Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1880)
- Date
- 1880-12-07
- Page
- Seite 779 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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T auf den Gang der Ereignisse keinen Einfluß üben werden. So antwortet Treitschke auf Mommsens Erklärung, aber in noch schwächerer Weise als in seiner ersten Erwiderung. Er weiß nichts weiter zu entgegnen, als daß er über Lessing geschrieben habe, während dieß die Unterzeichner der „Erklärung" nicht gethan, und daß er in seinen berufenen Artikeln nichts weiter verlangt habe, als daß die Juden ganz und gar Deutsche werden sollten. Erverschweigt aber, daß er dieses Verlangen mit einer Reihe gehässiger und unwahrer Behauptungen begleitete und begründete, welche den eigentlichen Charakter seiner Diatriben ausmachen und gegen die jene „Erklärung" gerichtet war. — Professor Dr. M. Baumgarten in Rostock richtet eine Zuschrift an die „N. Z.", in welcher er sich aus religiösen Gründen gegen die antisemitische Bewegung und die Petition erklärt, sie für aus religiösen Jrrthümern und Heuchelei entsprungen, und die Petition für ein „schmachvolles Schriftstück, das nicht blos unchristlich, sondern widerchristlich" sei, erklärt, weil es die Juden vom „Glauben an den wahren Messias" zurückschrecke. — Aus Florenz, 17. Nov. schreibt Karl Hillebrand Folgendes an die „N. Z.": „Eben lese ich die Erklärung gegen die Antisemiten in der ,Nationalzeitung'. Endlich! Wie haben wir darauf gewartet! Schämte man sich doch einenr Ausländer ins Auge zu blicken. Bei den Wallachen ists doch nur der Pöbel; aber bei uns finds Leute von Bildung oder die sich als solche geben. Hätten die Herren erst in sich selber das überwunden, was sie „jüdisch" zu nennen belieben, so hätten sie wahrlich keine Concurrenz zu befürchten. Werden Beitrittserklärungen angenommen, so bitte ich meine hinzuzufügen, als die eines Urgermanen, der mit anhören muß, was man hier außen von seinem Vaterland denkt." — Endlich bringen die „N. Pr. Z." und die „N. A. Z." eine weitschweifige Erwiderung der Unterzeichner des Anschreibens mit der Petition auf die „Erklärung". Wir bemerken nur, daß von den Unterzeichnern eine große Zahl diesem neuen Schriftstücke ihre Namensunterschrist nicht wieder gegeben haben. Es fehlen z. B.: Hans von Bülow, Pros. Fechner, Hofgärtner Kindermann, Amtsgerichtsrath Wilde, Freiherr von Wolzogen, General-Lieutenant von Wulffen u. A. Es ist dies bezeichnend genug. — Prof. Paulus Cassel hält jetzt Borträge in der Aula des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums und das Thema seines vierten Bortrages lautete: „Die Juden und ihre Bedeutung in der Geschichte". Ties übte eine Anziehungskraft, daß Hunderte, die nicht mehr Platz fanden, sich auf eine Wiederholung vertrösten lassen mußten. Er verglich zuerst das hellenische Ideal, die Idee der Schönheit, mit dem jüdischen Ideal, dem Glauben an den lebendigen Gott. Diesen Gedanken verfolgte er durch die ganze Geschichte der Juden. Außer einigen Abgeschmacktheiten, wenn er z. B. Abraham mit Alarich, Moses mit Garibaldi zusammenstellte, sprach 9_ Cassel Vieles gut und schön aus. So sagte er: „Wenn man überlegt, daß erst fünfzig Jahre vergangen sind, seit den Juden allmählich die Thüren geöffnet wurden, sollte man im Gegentheil das, was die Juden auf allen Culturgebieteu geleistet haben, doppelt anerkennen. Statt dessen sagt man ihnen, daß sie mäßiger und bescheidener werden sollen. Man bleibt dabei den Beweis schuldig, daß die andere Seite an Mäßigung vorgeleuchtet hat, aber cs handelt sich nicht um eine Abwägung von Lob und Tadel, sondern um die Frage, ob die Juden der verfassungsmäßigen Freiheit, die man ihnen gab, sich unwerlh gemacht haben, und das werden auch ihre ärgsten Widersacher nicht zu behaupten wagen." Er schloß: „Die Juden sind das Volk des Glaubens, an dem sie in allen Schicksalsprüfungen festhielten, sie werden erst untergehen, wenn sie mit diesem Glauben sich selbst ausgegeben haben. Wir aber sollen ihnen nicht als Pharisäer gcgenüberstehen, auch nicht als Zöllner, sondern vom humanen Standpunkt uns freuen, daß ein lang unterdrücktes Volk es vermochte, sich so wie sie in die neue Zeit zu finden und in die Ideen, mit denen Christ und Jude in gemeinsamer Arbeit das Glück und Wohlergehen des ganzen Volks zu begründen hoffen." - - Die „Germania" sammelt jetzt eifrig alle Fälle, in welchen Juden sich von denen auch geschäftlich zurückziehen, welche sich activ an der Antisemitischen Petition betheiligen. Wer die Beschimpfungen liest, die diese Petition in der Motivirung ihrer Forderungen über die Juden ausspricht, kann diese Abwehr nur als Nothwehr ansehen und billigen. Wären die Juden so beschaffen wie die Petition sie schildert, so müßten christliche Geschäftshäuser froh sein, mit jüdischen außer Verbindung zu kommen. Einige dieser Fälle bringt die „Germ." in folgender Weise: „Der Firma Korn & Bock in Breslau ist wegen der Haltung der »Schlesischen Zeitung' von den jüdischen Verlegern die Kundschaft in Papicrlieferungen entzogen worden. — Die in Halle erscheinende liberale ,Saale-Zeitung' brachte einen Leitartikel über die brennende Frage, der zum Aerger der Juden ihnen und ihren Freunden nicht durchweg Recht geben wollte. Darob traten die Halle'schen Israeliten zum Behmgericht zusammen und beschloffen, daß kein Jude in den nächsten drei Jahren in der ,Saale-Ztg.' inseriren dürfe; da man einen pecuniären Nachtheil für psychologisch wirksamer erachtete, als die angeblich verletzte Stammesehre, so wurde sogleich eine Konventionalstrafe von 50 Thlrn. festgesetzt." — Eine der traurigsten Erscheinungen ist, daß die unselige Agitation auch in den Kreis der Studirenden einzudringen sucht und nicht ohne Erfolg. Ein Ausschuß von 12 Mitgliedern der vier Facultäten constituirten sich zu einem Comite, um einen „antisemitischen Aufruf" cirkuliren zu lassen. In einer anderen Form fand diese Wühlerei auch in Leipzig statt. Eine schöne Zukunft für die deutsche Nation. 49*