Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1880)
- Date
- 1880-11-30
- Page
- Seite 756 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227334--38520-3307763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
756 bis jetzt jener wühlerischen Agitation gegenüber beobachtete. Auch die „National-Zeitung" widmet ihr jetzt mehrfache Leitartikel, und characteristisch ist, wie sie im ersten derselben am! Schluffe sich ausspricht: | „Auch diejenigen, die mit einer gewissen Lauheit und j Gleichgültigkeit bis jetzt, manchmal mit schlecht verhüllter Schadenfreude, den Anfeindungen der Juden gegenübergestanden haben, werden jetzt erkennen, wie tief gcmeinschädlich auf unser ganzes bürgerliches und sociales Leben eine solche Tendenz wirkt. Wenn sie die Verfolgten schädigt und kränkt, so erniedrigt und corrumpirt sie in erster Linie die Verfolger. Nachdem diese Tendenz ihr Unwesen in possenhaften Versammlungen und scurrilen Schriften getrieben hat, sucht sie, allerdings nicht ohne Mitschuld eines hervorragenden Mannes, ihr Gift in die eigentlichen Culturstätten zu tragen. Wir halten es gegenüber diesen letzten Vorgängen für eine öffentliche Pflicht, mit Nachdruck und Entschiedenheit gegen die Anfeindung der Juden aufzutreten. Wir sind überzeugt, daß die öffentliche Meinung— ist sie sich über die ganze Bede»' tung der Sache einmal klar geworden, — mit voller Entschiedenheit dem Ausspruch sich anschließen wird, der bereits zu einer Zeit siel, da noch Manche „objectiv" und „kulturhistorisch" dem Treiben gegenüberstanden, dessen Verwerflichkeit immer deutlicher hervortritt, dem Ausspruch von hervorragendster Stelle: Die Judenhetze ist eine Schmach für unser Jahrhundert und unser Volk." — „Objectiv" und „kulturhistorisch", das sind die Worte, mit denen sich Herz- und Grundsatzlosigkeit verdecken und beschönigen, und diese waren es, welche die liberale deutsche Presse bis jüngst in dieser Angelegenheit bethätigte, selbst der Theil der liberalen Presse nicht ausgenommen, deren Redacteure Juden sind. Ihr lag es vor Allem daran, zu erweisen, daß der Liberalismus sich nicht mit den Juden indentifizire, und daß er so unjüdisch sei, daß er lieber die Juden der bittersten Verfolgung preis gebe. Wir könnten davon viel Erbauliches mittheilen. Alle unsere Bemühungen, von Zeit zu Zeit Abwehrartikel in die „liberale" Presse zu bringen, waren vergeblich. Man betrachtete das Stillschweigen als eine Nothwendigkeit für die eigene Existenz. Als wir uns deshalb an einen, jüngst sehr gefeierten Mann wandten, erhielten wir — keine Antwort. Ja, die Tage der Gefahr zeigen erst, was rechte Freunde sind, und man muß da auf schwere Enttäuschungen gefaßt sein! Jetzt fteilich, wo sich das öffentliche Gewissen wieder bekundet, fassen die Herren wieder Muth und hören auf „objectiv" und „kulturhistorisch" gegenüberzustehen. Die gouvernementale Presse vcrräth uns noch nichts. Tie „Nordd. Allg. Ztg." schreibt über die bevorstehende Interpellation im Abgeordnetenhause: „Jedenfalls wird sich im Landtage die Möglichkeit bieten, den Streitfall aus allen Gesichtspunkten erörtert und beleuchtet zu sehen, und Angesichts der Aussprüche eines so bedeuffamen Areopags glauben wir auch heute noch von jeder subjektiven Besprechung der in Rede stehenden Vorgänge Abstand nehmen zu dürfen. Jedenfalls wird die Debatte im Landtage eine Fülle neuen und gewichtigen Materials beibringen und damit in weit höherem Grade ein durchaus unbefangens Urtheil erleichtern." Aus diesen Worten ersieht man weiter nichts, als daß die „N. A. Z." noch kein mot d’ordre erhalten hat. — Es ist wohl kaum zu bezweifeln, daß die national-liberale Partei die Grundsätze des Lieberalismus in dieser Verhandlung Hochhalten werde, trotz der Nörgelei, welche die „Nationalliberale Correspondenz" an der Interpellation verübt, weil diese — von der Fortschrittspartei und den Secessionisten ausgegangen. Tenn die Tagespresse überhaupt, die stets von Parteirücksichten sich bewegen läßt, kann nicht den alleinigen Maßstab für die Erscheinungen der Wirklichkeit abgeben. So müssen wir auch die Wirkung der „Erklärung" für noch bedeutender erkennen, als sie in der Tagespresse sich abspiegelt, da sie selbst den Herrn v. Treitschke bewog, eine Erklärung seinerseits abzugeben, die durch sich selbst das Gefühl der Schwäche bekundet, welches Treitschke jetzt für sein Borgehen empfindet. Sie bezeugt zu sehr, daß dieser Mann sich überwunden fühlt, als daß sie an dieser Stelle fehlen dürfte. Die „Post" veröffentlicht nämlich folgende Erklärung des Professors v. Treitschke: „In der „Erklärung" der Herren von Forckenbeck und Genossen vom 12. November stehen die Worte: „An dem Bermächtniß Lessings rütteln Männer, die aus der Kanzel und dem Katheder verkünden sollten, daß unsere Cultur die Jsolirung desjenigen Stammes überwunden hat, welcher einst der Welt die Verehrung des einigen Gottes gab." Ich ahnte beim ersten Lesen nicht, daß dieser Satz in irgend einer Beziehung zu meiner Person stehen könnte; denn wird er auf mich bezogen, so muß er, mindestens von allen Unkundigen, als eine öffentliche Anklage gegen meine Wirksamkeit auf dem Katheder gedeutet werden. Ich hielt für undenkbar, daß ehrenwerthe Männer, und nun gar meine Collegen, die meine Lehrthätigkeit näher kennen, durch unbedachte Worte den Anlaß zu grundlosen Verdächtigungen nach oben und unten bieten sollten. Inzwischen erfuhr ich von verschiedenen Seiten, daß man im Publikum allgemein jenen Satz als gegen mich und meine akademische Thätigkeit gerichtet betrachte. Obgleich ich gewohnt bin, mit offenem Visir zu streiten und alle versteckten Insinuationen mit Stillschweigen zu übergehen, so gebot mir doch meine Stellung als akademischer Lehrer, dieser Sache auf den Grund zu sehen. Ich richtete daher gleichzeitig briefliche Anfragen an drei der Unterzeichner dieser Erklärung. Ter eine der Befragten erwiderte, er habe das ganze Acten-