daffelbe verkündet, vernommen — aber noch immer nicht ist die Zeit erschienen, wo auch gehandelt wird nach diesen Lehren, ja gerade in unseren Tagen brach der alte Hader mit ungewöhnlicher Heftigkeit auf's Neue wieder aus und vergeffen wird von vielen, so hüben und drüben, daß wir Alle eher Menschen, Brüder find, als Christen oder Juden. Und darum halten wir cs für ein preisliches Beginnen, wenn uns gerade jetzt wieder einmal vorgehalten wird, was und wie einer der besten, der edelsten und größten deutschen Männer die je gelebt, über die Fragen gedacht hat, welche zur Zeit das Volk und seine Gesetzgeber wiederum so tief bewegen. Bsun, 1. December. (Privatmitth.) Es ist bereits von mehreren Seiten, auch im Abgeordnetenhause bemerkt worden, daß den Berliner Antisemiten sehr bedeutende Geldmittel zu Gebote stehen müssen; es wurde sogar unverhohlen auf die Quelle hingewiesen, aus welcher sie fließen. Jedenfalls ist die Thatfache richtig; denn die Art, wie die berüchtigte Petition über ganz Deutschland, — dabei in sehr guter Ausstattung — in hundert Tausenden von Exemplaren verbreitet wird, und zwar mit bestimmten Adreffen, namentlich an alle Landräthe, Bürgermeister, Stadtverordnete, Superintendenten u. dgl., setzt ungewöhnliche Arbeits- und Geldkräfte voraus. Die Versender präsumiren also auch, daß die Beamten sich vorzugsweise für die Sache interesfiren und durch ihren Einfluß Unterschriften erwirken werden. Einestheils, und das ist characteristisch, rechnen also die Wühler nicht auf das Volk, sondern auf die sg. gebildeten Claffen; anderentheils wollen sie infinuiren, als ob sie von oben her begünstigt würden und sich deshalb der Beamten bedienen können. Das ganze Manöver hat es auf eine Monstredemonstration abgesehen, deren eigentlicher Zweck die nächsten Wahlen zum Reichstage und zum preußischen Abgeordnetenhaufe find. „Wählt keinen Juden'." wird da das Losungswort sein, um das halbe Dutzend'Abgeordneten aus diesen beiden gesetzgeberischen Körperschaften hinauszubringen. Dann wird das deutsche Reich und die deutsche Nation gerettet sein! Daß man nebenbei womöglich Ausbrüche der Bolksleidenschast hervorbringen möchte, ist wohl nicht Absicht aller, aber doch vieler Antisemiten. Die Frage liegt um so näher, welche Aufnahme diese Petition außerhalb der drei Brutstätten Berlin, Breslau und Leipzig finde? Eine Correspondenz der „Köln. Z." aus „Süddeutschland" besagt, daß sie in den meisten Fällen in den Papierkorb wandern. Wir fahren fort, wie bereits in vor. Nr. begonnen worden, Nachrichten hierüber zu sammeln. Man schreibt aus Charlottenburg bei Berlin: Tie bekannte antisemitische Petition mit dem gedruckten Cirkular, das zur Verbreitung und Unterschrift anffordert, war auch dem Bürgermeister Fritzsche zu Charlottenburg zur Unterschrift zugeschickt. Derselbe theilte in der Magistratsfitzung vom 26. d. folgende allseitig gebilligte Antwort mit: „Auf Ihr mir heute zugcgangenes Cirkular, die Einschränkung des Einfluffes der Juden betreffend, theile ich Ihnen ergebenst mit, daß ich es ablehne, zur Unterstützung der nach meiner Auffaffung in jeder Beziehung verwerflichen Petition beizutragcn. Ich verwahre mich nachdrücklichst dagegen, daß mir eine Bundcsgenoffenschaft in dieser Sache überhaupt nur zugemuthet werden kann und vermag nicht abzusehen, was Sie dazu berechtigt, mich eines ebenso illoyalen und unbesonnenen wie irreligiösen und unmoralischen Schrittes für fähig zu halten." Nach dem Berichte im „Landboten" hat der landwirthschaftliche Verein in Bernau, dem die Petttion auch zur Unterschrift zugegangen, seine Verwunderung und fein Bedauern darüber ausgesprochen, daß man zu solchen agitatorischen Mitteln auch die landwirthschaftlichen Vereine auffuche und beschloß derselbe, hierüber zur Tagesordnung überzugehen, da er es nicht für seine Ausgabe erachte, confessionellen Unfrieden zu erwecken. Ferner schreibt man der „Franks. Z." aus Darmstadt vom 25. November. Bei Eröffnung der heute stattgehabten Stadtverordnetenversammlung giebt Oberbürgermeister Ohly derselben Kenntniß, das; ihm heute, und zwar als Bürgermeister der Residenzstadt Darmstadt, von dem Central- Comitv der Antisemitenliga die bekannte Petition zugesandt worden sei, mit dem Ersuchen, seinen ganzen Einfluß aufzuwenden, damit dieselbe in hiesiger Stadt möglichst viele Unterschriften erhalte. Oberbürgermeister Ohly gab über dieses Ansinnen, sowie über die ganze Agitatton, seiner Entrüstung lebhaften Ausdruck und bemerkte zugleich, er hoffe mit Sicher-

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