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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-14 · Heft 50 (14.12.1880) · p. Seite 786

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 50 (14.12.1880)
Date
1880-12-14
Page
Seite 786 (sequence 2)
Language
German
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786 nachdrücklich betonen, daß es nicht blos die liberalen englischen Blätter, sondern auch die conservativen Hochtorystischen sind, welche diese Vorgänge in Deutschland geißeln. Bekannt ist der Leitartikel der Times, vom 18. November, welcher insbesondere Treitschke und Stöcker vor sein Forum zieht und darin gipfelt, daß „alles Unedle und Gemeine in Deutschland sich diesen anschlösse", während alle edlen und humanen Geister sich ihnen entgegenstellen. Der Artikel begeht nun den Jrrthum, die Juden auf allen Gebieten als den Deutschen überlegen und darum erfolgreich hinzustellen, und hieraus allein die ganze traurige Erscheinung sich erklären zu wollen. Dies hat tief verletzt, und auch wir weisen dieses Argument als durchaus irrig zurück. Als irrig im Thatsächlichen, jedoch nicht als das Motiv der Judenhetze. Es muß nämlich auffallen, daß derselbe Gedanken.zang nicht blos in den Times sich findet. Vor uns liegt z. B. die conservative "8t. James’s Gazette“ vom 19. Nov., die ganz von demselben Momente ausgeht. Sie spricht die Verwunderung darüber aus, daß man in Deutschland nicht begreife, wie es in der modernen Gesellschaft Jedem sreistehen müffe, seine Kräfte auf jede Art. die nicht ungesetzlich ist, zu verwenden, sei es im Erwerbe, sei es im Staatsdienste, sei es in geistiger Arbeit, und den Erfolg seiner Fähigkeiten und Bestrebungen zu ernten; wie ferner der Wohlstand der Einzelnen, wer diese auch seien, doch dem Ganzen zu Gute komme und auf die Befruchtung der Arbeit nach jeder Richtung hin wirke; wie es endlich ein Jrrthum sei, daß der Besitz, den Jemand durch seine Thätigkeit erwirbt, einem Anderen zufalle, der ihn jetzt i.icht besitzt, während doch der erstere diesen Besitz durch seine Thätigkeit geschaffen hat. Die „St. I. G." bezeichnet nicht minder als die „Times" die jetzt in Deutschland zum Vorschein gekommene Bewegung gegen die Juden als „aus einem stupiden und barbarischen Gefühle" hervorgegangen (stupid and barbarous sentiment). das man durch die großen deutschen Denker und Dichter des vorigen Jahrhunderts ausgelöscht glaubte, während „es jetzt zu Tage kommt, daß ihr Werk nur halb gethan war" (but it now appears that their work was only half done). Diesem Blatte schließt sich ferner das ausgesprochene Organ der Torys, die hochconservative „Morning Post" vom 21. Nov. an, welche darauf dringt, all' diesen Vorgängen das religiöse Mäntelchen, mit dem sie umhüllt werden, abzustreifen. Sie sagt z. B.: „Wenn man von dem verabscheuungswürdigen Ausbruch antijüdischen Borurtheils in Deutschland spricht, könnte man keinen größeren Jrrthum begehen, als wenn man diesen beklagenswerthen Skandal auf irgend eine einzelne Ursache zurückführen wollte. Zum allergeringsten hat die sogenannte christliche Bigotterie daran irgend einen Theil; Neid und Uebelwollen sind es hauptsäch- Preußen die Juden am meisten verfolge". Endlich wollen wir an einen Artikel der „Daily News" erinnern, der nach den Debatten im Abgeordnetenhause geschrieben worden. Wir übergehen, was darin über hochstehende Persönlichkeiten gesagt wird. Es heißt im Verlaufe: Im Ganzen ist bei der Agitation die Ungerechtigkeit nicht größer als die Absurdität. Wenn die Juden keine guten Staatsbürger wären, müßte dies nicht sehr überraschen; denn bis vor Kurzem hatten sie wenig Ursache es zu sein. Allein die Erfahrungen, die England gemacht hat, seitdem es die Juden auf dem Fuße der Gleichheit behandelt, sprechen keineswegs dafür, daß es den Juden an Patriotismus mangle. Die Erfahrungen in Frankreich ergeben das gleiche Resultat. Deutschland steht allerdings in der Civilisation gegen diese beiden Staaten noch zurück und die Borurtheile der Vergangenheit halten dort die Gemüthcr noch umfangen. Wenn nicht die Juden selbst, so sind doch ihre Werke bereits aufgegangen in den Racen, unter welchen sie leben." Diesen Einklang der englischen Preffe aller Parteien überging man in Deutschland mit Stillschweigen und machte seiner Entrüstung nur gegen die „Times" Luft. Voran ging die ossiciöse „Nodd. A. Z." Sie warf den „Times" völlige Unkenntniß der deutschen Verhältniffe vor, indem diese von den die Deutschen überragenden Eigenschaften der Juden ausgegangen. Wir stimmen vollständig bei, aber wir fragen: wer hat denn diesen Jrrthum veranlaßt und groß gezogen? Ist nickt wirklich die ganze Judenverfolgung mit den Behauptungen in Scene gesetzt worden von der Herrschaft der Juden im Kapital, von der Herrschaft der Juden in der Preffe, von dem überwiegenden Einfluffe der Juden auf die Gesetzgebung, von dem Eindringen der Juden in alle Staatscarrieren? Hat man nicht von einem Siege des Äudenthums über das Germanenthum, von der völligen „Berjudung des deutschen Wesens und Lebens" mit einer Heftigkeit und Unermüdlichkeit gefabelt, welche den ganzen literarischen Markt Deutschlands überschwemmte? Werden diese lächerlichen Behauptungen nicht abermals in der bekannten Petition ausgesprochen und beherrschten einen großen Theil der Debatten im Abgeordnetenhause? Mußte nicht das Ausland dieses unaufhörlich wieder-! holte Gerede für Wahrheit nehmen? Jetzt dreht sich der Spieß um; jetzt sagt man im Auslande: wenn die Juden also vorangekommen, so sind es nur Neid und Mißgunst, die Euch zu dieser Verfolgung anspornen; kommen doch diese Qualitäten der deutschen Juden Deutschland selbst zugute. Wir haben es von Beginn an immer gesagt, jene lügnerischen Behauptungen gereichen der großen deutschen Nation zur Schmach, da sie von dieser Handvoll Juden überwunden sein soll! Haben aber die Deutschen selbst diese Unwahrheiten lich, welche zur Verfolgung der jüdischen Race aufgestachelt in immer steigender Fluth wiederholt, warum soll das Aus- Haben." Sie findet, daß „das arme adelsstolze Junkerthum in land sie nicht glauben? warum mehr der kleinen Zahl ver-

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