Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1880)
- Date
- 1880-12-14
- Page
- Seite 789 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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lichen Dogmen machen, wohl aber die Rohheit in der Bcur' theilung des Juden als Menschen, von welcher die antisemitische Bewegung sich nicht freihält, schwer verdammen lasten. Außerdem muß diese Bewegung ihm gerade jetzt doppelt ungelegen kommen. Er ist mit dringenderen socialen Fragen beschäftigt, als daß er jetzt diese sociale Frage lösen könnte, die nicht dringend, aber sehr schwer ist, und deren richtige Lösung von Voraussetzungen abhängt, die im Augenblicke auf keine Weise zu erfüllen sind. Und was weit mehr ist: diese antisemitische Bewegung geht von den specifischen Feinden des Kanzlers aus, von den Ultramontanen und von der äußersten Rechten der deutsch-conservativen Partei, jener Rechten, deren Haß gegen den Kanzler in den Aera-Artikeln der „Kreuz-Zeitung" und in der „Reichsglocke" vielleicht erst einen schwachen Theil seines Giftes abgelagert hat. Den Bund, den diese drei Parteien bei der diesmaligen Präsidentenwahl des Abgeordnetenhauses durch die Nachwirkung des Kölner Dombaufestes verhindert wurden zu besiegeln, haben sie unter dem Banner der Antisemiten- Bewegung, gedeckt durch das Ungeschick ihrer Gegner, aufs Neue schließen können. Aber das politische Urtheil der Herren Birchow und Richter reicht gerade weit genug, um den Kanzler für den Urheber dieser Bewegung zu halten." Eine spätere Zeit wird auch dies aufklären, was nämlich an diesen Sätzen der „Grenzboten" wahr und unwahr ist. Jedenfalls bedeuten sie den Anfang der Desavouirung der Antisemiten durch den Reichskanzler, und was könnte uns gegenwärtig wichtiger sein? (Siehe die nächste Nr.) Da die eigentliche Quelle der Agitation in Berlin sich befand, so drängte sich aller Orten die Frage auf: Was thun die 40,000 Juden Berlins gegen diese, von kleinem Anfang immerfort wachsende Wühlerei? Fuhlen sich die vielen Intelligenzen, die sich daselbst befinden, fühlt sich die Gemeindeverwaltung nicht bewogen, thatkräftig dagegen aufzutreten? Den ganzen vorigen Winter ließ man in völliger Apathie vorübergehen. Die Gemeindeverwaltung begnügte sich mit einem Anschreiben an den Minister des Innern und wartete geduldig neun Monate auf eine Antwort, ohne weiter und höher zu gehen. Im März d. I. veranstaltete Herr Sanitatsrath vr. S. Neumann eine Versammlung von Notablen, die jedoch mit dem Axiom auseinanderging: „Nichtsthun sei das Beste." Bon unserer Aufforderung im August an die Vorstände der vier Hauptgemeinden und welche Antwort uns wurde, haben wir bereits in No. 46 gesprochen. So ging cs bis zu den letzten Tagen. Am 1. December veranlaßte Herr Prof. Lazarus endlich eine Versammlung von Notablen, über welche wir folgenden Bericht erhalten: Berlin, 3. Dec. Am vergangenen Mittwoch hatten sich auf Einladung des Herrn Prof. Lazarus mehr als 200 Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde im Saale des Brüdervereins eingefunden, um darüber zu berathcn, was angesichts der täglich mehr um sich greifenden sogenannten antisemitischen Bewegung, von Seiten der deutschen Juden zu geschehen habe. Der Einladende führte in einer längeren Ansprache aus, daß nicht bloß den deutschen Juden, welche ganz und rückhaltlos auf dem Boden deutscher Gesittung und deutscher Gesinnung ständen, durch jene systematisch betriebene Hetzbewegung eine Schmach angethan, sondern auch dem Geiste der ganzen Nation eine Kränkung zugefügt werde. Freilich litten die deutschen Juden unter dem Einflustc dieser Bewegung in erster Linie; allein, indem diese sich zur Wehre setzen, üben sie gleichzeitig eine wahrhaft patriotifche That. Es sei jedoch höchste Zeit, daß in dieses Vertheidigungswerk, welches nothwendig begonnen werden müsse, im Jntereste des bürgerlichen Friedens und zur Ehre des bereits geschädigten deutschen Namens, ein fester Plan und ein bewußes Ziel gebracht werde, damit die vorhandenen und willigen Kräfte nicht zersplittert und keinerlei Unbesonnenheiten, keinerlei übereilte Handlungen begangen würden. Hierzu sei die Einsetzung eines Eomit^s, — oder wie man den Namen für eine derartige Bereinigung sonstwie wählen wolle — welches als anerkanntes Organ zum Schutze der bedrohten Jnteresten der deutschen Juden dienen könne, unbedingt erforderlich. In diesem Sinne entschied sich auch die Bersammlung nach längerer und trotz der Erregtheit der Gemüther anerkennenswerth maßvoller Berathung. Die Bersammlung genehmigte, daß sich das dermalige Büreau, unter dem Borfitze des Einladenden als Comite constituire, mit dem Recht, sich weiter zu ergänzen. Die Zahl der Mitglieder solle je nach Bedarf erhöht werden können. Außerdem wäre der Eintritt freiwilliger Arbeitskräfte aus der deutsch-israelitischen Gemeinschaft sehr wünschenswerth. Demnächst werden weitere Versammlungen einberufen werden. — Wir werden in nächster Nummer unsre Ansichten hierüber aussprechen. Die Verhandlung des preußischen Abgeordnetenhauses. (Fortsetzung.^ Die eigentlichen Organe der national-liberalen Partei, namentlich die „National-liberale Correspondenz", hatten sich in den Tagen vor der Debatte so mißwollend gegen die Interpellation ausgesprochen, und zwar ohne anderes Argument, als daß sie von der Fortschrittspartei und den Secestionistcn ausgegangen, daß man wenig Gutes von der Haltung dieser Fraction bei der Debatte erwarten durfte. Dies hat sich denn auch erfüllt. Die national-liberale Partei verharrte im Stillschweigen. Nur am ersten Tage sprach aus ihren Reihen allein der ehemalige Finanzminister Hobrecht und in ganz indifferenter Weise. Am zweiten Tage, wo die Debatte einen so überaus heftigen Character annahm, blieb sie