Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1880)
- Date
- 1880-11-16
- Page
- Seite 723 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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723 ten? Sie sollen sich zurückdrängen, und so stumm um Entschuldigung bitten, daß sie rn der Welt sind? Das hieße ihrrn Feinden Recht geben und sich des Rechtes benehmen. Mit Ernst und Spott, mit würdiger Ueberzeugung und mit verdientem Hohn haben sie im Gegentheil aufzutreten gegen Jene, die es wagen, wie vor Zeiten, noch heute, noch in dem Jahrhundert, in dem wir leben, Menschen nach Glauben und Abstammung classisiciren zu wollen, statt nach sittlichem Werth, Intelligenz und bürgerlichem Verdienst, gegen Jene, die noch heute nach Klaffen, nach Confessionen die Menschen sondern wollen, statt das Individuum nach seinen Vorzügen, oder nach seinen Schattenseiten gut oder abfällig zu beurtheilen." Gewiß, dadurch, daß sich die Juden passiv verhielten, wuchs ihren Gegnern der Muth, schwoll ihnen der Kamm, eroberten sie sich ein Terrain, und dehnen es immer weiter und weiter aus. Wir haben uns hierüber niemals täuschen lasien. Im Lause des Sommers bildete man sich in Berlin ein, die Strömung hätte sich verlausen; man wäre mit der Judenhetze über den Berg. Wir glaubten dies nicht, meinten vielmehr, daß mit der beginnenden Wintercampagne die Sache nur um so ärger werden würde. Einerseits bleiben die anregenden Parteien bei ihrem Plane, andrerseits haben bereits zu viele Individuen ihren Erwerb aus der Jndenhetze gemacht, um nicht mit aller Macht weiter zu arbeiten. Hieraus mußte man sich vorbereiten, und endlich aufraffen, die herandringende schwarze Fluth zu bekämpfen. Wir schrieben deshalb im August an die Vorstände der jüdischen Gemeinden zu Berlin. Breslau. Frankfurt a M. und Hamburg und beantragten, daß diese deutschen Hauptgemeinden durch Delegirte zu einer Berathung über die Mittel zusammcntreten, durch welche die Judenhetzen zu bekämpfen seien. Wir hatten dabei in Aussicht genommen, sowohl korporative Vorstellungen bei der Staatsregierung und nöthigenfalls bei den gesetzgebenden Körpern — denn das Individuum in vereinzeltem Auftreten vermag hierbei nichts: ferner die Wahl einiger thatkräftigen Männer, um mit Schrift und Wort in der Presse und in Versammlungen den Dämonen des Haffes und der Verfinsterung unermüdlich entgegenzutreten, und endlich die Beschaffung der nöthigen Mittel zu solchen Zwecken. Der Vorstand von Hamburg war es, der völlig sachgemäß und mit dem Ausdruck seiner Bereitwilligkeit antwortete; von Frankfurt a,M. erhielten wir eine Empfangsbescheinigung, von Breslau, daß man den weiteren Verlaus abwarteu wolle, von Berlin — gar keine Antwort. Wir wollen hiermit nicht den guten Willen dieser Vorstände bezweifeln; aber die Ansicht derselben, Alles ruhig über sich ergehen zu lassen, ist eine irrige und schädliche und hat nur den Vorzug, sehr bequem zu sein und Anderen die Abwehr und Vertheidigung zu überlassen. Gott wolle es bessern? Bonn, 9. November. Eine Llage ans -em Volke. Es ist jüngst eine kleine Broschüre: „An meine deutschen Glaubensgenossen'. Ein Wort über unsre Rabbiner, Lehrer und Prediger. Bon August Oppenheim." (Meyri, Basel.) erschienen. Wir haben stets grundsätzlich auch den Stimmen Beachtung geschenkt, welche aus dem Schooße unsrer Glaubensgenosienschaft über unsre Einrichtungen und Zustände sich vernehmen ließen. Derartige Kundgebungen zu mißachten oder todtzuschweigen, führt nur zur Einfeitigkeit, die für eine Gesammtheit nachtheilig ist. Wir erinnern z. B. an „das Sendschreiben eines Hausvaters" in Nr. 75 des ersten Jahrganges dieser Zeitung. Außerdein ist der Titel gedachten Schriftchens so volltönend, daß es schon deshalb nicht unbesprochen bleiben darf. Es beschäftigt sich mit unsren jüngeren Rabbinern und mit den „Lehrer-Predigern." Vom eigentlichen Lehrerstande ist keine Rede. Ter Vers, wirst zunächst einen vergleichenden Blick aus die katholischen Priester, ihre Lebensentsagung, ihre warme Hingabe an ihren Berns, ihre Intimität mit allen Gliedern ihrer Gemeinde. Tie Schwerkraft der katholischen Kirche fei in dem Pflichtbewußtfein ihrer Priesterschast zu suchen. Der jüdische Cultus habe mit einer Seelforge eigentlich gar nichts zu thun. Aber die Rabbiner seien dazu da, um das Judeuthum zu erhalten. Das Gegentheil findet er nun bei den jüngeren Rabbinern, von denen so mancher „als ein ausgewachsener Resormheld und l),. phil. die schöne Stadt an der Spree verläßt und die Nichtigkeit aller jüdischen Vorschriften hinansposaunt." Er sagt: „Wenn die Masse sieht, daß der Rabbiner selbst nichts glaubt oder daß er nur thuc, als wenn er glaube, ist es da zu verwundern, wenn uns ein geistiges Proletariat über den Kopf wächst?" Ter Vers., der für keinen orthodoxen Juden gehalten sein will, geht bei diesen Vorwürfen jedenfalls einseitig zu Werke. Er hat ein und das andere Exemplar vor Augen; und man kann ihn schon dadurch widerlegen, daß andererseits geklagt wird, daß die meisten aus den bisherigen Rabbiner-Seminaren hervorgegangenen Rabbiner sich zu orthodox gerirten und die Gemeinden auf dem conservativen Standpunkte festzuhalten suchten. Ohne auf die Sache cinzugchen, kann man mit Recht sagen, daß hier der Vers, einige wenige Beispiele für seine Vorwürfe verallgemeinert. Er klagt ferner, daß „selbst unsre eigentlichen Rabbiner ihren Beruf viel zu geschäftsmäßig auffassen, nach Geld heirathen und sehr hohe Gchaltsansprüche stellen, so daß selbst größere Gemeinden auf einen Rabbiner verzichten müssen." Für diesen Vorwurf hätte der Berf. wohl schon mehr Gründe, und es ist z. B. ein widerwärtiges Schauspiel, um jede etwas besser dotirte Stelle eine große Zahl Bewerber eandidiren zu sehen, wobei sich zugleich eine geringe Anhänglichkeit an ihre bisherigen Gemeinden bekundet. 4tt*