Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1880)
- Date
- 1880-11-30
- Page
- Seite 760 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Gespräch der ganzen Stadt und des ganzen Landes gebildet haben. Ich kann mich auch berufen, wie mir authentisch berichtet ist, aus gewisse Massenschändungen jüdischer Gräber (oho! rechts), die in der Provinz vorgekommen sind. M. H., ich habe Belege hier vor mir (Ruse rechts: Beweise! Wo?); in Laßlau in Oberschlesien, Kreis Rybnik. (Zuruse aus dem Centrum.) Die Schändung katholischer Gräber, wenn sie ftattfindet und siattgefunden hat, gehört doch nicht in diesen Zusammenhang. Nun, glauben Sie denn, daß ich etwa diese einzelnen Fälle hier untersuchen will? (Zuruf rechts: Dann führt man sie auch nicht an!) Warten Sie, Herr v. Meyer, ich werde Ihnen die Antwort geben. Wo im einzelnen Falle Schuld oder Unschuld, wo im einzelnen Falle die Provocation, wo das größere Maß der Brutalität liegt, ist mir vollkommen gleichgiltig. Alle diese Erscheinungen sind nur die Signatur dieser Bewegung. (Sehr richtig! links.) Sie zeigen nur, wohin sie in einzelnen leidenschaftlichen Gemüthern führen. Die Verantwortlichkeit für das Einzelne liegt weit ab von der Verantwortlichkeit, welche die Gesammtheit der Bewegung trifft. Verantwortlich sind diejenigen, die diese Bewegung geschürt, gefördert und angefangen haben. (Sehr richtig! links.) Für viel schwerer aber als diese sichtbaren Folgen halte ich jene unsichtbaren, von denen doch jeder wissen kann, wer wissen will. Ich frage Sie z. B. jetzt, mit welchen Gefühlen meinen Sie wohl, daß unsere jüdischen Mitbürger ihre Kinder in die öffentliches Unterrichtsanftalten schicken, sie sind keinen Augenblick sicher, daß sie dort nicht Injurien, der Beleidigung ausgesetzt sind. (Sehr richtig! links.) M. H.! Das Gefährlichste sind nicht solche Beleidigungen und Injurien, die unter die Möglichkeit der Discipliu fallen, sondern jene Absonderung, jene Zurücksetzung, die vollkommen unfaßbar ist. M. H.! Bor allen Dingen sehen Sie sich diejenigen unserer jüdischen Mitbürger an, die mit dem vollen Einsatz ihres Geistes, ihrer Kraft, ihres Talents gewirkt haben in der Schule, in der Gemeinde, in dem Parlamente, in allen möglichen Lebensstellungen und Lebenskreisen, sehen Sie sich gerade diese Juden an, die das vollste Verdienst für sich in Anspruch nehmen können, welches jeder für sich in seinem öffentlichen und privaten Leben in Ansprach nimmt. M. H.! Glauben Sie nicht, daß diese jüdischen Mitbürger jetzt unter einem Drucke stehen, der ihnen das Gefühl der Sicherheit, die Freudigkeit ihres Schaffens rauben muß? M. H! Haben wir denn nicht eine vollkommen unwidersprochene Zeitungsnotiz. daß selbst jetzt der höchste Ehrendienst, der dem Könige und dem Vaterlande zu leisten ist, nicht ganz sicher ist (hört, hört! links) vor einzelnen Beleidigungen, vor einzelnen Insulten? M. H.'. Ich glaube nicht, daß gerade diese unsichtbaren Folgen von irgend jemandem, dem es um eine sachliche Erwägung zu thun ist, unterschätzt werden können. Sie haben allerdings jetzt eine Kluft aufgeriffeu zwischen unseren Mitbürgern, die in der That niemand rechtfertigen kann, die in jeder Beziehung als unheilvoll betrachtet werden muß. Meine Herren! Eine solche Lage der Dinge ist meiner Ueberzeugung nach vollkommen unvereinbar mit der Parteilosigkeit der Einzelnen. Es giebt eine gewisse Zuspitzung der Dinge, in welcher die kühle Zurückhaltung und die angebliche Parteilosigkeit trotz aller Protestationen zur entschiedenen und gerade weil stillschweigend vielleicht wirkamsten Parteinahme wird- Das, m. H., haben jene Männer empfunden, die am vorigen Sonntag ihre Manifestation gegen die anti-semitische Bewegung veröffentlicht haben. Ich behaupte aber auch, daß in dieser Lage sich in diesem Augenblick die königl. Staatsregierung befindet. (Hört! links. Oh, oh! rechts.) M. H., weil ich die Lage so ansehe, weil ich behaupte, daß Zurückhaltung und Parteilosigkeit in diesem Augenblicke Parteinahme ist (sehr wahr! linls), darum, m. H., habe ich diese Anfrage gestellt. Ich habe die Frage absichtlich nicht so gestellt: welche Stellung die königliche Staatregierung einnimmt gegenüber gewissen Exceffen, Ausschreitungen, Leidenschaftlichkeiten. Ich weiß es, daß gerade in Bezug hierauf der königl. Staatsregierung die Wege gewiesen sind. Hier existiren eben die Gesetze über die Presse, über das Vereinswesen, ihre gesetzliche polizeiliche Ermächtigung, ihr Recht der Anklage. Es würde uns wahrhaftig, gerade mir und meinen Parteifteunden schlecht anstehen, wenn wir hier irgendwie eine einseitige Handhabung dieser Befugnisse auch nur dem Scheine nach empfehlen wollten. Nein, meine Herren, das, was wir ganz allein in dieser Beziehung verlangen, das ist gleiche Sonne und gleicher Wind. (Heiterkeit! Im Centrum Zurufe: auch gegen die Polen und gegen die Katholiken!) M. H., ich weiß nicht, daß sich hier irgend jemand von meiner Partei gefunden habe, der eine Beeinträchtigung Ihres Versammlungs- oder Bereinsrechtes ins Auge gefaßt hätte. Ich weiß allerdings, daß gerade in Bezug auf die Handhabung dieser Ihrer gesetzlichen Befugnisse (vielfache Unterbrechungen) — M. H., ich bitte Sie, doch mich nicht immer zu unterbrechen, Sie müssen doch sehen, daß dadurch meine Interpellation zu begründen mir schwer und schwerer wird; ich muß schon physisch meine Stimme mehr anstrengen, als nothwendig ist; wozu denn diese Unterbrechungen, Sie haben ja nachher das freie Wort. M. H., es existiren zweifellos Besorgnisse gerade in den betroffenen jüdischen Kreisen, als ob die königliche Staatsregierung nicht überall mit jenem gleichen Recht, welches auch wir fordern, verfahren habe (Oho! rechts), m. H.. warum oho, wo mein Nachsatz kommt: ich gestehe ganz offen zu, daß ich nach denjenigen Zuschriften und demjenigen Material, das mir zugekommen ist, bisher : nicht im Stande gewesen bin, irgend welche Anklage in dieser Beziehung gegen die Regierung zu erheben, M. H., wozu Ihr Oho! Warten Sie meine Sätze ab. M. H., ich weiß