Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1880)
- Date
- 1880-11-16
- Page
- Seite 728 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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728 Berlin, 7. Nov. (Privatmitth.) Wie arg es im 33. i Wahlbezirk, wo Dr. Straßmann unterlag, zuging, ersieht! man aus folgendem Artikel des „B. B. E.": „Vielleicht hatten diese Leute, die jüngst einen nächtlichen Einbruch in die Canzlei der jüdischen Gemeinde machten und den Cassen-! schrank zu erbrechen begannen, die Phrase vom „Germanen-; thum" und dem „Kamps gegen das Semitenthum" im j Munde, die sie in den bekannten frommen Hetzerversamm-1 lungen hören konnten. Ganz im Ernst'. Die Bewegung, die j den Unfrieden in unsere Reichshauptstadt trägt, die alle ge-! meinen Leidenschaften nährt und dem Verbrechen leicht die Gloriole eines politischen Prineips leiht, darf ferner nicht geduldet werden, wenn wir nicht Zustände haben wollen, gleich denen der Pariser Commune. Ter Anfang ist ja gemacht. Die Wahlen ins Stadtverordnelencollegium, sonst so ruhig und von sachlichen Erwägungen geleitet, arteten dieser Tage in einigen Bezirken zu wüsten Balgereien aus. Durch grobe Täuschung, durch Drohungen und Uebcrrumpelung wurden Stimmen geworben. Schnapsflasche und Knittel spielten ihre Rolle im Wahlkampfe und es kam zu Verhaftungen, trotzdem die Polizei im Ganzen diesem Treiben gegenüber eine rührende Toleranz zeigte. Prositirend von der absoluten Unthätigkeit der Liberalen und nicht eben wählerisch in den Mitteln, hat die Hetzsippe im 33. städtischen Wahlbezirk den Erfolg errungen, daß Dr. Straßmann nicht gewählt wurde. Freilich ging es bei der Wahl schlimmer zu als in den ungarischen oder amerikanischen Wahlkämpfen. Die „Gemeinde" war sonst der Inbegriff der Einhelligkeit aller Bürger, jetzt ist der wüste Hader in die Gemeinde hineingetragen. Die maßgebenden Persönlichkeiten werden nunmehr die Pflicht haben, zu erwägen, ob die Hetzereien ohne acute j Gefahr noch ferner zu dulden sind. Ordnung oder Tumult, j Friede oder Aufhetzung von Bürgern gegen Bürger, das ist j die Frage, Gemeinde oder Commune?" — Dr. Straßmann ist im 14. und 27. Wahlbezirk gewählt worden, und hat Tür j den ersteren angenommen. Aus der Sitzung der Stadtver- > ordneten-Bersammlung vom 4. d. berichtet man: „Bor der Tagesordnung nimmt Stadtverordneter Tiersch zu folgender Erklärung das Wort: In den letzten Tagen ist unsere Stadt zum Schauplatz höchst bedauerlicher Vorgänge gemacht worden, die sich gegen einen Mann richteten, den als den unsrigen zu betrachten wir uns bisher zur Ehre anrechneten. Nach meiner Auffassung ist diese Art der Behandlung communaler Angelegenheiten eine durchaus tadelnswerthe und unwürdige. (Sehr richtig'.) Ich gestatte mir zum Ueberfluß noch einmal öffentlich zu erklären, daß unsere Sympathie und Hochachtung für den gekränkten Mann, unfern Collegen und Vorsteher Dr. Straßmann unvermindert dieselbe ist. (Lebhafter Beifall.) Vorsteher Dr. Straßmann dankt herzlichst für diesen Ausdruck des Vertrauens." — Nach dem „Reichsanzeiger" ist auf Grund des Socialistengesetzes eine Druckschrift mit dem Titel: „Nieder mit den Juden'." verboten worden. Ebenso wurde eine Nummer der „Ostend-Zeitung", in welcher die Wahl im 33. Bezirke als „Siegesdepesche" als „der Triumph des Germanenthums" verkündet ward, von der Polizei mit Beschlag belegt, jedoch erst nachträglich, nachdem die Nummer schon zwei Tage cursirt hatte. — Diesen Mittheilungen können wir doch nicht unterlassen, eine andere an die Seite zu setzen. Wenn unsrer Zeit just nicht ein lebendiges Gefühl für Gerechtigkeit und Anstand als Gemeingut zugeschricben werden kann, so erweist sich dagegen Tag für Tag, daß die Vergeltung nicht ausbleibt, sondern rasch und entschieden sich bethätigt. In Berlin schreien die Ultramontanen und Reactionären: „Wählet keinen Juden'." i — in Amerika ruft man ebenfalls bei Wahlen: „Wählet j keinen Katholiken!" Die ..Daily-News- und ebenfalls die! „Germania" berichten, daß bei den jüngsten, die Präsidentenwahl vorbereitenden Wahlen im Staate New-Dork — also in einer mit Berlin analogen Oertlichkeit — mit großer Vehemenz der Ruf erhoben wurde: „Wählet keinen Katholiken'." was gegen die zahlreichen Irländer gerichtet war. Auch hat die Partei, die dieses Losungswort austheilte, den Sieg errungen. Wenn in Berlin eine „antisemitische Liga" projectirt wurde, so besteht, nach denselben Berichten, in Nordamerika jetzt eine ..American Alliance“, die ihre Mitglieder verpflichtet „nicht wissentlich für einen römischen -Katholiken zu stimmen, noch für irgend eine politische Stellung zu empfehlen, und ebenso wenig solche, die mit dem römischen Katholicismus sympathisiren." Dies sind traurige Erscheinungen; aber am wenigsten dürfen sich darüber jenseits des Oceans Diejenigen beklagen, welche diesseits derartige Jntriguen eingesädelt, und mit allen Kräften gefördert haben. — Um mit etwas Erfreulicherem zu schließen, bemerke ich, daß die in Ihrem Leitartikel, S. 38 '» d. I. geäußerten Wünsche in Erfüllung zu gehen scheinen. Man will endlich in Berlin für eine Statue Lessing's Vorgehen. Das dessallsige Comit«'- ist wieder erstanden und hat sich erneuert. Gesammelt sind bereits 211,000 Mark. Den Rest glaubt man durch öffentliche Sammlungen und durch Unterstützung der Stadt in nicht zu langer Zeit aufzubringen. Oesterreich-Ungarn. j Zolkiew (Galizien), im Oct. Bei unsren Glaubensgenossen in Galizien nimmt bekanntlich jedes Borkommniß leicht einen etwas stürmischen Charakter an. Ein Bild davon giebt uns der Lemberger „Israelit" aus oben genannter Stadt, und es ist so sprechend, daß wir es hier ganz wiedergeben. „Unsre sonst ruhige Stadt ist seit Wochen der Schauplatz eines hartnäckigen Kampfes. Es handelt sich um die Besetzung des erledigten Rabbinerpostens. Die orthodoxe Partei will zum Rabbiner einen ge-