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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-23 · Heft 47 (23.11.1880) · p. Seite 739

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 47 (23.11.1880)
Date
1880-11-23
Page
Seite 739 (sequence 3)
Language
German
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sucht vergehen oder nach Geld gelüsten, Schneidergesellen, die den Arbeiterstand geschändet, verunglückte Literaten, die sich durch Beschimpfung Lessing's einen Namen neben Herostrat erwerben, Renegaten aus aller Parteien. Lagern, Industrieritter, welche die Judenhetze buchhändlerisch „fractiftciren," und Neidhardte aller Art von Beruf oder von Neigung. Doch diese Hefe der Gesellschaft würde nicht vermögen, ein Wort der Abwehr heranszufordern, — wagte sie es nicht, sich zu decken mit dem Namen des leitenden Staatsmanns im deutschen Reich. Es ist traurig nicht nur, sondern auch verwunderlich, daß der deutsche Reichskanzler, er, dessen Name steht unter den Gesetzen über die Gleichberechtigung aller Confessionen, er, der noch auf dem Berliner Congrcß diesen Grundsatz verfocht als ein Dogma des europäischen Rechts, keine Veranlassung nimmt, gegen den Unfug zu protestiren, den die Judenhetzer mit seinem Namen treiben. Es ist traurig — denn eine ganze Menge von lungernden Strebern und charakterlosen Gernegroßen machen gemeinschaftliche Sache mit jenem Troß, weil sie die beleidigende Ansicht festhalten, den Reichskanzler damit zu erfreuen und zu Gegendiensten zu verpflichten. Es ist verwunderlich, — denn dem Fürsten Bismarck kann nicht entgangen sein, daß die Agitation bereits in sein eigenes Organ, die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", eindringt und zu Bravaden veranlaßt, welche den „Aera-"Artikeln der „Kreuzzeitung" an Lügenhaftigkeit und Gehässigkeit nichts nachgeben. Dem Fürsten Bismarck kann auch nicht entgangen sein, daß man seine Reden aus dem Jahre 1847 neu aufgelegt hat, und mit ihnen jene Angriffe auf die Juden, welche der Reichskanzler in der Gesetzgebung längst als verrottet und unzeitgemäß verleugnet hat. Aber warum duldet oder gar veranlaßt der Kanzler, daß man diese Reden wieder ausgräbt, warum ermöglicht er es, daß die Hetzprediger und Hetzapoftel sich auf Bismarck'sche Aussprüche berufen können, wie den folgenden: „Ich gestehe ein, daß ich voller Borurtheile stecke, ich „habe sie, wie gesagt, mit der Muttermilch eingesogen, „und es will mir nicht gelingen, sie weg zu disputiren; „denn, wenn ich mir als Repräsentanten der geheiligten „Majestät des Königs gegenüber einen Juden denke, dem „ich gehorchen soll, so muß ich bekennen, daß ich mich „tief niedergedrückt und gebeugt fühlen würde, daß mich „die Freudigkeit und das aufrechte Ehrgefühl verlaßen „würden, mit welchen ich jetzt meine Pflichten zu er- „füllen bemüht bin. Ich theilc diese Empfindung mit der „Masse der niederen Schichten des Volkes." In der That, der niederen Schichten, niedrig nicht an gesellschaftlicher Stellung und Vermögen, sondern niedrig an Gesinnung, Denkart und Charakter. Aber Fürst Bismarck hat diese niedrige Empsindungsart, wie die Gesetzgebung beweist, doch lange überwunden, er hat Juden zu Freunden, Geschäftsführern und Mitarbeitern, — wie kann er jene Aeußerung wieder ohne Vorbehalt, ohne Commentar in die Welt setzen lassen? Wie kann er dulden, daß die Intoleranz Worte von ihm über Friedcnthal und Rudhardt schlechterdings deutet in ihrem Sinne? Das Alles ist verwunderlich und nahezu unbegreiflich — unbegreiflich wie der Umstand, daß einem hohen Würdenträger der Kirche gestattet sein soll, Haß und Zwietracht zu säen zwischen den verschiedenen Confessionen, zwischen den Bürgern eines Volkes, die ohne Rücksicht auf Glauben und Abstammung ihren Pflichten gegen Staat und Gemeinde Nachkommen und, dem Rufe des Kriegsherrn gehorsam, in der Stunde der Noth unterschiedslos ihr Leben einsetzen für König und Vaterland. Aber ob immer der durchlauchtige Staatsmann beliebt, zu schweigen, wo er reden sollte und könnte, ob immer er verschmäht, zwischen die Hetzer zu fahren und ihnen die Verunglimpfung seines Namens zu untersagen — gemach, Ihr Herren Kaplänc und Hofprediger, Agrarier und Junker, Polizcisocialisten und Christlich-Sociale, es wird dennoch kein „Brändchen" geben im Staate Friedrichs des Großen, es wird die Gleichberechtigung der Confessionen nicht rückgängig werden ein volles Jahrhundert nach Lessing's „Nathan", eS wird auch nicht ein Titelchen geändert werden an dem europäischen Dogma, welches der Berliner Congreß bestätigte: denn über Eurem Willen steht nicht nur die Macht der Vernunft, nicht nur die Gewalt der Gesittung: erhaben, auch über dem Willen, selbst des mächtigsten Staatsmannes der Erde steht der Wille des kaiserlichen Hauses, und der deutsche Kronprinz, der Erbe des kaiserlichen Thrones, ist es, der laut und deutlich erklärt hat: „Die Judenhetze ist eine Schmach und Schande für Deutschland." Die Petition wird jetzt in mehr als 100,000 Exemplaren durch das Land verbreitet.') Tie „Schles. Ztg". und die „Germania" rühmen den „Mannesmuth" derer, die dic- 1) Die Namen der Unterzeichner des Begleitschreibens, in welchem zur Unterzeichnung der Petition aufgefordert wird, und die bereits in mehreren Zeitungen aufgezählt worden, lauten: Professor Dr. Brecher, Lehrer an der Kriegsakademie zu Berlin'. Ltto Gras Bredow - Görne, App.-Ger.- Rath a. D. und Rittergutsbesitzer; Breyther, Pfarrer in Klein Jena bei Naumburg: Freiherr Dr. Hans von Bülow, Intendant der Herzog!. Hoskapelle, Meiningen; Treyhaupt, Pastor in Saalek; Professor Dr. H. Fechner, Oberlehrer am Johannes-Gymnasium zu Breslau; Dr. Bernharv Förster, Lehrer an der königlichen Kunstschule (als Herausgeber genannt), Charlottenburg; Hapte, Prediger, Berlin: Dr. Hans Jungfer, Gymnasiallehrer, Berlin; Kindermänn, kaiserl. Hofgärtner, Schloss Babelsberg; Albert Knauer, Kaufmann, Berlin, Köpnickerstraße 123; ö. Kröcher- Bogtsbrügg; Dr. uied. Krug, Hofrath, Temnitz; I. Kühne, Buchbindermeister, Berlin; Ernst Lumpe, Schlossermeister, Berlin; Otto March, Regierungsbaumeister, Charlottenburg: Milde, Amtsgerichsrath Lublinitz; Richard Müller, Ingenieur, Berlin; H. v. Pfister; Major z. D., Philipps-Eich bei Langen in Hessen; Max v. Poncet Rittergntsbes. und Glasfabrikant, Friedrichshain N.-L.; C. Graf v. 47*

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