Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1880)
- Date
- 1880-12-07
- Page
- Seite 780 (sequence 12)
- Language
- German
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780 Berlin, 28. Nov. (Privatmitth.) Welche Bedeutung die „Religion" in der preußischen Verwaltung wieder erhalten hat, ersieht man daraus, daß, nach der Mittheilung des Justizministers Friedberg in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 26. d., das Schema, welches für die Präsentation der Mitglieder zum Bolkswirthschaftsrath seitens der Provinzialregierungen 'auszufüllen ist, auch die Rubrik „Religion" enthält. Bei der Berfassungsbestimmung über die Gleichheit vor dem Gesetze hätte man eine solche Rubrik mindestens für überflüssig halten können. In derselben Sitzung bezeugten sich der ultramontane v. Schorlemer- Alst und der Reactionäre v. Ludwig als eingefleischte Antisemiten, worüber übrigens niemals ein Zweifel vorhanden war. — Die Nordd. Allg. Z. meldet: „Im Südosten Berlins wurden heute Morgen an Häusern, Bretterzäunen und Straßenbrunnen Placate vorgesunden, die einen zur Judenverfolgung aufreizenden Inhalt hatten. Namentlich wurden derartige Placate viel am Louisen-llfer, in der Ritterstraße u. s. w. angetroffen und durch Schutzleute sofort entfernt. Aus den Placaten war nicht zu ersehen, wer sie veranlaßt hat und wo sie gedruckt worden find. Polizeilicherseits sind sofort die nöthigen Schritte eingeleitet worden, um beides zu ermitteln." (Man hat die judenfeindlichen Placate solange geduldet, bis sie den obigen Character angenommen. Uebrigens sind Placate Producte Einzelner.) — Man schreibt dem „Hannov. Courier" von hier: Die ärgerlichen Auftritte an der hiesigen Universität, die Uebertragung der ungesunden Leidenschaftlichkeit des jüdischen Streites in die academifchen Hörsäle, die Parteinahme einer unreifen Jugend an der denkbar häßlichsten aller Streitfragen, gewinnen nachgerade einen solchen Umfang, daß sie nicht blos das Interesse unserer politischen Kreise mit Nothwendigkeit herausfordern, sondern daß es begreifllich ist, wenn gemeldet wird, auch die Regierung widme diesen Vorgängen ihre ernsteste Aufmerksamkeit. Das sind Zustände, die an die Pariser Sorbonne erinnern, die aber auf deutschem Boden, bisher wenigstens, nicht gekannt waren. Es ist schon schlimm genug, daß ein anscheinend recht ernster Zwist in das Professoren-Collegium selber hineingetragen worden, daß ehemalige Freunde es vermeiden, sich in den Räumen der Universität zu wessen und zu grüßen, und daß bittere Worte von Professoren über Professoren unwiderlegt colportirt werden dürfen; aber bei Weitem viel schlimmer muß der Krieg in der academischen Bürgerschaft erscheinen. Das heute ausgetauchte Gerücht, der Cultusminister habe über alle diese unliebsamen Vorgänge vom zeitigen Rector, Herrn H offmann, Bericht eingefordert, bestätigt sich, wie wir versichern können, aller- Hochschule ausgesprochen worden. — In den letzten Wintern fanden theatralische Aufführungen Seitens der Studirenden hier statt. Jüngst sollte nun in einer Versammlung über die Verwendung des diesjährigen Ertrages beschlossen werden. 80 stimmten dafür, daß der Ueberschuß dem Lessingdenkmal zugewiesen werde, 40 dagegen. Die Aufregung war so groß, daß der Senat die diesjährigen Aufführungen ganz untersagt hat. — Herr Prof. Lasson wies in seinem von 5—6 Uhr stattfindenden Colleg über „Grundprobleme der Philosophie" gelegentlich darauf hin, daß die Griechen die Ersten gewesen wären, die die Fragen des Lebens in strenger, auf festen Gründen sich aufbauender Methode behandelt hätten, und knüpfte daran die Mahnung, daß auch feine geehrten Zuhörer nie von diesem Principe abweichen und nicht urtheilslos und nur von der Leidenschaft geleitet hetzerischen Bestrebungen Folge leisten mögen, wie sie leider heutzutage gegen die Juden betrieben würden. Dem lebhaften Beisalle, der diesen Worten folgte, mischten sich einige Zischlaute bei. Da erhob sich Herr Prof. Lasson von seinem Sitze und erklärte, daß er es für seine Aufgabe halte, gerade in diesem Colleg, in dem die Fragen der Zeit fortwährend berührt werden müssen, als Freund zu den Freunden ein ehrliches Wort über die brennende Tagesfrage zu sprechen und und nun wies er mit kurzen, aber markigen Worten auf das Schändliche jenes hetzerischen Treibens hin, das nicht nur bei der rohen Masse seine Erfolge zu verzeichnen habe, sondern auch bei Vertretern des Volkes nachdrückliche Unterstützung finde. Es hätten sich bei seinen Worten neben den Beifallsrusen auch Zischlaute erhoben. Diejenigen, von denen sie herstammen, fordere er auf, den Saal zu verlassen, sie gehörten nichr hierher. Diesen Worten folgten nun nicht enden wollende Beifallsbezeigungen und von den ca. 300 Awesenden verließen zwei Zuhörer den Saal. Jetzt erst konnte Herr Prof. Lasson den Gegenstand seines Vortrages wieder aufnehmen, bei dessen Schluß sich der Beifall auf das Lebhafteste erneute. — Am Mittwoch Abend fand eine überaus zahlreiche Versammlung der liberalen Wähler der jüdischen Gemeinde statt. Den Vorsitz führte Sanitätsrath vr. Marcuse. Es handelte sich in dieser Versammlung um die Ausstellung von Candidaten für die am 30. d. Mts. stattfindende Repräsentanten- Ergänzungswahl. Bon dem Kaufmann Heinrich Fränkel u. A. wurde ausgeführt: Es sei nothwendig andere Repräsentanten als bisher zu wählen, da die bisherigen den Beweis geliefert, daß sie nicht auf der Höhe der Situation stehen. Erst von der Tribüne des Abgeordnetenhauses, durch den Mund des Herrn Prof. vr. Birchow, haben die Mitglieder > der Berliner jüdischen Gemeinde erfahren, daß ihre Gemeindedings in keiner Weise, wohl aber ist es gut verbürgt, wenn! behörden wegen der Judenhetzereien sich Beschwerde führend gemeldet wird, von maßgebenden Personen fei die ernsteste I an den Minister des Innern gewandt haben. Die Gemeinde- Mißbilligung des überreizten Treibens an der ersten deutschen § behörden hätten sich mit der Antwort, die ihnen seitens