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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-07 · Heft 49 (7.12.1880) · p. Seite 778

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 49 (7.12.1880)
Date
1880-12-07
Page
Seite 778 (sequence 10)
Language
German
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77s tium in der Hand erinnert habe, — daß nämlich Franz Deük in seiner ewig denkwürdigen Rede über die Glaubensfreiheit und die Civilehe diese Fragen nicht als solche bezeichnet hat, welche sofort, auf einmal gelöst werden müssen; es heißt vielmehr in der Rede: „ . . . nur stufenweise, je nachdem die Bedürfnisse es erheischen." (Zustimmung rechts; Bewegung auf der äußersten Linken.) Geehrtes Haus! Wenn heute Jemand in Ungarn wegen seines Glaubensbekenntnisses seiner politischen Rechte beraubt wäre; wenn es Jemanden verwehrt wäre, das zu glauben, was er will, wenn in dieser Richtung eine Verfolgung, Inquisition oder Rechtscvnsiskation vorkäme, so würde ich sagen: Lassen wir die wichtigsten Aufgaben beiseite und saniren wir zunächst die Uebel. Aber es wird ja selbst von jener Seite (links) anerkannt, daß thatsächlich Gewiffens- und Glaubensfreiheit herrsche; wenn nun thatsächlich kein Uebel vorliegt, so ist es doch besser, dort durch ein Gesetz zu helfen, wo wirklich im Leben ein Uebel sich zeigt, als vielleicht blos deshalb, weil unser Religionsgesetz theoretisch nicht correct ist, diese Frage in den Vordergrund zu schieben. Bezüglich einiger Uebel, deren Sanirung das praktische Leben erheischt, werden wir in der Lage sein, Vorschläge zu erstatten; Sie werden dann in der Lage sein, über dieselben zu urtheilen." Deutschland.! Berlin, 22. Nov. (Privatmitth.) Die jüngst vergangene! Woche brachte so viel Aufregendes und Verschiedenartiges im Großen und Kleinen zu Tage, daß, um ein richtiges Bild zu erhalten und für spätere Zeiten zu bewahren. Manches nachzuholen ist, worüber man im Augenblicke bereits hinweg ist. — Dr. Jungfer hatte sich, nach dem Vorbild feines Cumpans, des Dr. Förster, von seinen eigenen Schülern ein Zeugniß über sein Wohlverhalten namentlich gegen seine israelitischen Schüler (19 unter 42) ausstellen lassen und seine Obersecunda veranlaßt, dieses Zeugniß zu veröffentlichen. Wie es selbstverständlich ist, hatten die jüdischen Schüler bei dieser Ceremonie in der Classe selbst Stillschweigen beobachtet. Der Veröffentlichung hingegen, bei welcher man sie um ihre Zustimmung gar nicht gefragt, mußten sie entgegentreten. Die „Nat.-Ztg." enthält folgende Zuschrift: „Die in Ihrer heutigen Morgennummer enthaltene Erklärung der „Obersecunda des Friedrichs Gymnasiums" soll offenbar den Jrrthum erregen, daß auch die jüdischen Schüler jener Classe mit dem Inhalte einverstanden seien, während es jedoch Thatsache ist, daß die qu. Erklärung keinem der zahlreichen jüdischen Schüler zur Kenntnißnahme Vorgelegen hatte. Auch die in der Erklärung erwähnte Rede eines Schülers zur Verherrlichung Jungfers war ohne Wissen und Willen der jüdischen Mitschüler erfolgt." Es ist bei der sonst straffen Disciplin in den preußischen Schulen weit gekommen, wenn die Schüler mit ihren Urtheilen über die Lehrer in die Oeffentlichkeit gebracht werden, und zwar durch die Lehrer selbst. Die neuesten Erscheinungen zeigen hier auf einen wunden Fleck, und das Vorgehen des hiesigen und des Breslauer Magistrats gegen Gynmasiallehrer, die sich zu Werkzeugen fanatischer Agitation machen und dadurch ihr Verhältniß zu den Schülern trüben, lenkt natürlich die Aufmerksamkeit ans die Stellung dieser Männer. Im antisemitischen Lager benutzt man dies bereits zu anklägerischen Flugschriften gegen jene Magistrate und kündigt solche bereits an. — Auf der Hamburger und der Lehrter Bahn findet ein großer Andrang von Auswanderern statt und die coursmäßigen Dampfer aus Hamburg und Bremen nach Amerika reichen nicht mehr aus: man muß Extradampfer einlegen. Ein großes Contingent dazu stellen die Juden aus Russisch-Polen und Galizien. Dies meldet auch die „Kreuzzeitung", und sie kann sich daraus überzeugen, daß die auswandernden polnischen Juden ihr Ziel durchaus nicht in Deutschland und Preußen, sondern jenseits des Oceans suchen, wo sie dem Borurtheil und Haß zu begegnen nicht zu fürchten brauchen. — Die „Kreuzzeitung" und die „Germania" geben sich alle erdenkliche Mühe, die „Erklärung" der 75 hervorragenden deutschen Männer in Berlin abzuschwächen, und namentlich auch die Erklärung Mommfen's gegen Treitfchke. Sie nörgeln an Inhalt und Form möglichst herum. Was könnte denn auch diesen Blättern und ihren Genossen mehr zuwider sein, als das „Evangelium der Toleranz", als „die Religion sei die ftohe Botschaft des Friedens!" Es gelingt ihnen nur wenig: diese „Erklärung" ist bereits eine schwerwiegende Thatsache, wie Lesfing's „Nathan" und die Paragraphen der preußischen Verfassung und des deutschen Reichsgesetzes über die Gleichheit aller Preußen und Deutschen vor dem Gesetze. Auch diese „Erklärung" gehört bereits zu der „Erbschaft unsrer großen Fürsten, Denker und Dichter." — Auch Hans v. Bülow prvtestirt gegen „den Mißbrauch seines Namens zu agitatorischen Zwecken". Dann hätte er aber auch die Petition nicht unterschreiben sollen. Wer sich in gewisse Gesellschaft begiebt, hat die Folgen davon zu tragen. Die hiesigen Zeitungen fließen jetzt von Erklärungen über, die hier aüesammt wiederzugeben unnöthig ist, da sie

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