Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1880)
- Date
- 1880-11-23
- Page
- Seite 738 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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in Umlauf gesetzt wird, sehr groß ist und daß sie ledenfalls in der Sammlung von Unterschriften einigen Erfolg hat. Die Erfahrung lehrt auch, daß es bei solchen Dingen nur darauf ankommt, eine Anzahl erster Unterschriften zu haben, dann folgt schon eine Menge nach. Die Sache macht auch schon im Auslande großes Auf» sehen. Wir erhalten unter Anderen eine Correspondenz aus Brüssel, 9. November. So lange die Wühlereien gegen die Juden in Deutschland sich auf Zeitungen und Flugblätter beschränkten, nahm man im Auslande nur wenig Nottz von ihnen, denn an den kleinen Krieg der Parteien ist man in unserer Zeit überall gewöhnt. Nachdem aber diese Leute die Frechheit haben, vom Wort zur That übergehen und in Petitionen gesetzliche Rechtsbeschränkungen beantragen zu wollen, drückt die auswärtige Presie unverhohlen ihre Berwunderung und Verurtheilung aus und da bekanntlich Deutschland weder im Westen noch im Osten, weder im Norden noch im Süden beliebt ist, so hat man hier einen reichlichen Stoff, um geringschätzend auf Deutschland herabzufehen. So bringt die hier viel gelesene „Gazette* vom heutigen Tage einen Leitartikel: L'agitation anti-seuntique. Er beginnt: „Diese Agitation, welche den Charakter einer wahrhaften Verfolgung der Israeliten anzunehmen droht, ist nur neu unter der Form, welcher man ihr gegenwärtig in Deuffchland und in den neuen Donaustaaten giebt." Welche Ehre für Deutschland, mit Rumänien und Serbien in eine Linie gestellt werden zu können! Er erinnert an die früheren Berfolgungen, namentlich an den Borwand der Hostienschändung, welche „die Kirche noch heute als Mirakel feiert." Er kommt nun auf die in Deutschland jüngst in Umlauf'gesetzten Petitionen, die er auf Rechnung des protestantischen Fanatismus setzt. Nun, dieser letztere ist auch wieder nur Borwand, während man in Wirklichkeit damit nur die Wiederherrschaft der Reaction, des Feudalismus, der Orthodoxie und des Zunftwesens einzuführen beabsichtigt. Er fährt fort: „Es geschieht also in dem mächtigen deutschen Reiche, daß unter dem constitutionellen Regime steht, daß solche des Mittelalters würdige Maßnahmen ernstlich von der Regierungsgewalt gefordert werden. Man sagt, daß die liberalen deutschen Journale die Verteidigung der Israeliten gegen die anti-semitischen Wühler energisch übernehmen werden; aber ist es nicht schon zuviel für die Ehre Deutschlands, daß eine ganze Elaste Bürger, die nur das allgemeine Recht verlangen, die ihrem Lande weder ihr Blut noch ihr Geld vorenthalten, die mächtig für seinen Fortschritt, sein Gedeihen, seine Verherrlichung in Kunst und Wiffenschaft beitragen, daß diese nöthig bat, vertheidigt zu werden?" „Hier ist ein Volk, dem man bis auf den Boden sein Vaterland geraubt, das man gezwungen sich zu zerstreuen. das man verfolgt während Id Jahrhunderte und als Paria behandelt: was will man noch von ihm? Will man ein Volk von Heloten aus ihnen machen, will man sie außerhalb aller Berfaffung und Gesetze stellen? Ist dies der Grundsatz der modernen Gesellschaft, der Geist der Zeit? Wenn es möglich wäre, daß die freien Regierungen, oder die sogenannten, sich diesen Ausgeburten des Fanatismus anschließen würden, so müßte man an der Zukunft der Menschheit verzweifeln." — Endlich beginnt auch die liberale Presse sich zu rühren, und es liegt uns der Leitartikel der „Berliner Zeitung" vom 9. November, verfaßt vom Chefredactenr des gedachten Blattes, vr. .jur. I. Levy vor, von dem wir die Haupfftelle wiedergeben: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo! Und sie satteln den alten abgetriebenen Klepper, werfen sich wieder in die verrostete Rüstung und legen die wurmstichige Lanze ein gegen Alles, was Jude heißt oder scheint. Ueber ihnen aber schwebt das Banner mit den Worten „Christenthum und Humanität," und ihre Devise ist „Wahrheit, Freiheit und Recht." Es ist eine lustige Cumpanei, die sich zusammengefunden! Die erste Schlachtlinie bilden geziemend die allergetreuesten Schildknappen der Curie; brenzlicher Duft thut ihren Geruchsnerven wohl, und da es „Ketzer" nicht leicht mehr zu brennen giebt, bescheidet man sich großmüthig mit Semiten und solchen, die es gewesen sind. Da macht auch die Taufe gar keinen Unterschied. Wie Friedenthal als Jude behandelt wurde, so reibt man sich jetzt auch an Simson und Friedberg. In geschlossener Phalanx neben den Ultramontanen, deren verbreitetste Organe „Germania" und „Schlesische Bolkszeitung" jeden Tag für verloren halten, an dem sie den Juden eins auszuwischen unterlassen haben, stehen die Christlich-Socialen und die Altconservativen. Hofprediger wandern von Ort zu Ort und künden das Evangelium der „Liebe", der Liebe, die sich bewähren soll in der Ausrottung der Juden, sie preisen die Lehre von der Gotteskindschaft und Brüderlichkeit, der Brüderlichkeit, die sich in der Entziehung von Recht und Freiheit gegenüber den Juden bethätigen soll. O, sie wissen gar wohl, daß geschrieben steht: „Liebe Deinen Nächsten!" sie wissen gar schön, daß der Apoj stel mahnt, nicht zu scheiden Grieche, Römer, Christ, Jude, i Heide, sondern Jedermann als Sohn des ewigen Vaters im! Himmel zu achten; aber was ist ihnen Evangelium, was ist I ihnen Apostel, was ist selbst der Stifter der Kirche, der da; ruft: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" — wenn es gilt, an den Juden das Müthchen zu kühlen! «Mag die Bibel und mag die Vernunft zehnmal Toleranz j rnbefehlen — „der Jude wird verbrannt." Um die Träger des Tatars und der Kapuze aber schaaren sich allerlei zweideutige Gestalten, lichtscheue Gesellen, die vor Ruhm-