Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1880)
- Date
- 1880-11-16
- Page
- Seite 726 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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726 Rom zurückgekehrt waren, blieben diese Ueberlieferungen herrschend, so daß fast das ganze 15. Jahrhundert für die Juden des kleinen Landes eine Zeit der Sicherheit und des Friedens war, während rings die Greuel der Verfolgung gegen ihre Glaubensgenossen wütheten. Wiederholt strömten Flüchtlinge — u. a. aus Spanien — in dieses sichere Asyl, um entweder dort zu bleiben oder von da aus eine weitere und größere Stätte neuer Wirksamkeit aufzusuchen. So vollkommen war zumal im 14. Jahrhundert die Eintracht zwischen Juden und Christen, daß wir oft letztere, ja sogar Adelige mit Israeliten ein Compagniegeschäft begründen sehen. Erst später, von der Mitte des 15. Jahrhunderts an, beginnen die kleinen christlichen Kaufleute sich — ganz wie heute! — über die Concurrenz der Juden zu beklagen und von den Päpsten einschränkende Verordnungen zu erlangen. Was den Geldhandel im Besondern anbctrifft, so haben die Avignoner Juden, wie die französischen überhaupt, denselben erst sehr spät, im 13. Jahrhundert, betrieben und blieben während des ganzen Mittelalters darin stets weit hinter den italienischen Banquicrs zurück: man sieht also, daß die Juden nicht ihrer Stammesanlage nach Geldwechsler und Speculanten, sondern nur durch die Noth geschichtlicher Berhaltniffe dazu gedrängt sind. Und noch viel weniger begründet ist der Borwurf, daß die Juden den Haß der christlichen Bevölkerungen sich im Mittelalter durch erbarmungslosen Wucher zugezogen hätten. Unser Verfasser beweist aus urkundlichen Zeugnisien, daß sehr häufig christliche Schuldner, um sich ihrer Verpflichtungen billig zu entledigen, ihre jüdischen Gläubiger des Wuchers vor den geistlichen Gerichten anklagten, die damals über diese Anschuldigung zu erkennen hatten und stets geneigt waren, den Juden Unrecht zu geben. Die Thätigkeit der Juden als Banquiers war im Mittelalter eine so untergeordnete im Berhältniß zu den Italienern und Südfranzosen (den „Cahorsinern"), daß sic wahrlich nicht als Hauptträger des Wuchers angeklagt werden können. Ueberdies fließt bei dieser Sache meist ein leicht zu erklärender Jrrthum unter. Die Kirche verurtheilte überhaupt, aus dem Pentateuch fußend, moralisch jedes Zinsnehmen als „Wucher", usura. usure*. es ist also, wenn man einen Geldgeber des „Wuchers" zieh, meist gar nicht von einem übermäßigen, sondern von einem ganz gebräuchlichen Zins die Rede. Was nun Avignon und die Provence überhaupt betrifft, so hören wir wohl, daß der Papst und die Grafen der Provence aus dem Hause Anjou den Wucher der Lombarden und Florentiner bestrafen, aber nicht, daß sie Juden wegen dieses Vergehens züchtigen; wir hören, daß die Kirchenversammlungen gegen den Wucher der Christen eifern, während sie von jüdischem Wucher nichts wißen; wir hören, daß z. B. bei dem Papst Urban V. von allen Seiten Klagen über den Wucher der Italiener einlaufen, während sehr wenige Beschwerden die Juden betreffen. Woher sollte alle Welt gerade die letzteren verschont haben? Im Gegentheil weist der Berfaffer aus Hunderten von Notariatsacten des 14. und 15. Jahrhunderts nach die „Betrügerei christlicher Schuldner und die Bereitwilligkeit der geistlichen Richter, ihre Klagen anzunehmen und die Juden auf uner> wiesenen Voraussetzungen hin zu vcrurthcilen." Das Ergebniß seiner langen und unermüdlichen Nachforschungen ist, daß die Juden fast ausnahmslos zu einem sehr mäßigen Zinsfuß ausliehen, und daß, wenn sie zu Täuschungen ihre Zuflucht nahmen, um diesen Zins zu verbergen, es geschah, damit sie den Verfolgungen der geistlichen Gerichte entgingen, welche allen, selbst den bescheidendsten Zins als Wucher zu bestrafen liebten. „Wir sehen nichts," sagt Herr Bardinet, „in diesen Verhältnissen, was die Rechtlichkeit und Geradheit der Mehrheit der Juden verdächtigen könnte. Wenn einige Fälle sich zeigen, wo Christen von ihnen ausgebeutet und betrogen worden sind, so finden wir andere, wo jene es ihnen reichlich wieder vergolten haben". Wenn ein späterer Culturhistoriker einst unsere heutigen Zustände in dieser Hinsicht besprechen wird, wird er — davon sind wir überzeugt — zu keinem anderen Ergebniffe kommen! Ilebrigens waren die Israeliten von Avignon und der Graffchast Venaissin durchaus nicht alle dem Handel ergeben. Wie überall, wo man sie nicht Jahrhunderte lang gewaltsam vom Handwerk ausgeschloffen hat, wie noch heute in Polen, der Türkei, Persien, hatten sie sich in großer Zahl dem letztern gewidmet. Man begegnet jüdischen Goldschmieden, Webern, Färbern, Spinnern, Buchbindern, Gerbern, Tuchwäschern, Schneidern. Erst gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts erwirkte der Brotneid der christlichen Handwerker beschränkende Edicte gegen ihre jüdischen Collegen. Und nachher klagt man die Juden an, daß sie vor der Handwerksarbeit zurückscheuen!! Doch nicht genug: da die Israeliten in jener Provinz auch Land erwerben durften, so betrieben sie massenhaft den Ackerbau und besonders die Weinkultur. Die jüdischen Landleute hatten sogar ihres einsichtsvollen Fleißes wegen großen Erfolg, bis auch hier die gemeine Eifersucht der christlichen Bevölkerung störend eintrat. Doch dauerte es bis zum 16. Jahrhunderte, daß ihnen das Recht des Besitzes von Immobilien genommen wurde. Mit all' ihrer eifrigen Arbeit gelangte die große Mehrheit der Juden nur zu einem mäßigen Wohlstände; großer Reichthum war bei weitem seltener bei ihnen, als bei dem einheimischen Adel oder den italienischen Banquiers und Großhändlern. Am einträglichsten war noch das ärztliche Gewerbe, das von den Juden mit dem glänzendsten Erfolge ausgeübt wurde. In ganz Südsrankreich zog man die jüdischen Aerzte den christlichen vor, trotz der Warnungen und der Concurrenz der Priester. Im sechzehnten Jahr-