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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-30 · Heft 48 (30.11.1880) · p. Seite 759

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 48 (30.11.1880)
Date
1880-11-30
Page
Seite 759 (sequence 7)
Language
German
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759 rungen, diese Kritiken, die leidenschaftlichen Angriffe gegen alle Billigkeit und gegen die Natur der Sache verstießen, darum, m. H., konnte die Bewegung nicht festgehalten werden auf dem Punkte, und die Bewegung hat sich ganz einfach gegen das Judenthum als solches gerichtet. (Unruhe.) M. H., verlangen Sie Beweise dafür? Sehen Sie sich die Statuten der Antisemitenliga an, was enthalten dieselben? Nichts als die überall durchgeführte Tendenz, die Juden ohne jeden Unterschied des Verdienstes, der Ehrenhaftigkeit, der Leistung, des Charakters auszuschließen von unsern gesellschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen. Sehen Sie sich doch die Wahlen an; haben bei den communalen Wahlen, die wir hier in Berlin, den politischen, die wir in Breslau, in Magdeburg erlebt haben, diejenigen Personen, die jene Bewegung förderten, danach gefragt, ob der Betreffende verdienstvoll sei oder nicht, ob er dieser oder jener politischen Partei angehöre, was er bisher geleistet habe, welchen ehrenhaften oder nicht ehrenhaften Charakter er gehabt habe? Nein, m. H., die rothen Placate, die wir hier selbst an dem Rathhaus — ich muß sagen, ich unter Erröthen — gesehen haben (Lachen), diese Placate lauteten ganz einfach und simpel: „Wählt keinen Juden'. (Sehr gut!) M. H.! Im Anfang der Bewegung konnte man vielleicht glauben, daß es sich um eine religiöse Bewegung handelte; ich habe noch gestern eine Rede gelesen, die eine gewiffe Sensation innerhalb dieser Bewegung gemacht hat. Diese Rede pointirt dahin, daß die jüdische Religion, wenn sic orthodox sei, eine abgestorbene Religion, ein überlebter Geist, ein verknöchertes Gesetz sei, wenn sie aber die reformirte Religion sei, nur ein dürftiges Ueberbleibsel der Aufklärungsperiode, in beiden Fällen aber sei sie ein intolerantes und sich überhebendes Glaubensbekenntniß. M. H.! Wenn Sie mich zwischen die Wahl zwischen zwei Uebeln stellen wollen, dann sage ich Ihnen ganz offen: die religiöse Betonung der Frage ist mir die liebere, die Religion ist eine Angelegenheit, die sich discutiren läßt, die man abthun und die man annehmen kann, die auf der innern Ueberzeugung beruht, für die man verantwortlich ist. M. H.! Diese nach meiner Ansicht leichtere Färbung hat die Bewegung nicht eingehalten, sie ist rund und voll übergeleitct worden in die Frage der Raffe. (Sehr gut! links.) Das ist nach meiner Ueberzeugung die aufteizendste, die tiefgreifendste, ich scheue mich keinen Augenblick zu sagen die perfideste Wendung (sehr gut! links), die diese Sache nehmen konnte; denn die Nation, zu der ich gehöre, die Rasse, zu der ich geboren bin, das ist ein Factum, welches über mich verhängt ist, das kann ich nicht abschütteln, da kann ich mich nicht corrigiren, da bin ich nicht verantwortlich. M. H.! Die Feindschaft, der Haß. welcher gegen die Raffe erregt wird, richtet sich nicht gegen die einzelnen Untugenden, sondern gegen den ganzen Menschen. (Sehr richtig! links.) Diese Erregung von Haß und Feindschaft gegen die Rasse ist die Leugnung, die praktische Untergrabung der Fähigkeit, sich zum allgemeinen Menschenthum und nationalen Bürgerthum auszubilden (sehr wahr! links); diese Wendung ist meiner Ueberzeugung nach gradezu ein Schlag ins Gesicht gegen das oberste und vornehmste, gegen das königliche Gebot des Christenthums (s. 3. Mos. 19, l*!), welches dasselbe gleichwerthig erklärt mit dem Gebot der Gotresliebe, m. H., mit jenem Gebot, dessen Anwendung auf die vorliegende Frage jedem schlichten Verstände und jedem einfachen Herzen zweifellos ist, jenem Gebot, welches lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! (Sehr gut! Beifall links.) M. H.! Im Anfang der Bewegung schien es, als ob dieselbe ihre Bestrebungen festhalten wollte auf dem Boden des Gesetzes und auf dem Boden der gegebenen Berfaffung. M. H., auch diese Voraussetzung hat sich nicht bewahrheitet, wir sehen es, und die Interpellation, welche vorliegt, hat gerade darum jene Petition, die darin berührt ist, ausdrücklich hervorgehoben und in ihren einzelnen Sätzen markirt. Wir sehen es jetzt, daß psychologisch und logisch die Nothwendigkeit vorlag, jene Bewegung zu unterstützen mit der Forderung, die verfassungsmäßige und gesetzliche Gleichberechtigung der Juden zu beseitigen mit dieser Wendung, die ich für die letzte Erfüllung, für den nothwendigen Ausgangspunkt der Bewegung, die man angefangen hat, betrachtet: mit dieser Wendung hat die antisemitische Bewegung den Boden socialer und religiöser Erörterungen verlaßen. Die antisemitische Bewegung hat damit den politischen, den legislativen Boden betreten, sie fällt von diesen: Augenblicke an in die Competenz der legislativen Factoren, der königlichen Staatsregierung und dieses Abgeordnetenhauses. M. H.! Ich habe Ihnen kurz die Entwicklung der antisemitischen Bewegung, die wir erlebt haben, geschildert, ich komme jetzt zu den Folgen, die diese Bewegung hervorgebracht hat. Ich gehe hier ganz leicht und obenhin über die sichtbaren Folgen hinweg, jene turbulenten Volksversammlungen (Zurufe). — Ja, m. H., warum unterbrechen Sie mich immer? Ich weiß so gut wie Sie, daß es immer eine gewiffe Maffe giebt, die nervöser Erregung, der Agitation, des Skandals bedarf, eine Masse, die gestern die socialdemokratischen Versammlungen besuchte, heute die christlich-socialen, morgen die antisemitischen Volksversammlungen, und die übermorgen sich dieser oder jener Partei an die Fersen hängt. (Wiederholte Zurufe.) Darf ich um Ihren Einwand bitten? (Präsident: Ich bitte fortzufahren.) M. H.! Zu jenen Folgen gehört jener Cynismus und jene Rohheit der Presse in dieser Frage, die meiner Ueberzeugung nach vollständig ebenbürtig ist derjenigen Haltung der socialdemokratischen Presse, die zu deren Unterdrückung geführt hat. Ich will auch nur kurz berühren jene Brutalitäten in öffentlichen Localen und öffentlichen Communicationsmitteln (Zurufe rechts), welche da»

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