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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-14 · Heft 50 (14.12.1880) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 50 (14.12.1880)
Date
1880-12-14
Page
Seite 787 (sequence 3)
Language
German
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trauen, die das Gegentheil.behauptet? . . . Wir selbst beklagen diesen Jrrthum, aber zunächst ist er doch in Deutschland selbst verbreitet, und daß diese Ansichten die Motive zur Judenverfolgung geben, ist natürlich und auch thatsächlich. Wenn die „N. A. Z." ferner den „Times" das Recht abspricht, über Vorgänge in Deutschland zu urtheilen, so ist dies lächerlich; denn keine deutsche Zeitung hält sich zurück, über englische Zustände zu urtheilen, und es ist allerdings die Aufgabe der ganzen Preffe, die Berhältnisie und Ereignisie auch aller ausländischen Nationen zur Kenntniß und Beurtheilung zu bringen. Keine Presse der Welt erfüllt diese Aufgabe mehr als die deutsche. Wenn ferner die „N. A. Z." emphatisch auf Irland verweist, so übersieht sie die Verschiedenheit der Dinge. Die in Deutschland wieder aufgewärmte „Judenfrage" ist eben nur ein willkürlich aufgewärmter Kohl mit modernster Sauce; ein aus der Rumpelkammer geholtes Stück rostigen Eisens, das ruhig in der socialen und politischen Polterkammer gelaffen werden konnte, was man aber jetzt gebrauchen will, um der Reaction im Volke Raum zu schaffen, und um einige mißliebige Abgeordnete und Stadtverordnete, die zufällig jüdischer Abkunst sind, zu beseitigen. In Irland hingegen ist ein vererbter tiefgreifender socialer Schaden vorhanden, der nur in langem Kampfe geheilt werden kann und geheilt werden wird. Neben diesen englischen Stimmen machten sich besonders die österreichischen und ungarischen verlautbar. Sie gehen allesammt von der Voraussetzung aus, daß Oesterreich-Ungarn an dem engsten Bündniffe mit dem deutschen Reiche das dringendste Bedürfniß habe und daß der blühende Bestand des deutschen Reiches eine Lebensbedingung für Oesterreich- Ungarn sei. Ein Mißwollcn gegen Deutschland macht sich nirgends kund, und wenn damit eine scharfe Kritik der Richtungen, die in Deutschland sich geltend machen, verbunden ist, so mag dies den Judenfreffern sehr unangenehm sein, aber eine Feindseligkeit kann man darin nicht anerkennen. Es war namentlich ein Artikel des „Pester Lloyd" vom 23. November, der auf dieser Seite böses Blut machte. Wir wollen ihn deshalb nur notiren und nicht näher auf ihn eingehen, damit man auch uns nicht nachsage, daß wir Kapital daraus schlagen. Aber selbst, wenn alle diese Kundgebungen des Auslandes aus Feindschaft hervorgingen, wie es sicherlich nicht der Fall ist: so ist es doch eine anerkannte Wahrheit, daß man am meisten von seinen Feinden lernt. Möge dies in unserem großen deutschen Baterlande bald der Fall sein!') 1) Uebrigens haben sich unabhängige deutsche Blätter, wie die „Deutsche Bereins-Korrespondenz" (Bonn, vom 25. Nov.) in ganz gleichem Sinne ausgesprochen. Bonn, 5. December. berliner ZujMn-e II. Seit unsrem Lciartikel in Nr. 46 vom 10. November ist die Situation eine veränderte, wir können sagen, eine viel günstigere geworden. Fast erschreckend war das Stillschweigen, die Regungslosigkeit, die den immer heftiger werdenden Wühlereien der Antisemiten gegenüber stattfand. Wir hatten die traurige Pflicht, in jenem Artikel allen daran betheiligten Factoren bittere Vorwürfe zu machen, daß sie. nichts zur Abwehr und zum Widerstande thaten, daß man Alles geschehen lasse, wie cs jenen Agitatoren gefalle. Die Situation, wie gesagt, hat sich geändert. Die „Erklärung" jener 75 Männer, die entschiedenen Auslassungen der Magistrate, resp. Stadtverordneten zu Berlin, Breslau, Hannover, Darmstadt u. a. O., die Debatten im preußischen Abgeordnetenhause mit der Erklärung der Staatsregiernng, die vielfachen Kundgebungen bedeutender Autoritäten und endlich die Nöthigung für die liberale Presse, auch ihrerseits in den Streit einzutreten, und nickt minder die Urthcile des Auslandes über diese Vorgänge sind als wesentliche Wendung, als trostvolle Befferung zu betrachten. Wir sagen: die Debatten im Hause der Abgeordneten. Denn so schmählich diese von Rednern aus der Rechten und dem Centrum aussielen, und Reden zu Tage brachten, welche an die Kneipabende der „christlichsocialen" Partei lebhaft erinnerten, so sind doch eben hierdurch die Parteien gekennzeichnet und die Motive klargestellt worden. Die Sache wurde aus dem Rahmen der Stöckerschen und Treitschke'schen Suite herausgehoben und als der äußersten Rechten und dem Centrum angehörig, also als ein Moment der vollsten Reaction aller Welt vor Augen geführt. Nicht minder wurde es deutlich, daß wir von der frei-con servativen und national-liberalen Partei zwar keine Gegnerschaft, aber auch keine Unterstützung und Gegenwehr zu erwarten haben. Und in gleicher Weise schattirt sich die Preffe. Die reactionären und ultramontancn Organe fahren unermüdlich fort, die Gluth gegen die Juden zu schüren; dagegen setzen die fortschrittlichen und secessionistischen Blätter alle Kraft daran, die schlechten Jnstincte zu bekämpfen, die Umtriebe der Gegner ans Licht zu ziehen, und der Wahrheit zu ihrem Reckt zu verhelfen.') Die national - liberale Presse kann selbstverständlich die Vorgänge nicht mehr todtschweigen; sie muß die Thatsachen referiren; ihre Urtheile aber sind schwankend, und wenn sie heute die Antisemiten verurtheilt, fallen morgen ihre Auslastungen eher gegentheilig aus. — Worauf sind nun nach allem dem die Bestrebungen der Judenhetzer gerichtet? Sie betreiben die Colportage und 1) So enthält die „Frankfurter Zeit." vom 4. d. einen höchst beachtenswerthen Feuilleton-Artikel von Carl Bogt, auf den wir znrückkommen werden.

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