Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1880)
- Date
- 1880-12-14
- Page
- Seite 788 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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788 Unterzeichnung ihrer Petition mit erhöhten Anstrengungen und Mitteln in großartiger Weise fort. Ihre Absicht geht aus ihren, wider ihren Willen an's Licht getretenen Schriftstücken genügend hervor. Sie wollen immer mehr Anhänger um sich sammeln, und in diesen die Flamme des Hasses immer mehr anfachen. Dies ist die Hauptsache. Nebenbei wollen sie ein mit Hunderttausenden von Namen bedecktes Schriftstück hervorbringen, das sie als eine Monstrepetition des ganzen Volkes, als, wie sie selbst sagen, ein „Plebiscit" ausgeben können, vielleicht, um so doch auf die Reichsregierung zu wirken. Sie haben also den Weg der krassesten Demagogie beschritten und es ist inlmerhin eine eigenthümliche Erscheinung in einem wohlorganisirten Staate, daß solche Umtriebe der bestimmten Erklärung der Staatsregierung gegenüber ungescheut vor sich gehen, ein „Plebiscit" gegen die Staatsregierung hervorzurufen. Zu diesem Zwecke haben sich die Umtrieblcr zwei Kreise ausersehen: die Studenten und die Arbeiter. Man kennt die Aufregung, welche die Agitationen an den Universitäten zu Berlin, Leipzig, Breslau und Göttingen mit allen möglichen Mitteln bewirkt haben. Steht dieser in Berlin ein aufgeklärter Rector (der einer der Ersten die Erklärung der 75 Unterzeichnete) und Senat entgegen, so ist dies in Leipzig nicht der Fall, da der dortige zeitige Rector Prof, tbeol. Lut Hardt der Erste war, der die Petition und zwar in der ersten viel krasseren Form in seiner „Evangelisch -lutherischen Kirchenzeitung" abdruckte und empfahl, überhaupt seit Jahren den Antisemiten spielt. Weshalb denn auch unter den Studirenden der Berliner Universität sich jetzt eine Gegenbewegung erhoben hat. Die Berliner Blätter melden: Unter der Berliner Studentenschaft hat sich seit etlichen Tagen eine Agitation gegen die Colportirung der Antisemitenpetition durch deutsche Studenten entwickelt. Es haben deshalb bereits mehrere Versammlungen stattgefunden, in denen eine offene Erklärung in dem gedachten Sinne vereinbart werden sollte, mit welcher man an die Oeffentlichkeit treten will. Diese Erklärung circulirte auf der Universität und den dazu gehörigen Instituten und bedeckte sich sofort mit vielen Unterschriften. Die jüdischen Studenten halten sich von der Agitation und Allem, was damit zusammenhängt, fern. — Hat die Stöckerssche Agitation die arbeitenden Klaffen zu ihrem Terrain erwählt, so bemühen sich jetzt seine Anhänger besonders antisemitische Flugblätter und Schriften unter deu Arbeitern zu verbreiten, wie uns z. B. ausdrücklich aus Darmstadt geschrieben wird. Nicht unbemerkt dürfen wir übrigens lassen, daß sich auch hier und da bereits eine Art Rückzug beobachten läßt. Wir meinen namentlich die „Grenzboten" des Herrn Moritz Busch, welche bekanntlich die heftigsten Artikel gegen die Juden schleuderten und die um so gewichtiger erschienen, als Moritz Busch mit den, den Reichskanzler umgebenden Kreisen in Verbindung geglaubt wird. In einem neuesten Artikel nun wird zunächst Stöcker in schärfster Weise verurtheilt. Es heißt daselbst: „Was hat Herr Stöcker in seinen Volksversammlungen gethan? Er hat eine zusammengewürfelte, unzurechnungsfähige Masse ohne Proceß zur moralischen Berurtheilung aufgerufen und den Haß dieser Masse um so gefährlicher entflammt, als er ihr nirgends den praktischen Weg zur Besserung der beklagten Zustände gewiesen hat. Herr Stöcker hat sich nicht einmal zu den Forderungen der Antisemitenpetition zu bekennen gewagt; nur den vierten, ganz werthlosen Punkt, so sagte er, habe er befürwortet, die übrigen widerrathen. Und doch hat er die Petition unterzeichnet, nachdem er zuerst den Versuch gemacht, die Unterschrift abzuleugnen. Und dieser Mann, so unsicher in seiner Einsicht, will als Reformator auftreten, läßt sich einen zweiten Luther nennen, ohne vor dem Gefühle der Verantwortung in die Erde zu sinken!" Immer wieder der Schillerssche Spruch: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen." Ebenso scharf richtet sich der Artikel gegen Herrn v. Treitschke, dessen „intellektueller Muth" seinem moralischen nicht entspreche und der vor den Consequenzen seiner eigenen Meinung gegenüber der Antisemitenpetition zurückgewichen sei. Also noch ein Mohr! Und was sehen die „Grenzboten" jetzt als Lösung der Streitfrage an, die sie selbst mit so vieler Gehässigkeit den Juden als eine Schlinge um den Hals geworfen haben? Nichts als: die Juden fallen rechtlich und social den Christen gleichbleiben, aber davon abstehen, „in den regierenden Beruf über unser Volk sich einzudrängen." Das war doch viel Lärm um Nichts! Allein dies ist doch die Hauptsache nicht. Bekanntlich ist bei den Debatten im Abgeordnetenhause und in vielen Blättern behauptet worden, daß der Reichskanzler selbst den Antisemiten nicht abgeneigt sei. Eiuer der Redner wies sogar auf den Reptilienfond hin. Vom Ministertische erfolgte keine Entgegnung. Der Arttkel der Grenzboten nun weist diese Voraussetzung entschieden ab. Die Stelle lautet wörtlich: „Der antisemitischen Bewegung steht der Kanzler ganz fern, obwohl niedrige Verläumdung, zu deren Organ die Herren Virchow und Richter sich im Abgeordnetenhause gemacht haben, die freche Behauptung wagt, er habe sie heimlich angefacht. Wären diese Herren in ihrem verblendeten Haffe nicht zugleich so einfältig, so müßten sie die Thorheit solcher Lügen selbst durch die Brille ihres Hasses erblicken. Wenn es einen Namen giebt, von dem schon sicher ist, daß die Nachwelt ihn dem Fürsten Bismarck zusprechen wird, so ist es der des freiesten Mannes seines Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das in dem Wahne lebt, alle Vorurtheile besiegt zu haben, um thätiger als irgend ein anderes an neuen Borurtheilen zu schmieden. Den Fürsten Bismarck wird sein freier Blick auch in der Judcnfragc nicht zum Anhänger der fortschritt-