Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1880)
- Date
- 1880-12-14
- Page
- Seite 790 (sequence 6)
- Language
- German
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700 ganz stumm. Es ist dies äußerst bedauerlich für unsere Sache sowohl als für die Partei selbst. Wenn in einer, die Parteien so heftig bewegenden Angelegenheit eine große Partei sich theilnahmlos verhält, so kommt dies einer politischen Abdankung gleich. Wir aber verlieren dadurch einen gewichtigen Anhaltepunkt, und es drängt sich die Befürchtung auf, daß der deutsche Liberalismus in seiner Gesammtheit krankt und einer gefährlichen Krisis entgegengeht. Die Hauptsätze Hobrecht's waren folgende: „Es handelt sich meiner festen Ueberzeugung nach nicht um einen confefsionellen Hader, — der tritt ganz zurück — es ist wirklich ein Racengegensatz, so schwer es ethnologisch möglich sein mag, die Grenze da richtig zu ziehen, und die confessionellen Gegensätze spielen nur insofern hinein, als leider confessionell — ich will in dieser Frage wenigstens keinen provocirenden Ausdruck brauchen - konfessioneller Eifer es nicht verschmäht hat, diesen Racengegensatz als Bundesgenoffen anzurufen und anzustacheln. Das ist sehr zu bedauern." „Unsere Aufgabe kann nur darin liegen, von dieser Stelle aus dahin zu wirken, daß in der öffentlichen Thatiakeit unserer bürgerlichen und staatsbürgerlichen Organe jeder Versuch streng ferngehalten werde, sie in den Dienst irgend einer parteiischen Tendenz zu stellen. Darin liegt gerade auch die Gefahr dieser ganzen Agitation, datz sie Leidenschaften wachgerufen hat, die sich nicht controliren laffen. Bon unserer jetzigen politischen Discussion aber sollten und müßten Sympathien und Antipathien möglichst ferngehalten werden." Hierauf macht er den Juden ihre Empfindlichkeit zum Borwurfe, wenn einer unter ihnen beleidigt oder verletzt worden, und schließt mit den Worten: „Hier kann nur die Gesellschaft selbst helfen. Und wenn wir uns alle ins Gedächtnis rufen das viele Schöne und Gute, was gerade in Preußen für uns und für die ganze Menschheit erworben ist dadurch, daß Deutsche und Juden sich die Hand gereicht haben, daß sie in ernster Arbeit, in Forschung und practischer Thätigkeit mit einander gcwetteifert haben, dann sollte es uns nicht schwer werden, die Besonnenheit und Geduld allseitig zu üben, ohne die wir einmal diese Krankheitserscheinung der Gegenwart nicht überwinden werden. Die königliche Staatsregierung hat eine kurze aber ausreichende, zweifellose Antwort auf die an sie gestellten Fragen gegeben. Wir find durch diese Antwort befriedigt, wir nehmen von ihr mit dem Vertrauen Akt, daß die königliche Staatsrcgierung auch die Consequenzen dieser Erklärung auf allen Gebieten der Verwaltung ziehen und sie zur Geltung bringen wird; wir sind fest überzeugt, daß sic in den Fällen, in welchen sie zu urtheilen berufen ist, lediglich ruhige und leidenschaftslose Gerechtigkeit wird walten laffen. Das klebrige wird und muß der gesunde Verstand und das gesunde Herz unseres Volkes besorgen." Der Abg. Träger skizzirt die Geschichte der Emancipation der Juden von 1812 an und hält deshalb dafür, daß es die Sache der Conservativen sei, den vor 30 Jahren errungenen Rechtszustand zu conserviren. Die ganze Bewegung gehe von der „christlich-socialen Partei" aus; sie sei aber weder christlich noch social, vielmehr völlig unchristlich und von der schlechtesten Sorte des Socialismus, und hänge dem letzteren nur ein christliches Mäntelchen um. „Nicht blos mit dem Schwerte in der Hand, auch mit dem Beutel in der Hand haben die Juden stets außerordentlich werthvolle Dienste geleistet. Selbst die offensive und agresfive christliche Wohlthätigkeit hat sich niemals umsonst an die Juden gewendet, ihr Appell hat stets einen thatkräftigen Wiederhall bei ihnen gefunden. „Diese Bestrebungen gegen die Juden sind nichts als demagogische Bestrebungen der unter Sorte." Ihm folgte der Führer der Centrumspartei vr. Windthorst. Man mußte auf seine Rede um so gespannter sein, als er in einigen Specialfällen für die gleichen Rechte der Juden eingetreten ist. Die Hauptfrage war: spricht er im Namen seiner Partei? Diese Frage verneinte er sofort, indem er erklärte „daß das, was er sagen werde, nur seine persönliche Ansicht vertrete". Das hat sich denn auch später bewährt, und wir werden darauf zurückkommen. Er findet die Interpellation nicht motivirt und die Erklärung der Regierung für vollkommen genügend, und wäre froh, wenn den Nöthen der Katholiken gegenüber auch eine solche Erklärung erfolge. Er sagt: „Was die Sache selbst betrifft, so ist sie einmal zur Erörterung gekommen, und wir sind deshalb allerdings genöthigt, unsere Ansicht zu äußern. Die Frage der socialen Stellung unserer jüdischen Mitbürger im christlichen Staat ist eine außerordentlich schwierige und ich glaube, daß man diese wichtige Frage eigentlich nur behandeln sollte an den wahren Stätten wahrer Wiffenschaft und unter den Formen der Wiffenschaft. Sie in das Tagesleben hineinzuwerfen, halte ich bei den Stimmungen, welche einmal in den Mafien der Bevölkerung obwalten, für im höchsten Grade mißlich und bedenklich. (Hört! hört!) Meine Herren, der ganze Inhalt meines Gedankens liegt in ganz kurzen Worten: Keine Judenhetze, aber auch keine Christenhetze, (Sehr gut!) vor allem auch nicht eine Katholikenhetze. (Aha! links.) „Die politische und religiöse Duldung ist die einzige Basis, auf welcher in Deutschland bei den Verhältnissen, wie sie liegen, der Staat und die bürgerliche Gesellschaft gedeihen können. Diese Duldung sind wir allen unseren Mitbürgern schuldig, auch den jüdischen Mitbürgern und diesen besonders deshalb, weil sie in der Minorität sind. Aber, meine Herren, wenn ich diese Duldung gewähre, so sage ich den jüdischen ^Mitbürgern: Diese Duldung kann nicht einseitig sein, sie!muß vielmehr gegenseitig sein; und die Duldung, die Sic