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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-16 · Heft 46 (16.11.1880) · p. Seite 729

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 46 (16.11.1880)
Date
1880-11-16
Page
Seite 729 (sequence 9)
Language
German
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729 wissen Kluger, während die Fortschrittspartei den Enkel des Stanislaner Rabbiners Horowitz bernsen will oder richtiger berufen hat, denn beide Parteien haben bereits ihre Consense ausgestellt und beide Candidaten sind bereits hier. Die drolligsten, und possirlichsten Szenen spielten sich ab bei den Versuchen beider Candidaten, ihre Anttittsreden zu halten. Es gab da Züge und Gegenzüge, die einer humoristischen Feder Werth wären. Am letzten Samstage kam es sogar so weit, daß die Bezirkshauptmannschaft die Synagoge und das Bethaus der Sicherheit wegen sperren mußte. Auch wurde scheints an die Ausweisung beider Dignitäre gedacht, denn Plötzlich kauften beide Candidaten hiesige Realitäten an. Der ganze Kampf ist zu bedauern und giebt Zeugniß von der dringenden Nothwendigkeit der Regelung unserer Cultusverhältnisie durch ein Statut, welches den Wahlmodus vorschrciben und uns deratt beschämende Kämpfe ersparen würde. Den größten Unwillen erregte es hier, daß ein stadtbekannter Lemberger Exrabbiner den Versuch machte, in dieser Gemeindeangelegenheit zu interveniren. Besagter Exrabbiner kam vor dem vorletzten Samstage hierher und wollte scheints durch seine vermeintliche Autorität unserer Gemeinde imponiren und so seinen Schützling Kluger ins Rabbinat einführen. Dieser Versuch ist dem Herrn Exrabbiner mißlungen, die hiesige Bolksmaffe empörte sich förmlich dagegen, daß dieser Mann Cultusstreitigkeiten schlichten will. Das Bethaus, welches der gewesene Sammler der Palästinagelder am Samstage besuchen wollte, war umlagert. Die Bolksmaffe verwehtte ihm den Eintritt, schrie, daß er unwürdig sei, ein Gotteshaus zu betteten und drohte ihm mit handgreiflichen Argumenten, falls er nicht Zolkicw vcrlaffen werde. Der Herr Intervenient zog mit langer Nase ab und dürfte für einige Zeit von seinen: Autoritätswahne geheilt sein." Frankreich. Paris, 5. Nov. (Privatmitth.) Es ist nicht zu verkennen, daß in Frantteich der Radicalismus wieder bedeutende Fortschritte macht, sowohl an Heftigkeit als an Umfang seiner Anhangerzahl. Die Gegner der Regierung selbst tteiben sie demselben immer näher. Eine der ersten Forderungen die Geistlichen, wobei er natürlich in gleichem Maße gegen die protestantischen und jüdischen, wie gegen die katholischen verfährt. Jüngst wollte er sogar dem israelitischen Consistorium die Erlaubniß verweigern, auf eigene Kosten ein neues Terrain für Schulbauten zu erwerben, unter dem Vorwände, daß dies für confessionelle Schulen sei. Da diese Weigerung gar nicht innerhalb der gesetzlichen Befugnisse des Municipalrathes lag, so hob die Regierung den Beschluß desselben auf. In den letzten Tagen legten die radicalcn Blätter eine Petition zur Unterzeichnung auf, welche das den 8. November wieder zusammentretende Abgeordnetenhaus auffordert, den Cultusetat im Budget zu stteichen. An maffenhaften Unterschriften fehlt es nicht. Wahrscheinlich bleibt diese Petition vorerst erfolglos, noch dazu, da sie im Senate auf starken Widerstand stoßen würde. Allein das Feldgcschrei ist einmal erhoben und wird nicht verhallen, bis es den Sieg errungen, gerade so wie es mit der Amnestte der Communards ergangen. Wir meinen daher, daß sich die jüdischen Gemeinden in Frantteilü schon jetzt darauf einrichten müßten, damit der Ucbergang nicht zu schwer falle. Die Juden aller Welttheile, außer Frantteich und Belgien, haben seit so vielen Jahrhundetten erwiesen, daß sie ihren gottesdienstlichen Bedürfnissen auch ohne Staatsunterstützung zu genügen vermögen, und die stattlichen Synagogen und Wohlthätigkeitsanstalten dieffeits und jenseits des Oceans zeigen, daß sie Opferwilligkeit genug dazu besitzen. In Frankreich käme allerdings dazu, daß nicht wie im übrigen Europa, mit Ausnahme Italiens, das Gesetz jeden Israeliten nöthigt, der jüdischen Ortsgemeindc beizutreten. Man wird zwar darauf Hinweisen, daß dies auch in Amerika nicht der Fall sei. Allein die Zustände lassen sich darum nicht gut ver gleichen, weil die Zahl der Juden in den amerikanischen Städten sehr groß, in den französischen, außer Paris, nur gettng ist. Wie gesagt, um so mehr erfordert es die Besonnenheit, schon jetzt daran zu denken und Einrichtungen zu treffen, welche jenem Abbruch der Staatsunterstützungen zuvorkommeu und den Mittelpunkt abgeben können für die späteren Maßnahmen. Die Gemeinde von Paris hat hierzu bereits das Vorbild gegeben. Da hier nämlich der staatliche Cultusetat für die Israeliten nur geringes Wachsthum der Radikalen ist: die Trennung von Staat und Kirche, d. h.! zeigte, die jüdische Bevölkerung von Paris aber immer mehr die Stteichung des Cultusetats. Die unbändige Leidenschaftanschwoll und die religiösen Bedürfnisse sich hiermit steigerten, lichkeit des katholischen Clerus und seiner Pattei, die naso hat man vor drei Jahren eine Gemeindecasse freiwilliger türlich den Widerstand immer stärker Hervorrust, macht es! Beittäge gegründet und es erwies sich ein lebhafter Eifer, wahrscheinlich, daß die Republik bis dahin gelangt. Der! zu ihr zu steuern. Diesem Beispiel sollten alle französischen Gemeinderath von Patts ist bekanntlich sehr radical und strebt j Gemeinden folgen, auch wenn sic Anfangs nur kleine Beimit aller Macht auf die Beseitigung des Cultusetats los.! ttäge beanspruchten. Das betr. Publikum würde sich dadurch Vorläufig streicht er an demselben, was er gesetzlich nur! an die Zahlung solcher Beiträge gewöhnen. Die Staatsimmer vermag, und soweit jener in das Bereich der städti-! Unterstützung für den jüdischen Cultus bcttägt jetzt durchschen Lasten fällt, z. B. an der Wohnungsentschädigung für i schnittlich 6 fr. pro Kopf jährlich. Dies ist nach den Er-

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