Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1880)
- Date
- 1880-11-16
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227332--38484-3307725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Partei in Reichstag, Landtag und Stadtverordneten-Bersammlung schickt — diese Stadt, die Brutstätte der mittelalterlichen Borurtheile, der schmählichsten Intoleranz, der consessionellen Bersolgungssucht, sie, in welcher die Unkirchlichkeit und Religionslosigkeit das weiteste Lager aufgeschlagen, läßt sich von zwei Hofpredigern zur Wahlurne führen! Da fragt man sich natürlich: Da alles Dies thatsächlich ist, was geschieht dagegen? Wie wird gegen diesen sinstcrn Geist angekämpft? Auf welche Weise sucht man diesen giftigen Nebeldunst wieder zu zerstreuen? . . . Dreien Faktoren läge die nachdrücklichste Bekämpfung ob: dem Gesetze und seinen Handhabern, der liberalen Partei, und den Juden selbst. Wir meinen nicht, daß es gegen diese staatsgesährliche Wühlerei eines besonderen Gesetzes, wie etwa gegen die Socialisten, bedarf. Das Gesetz;, welches dem Bürger die Sicherheit nicht bloß des Lebens und des Eigenthums, sondern auch seiner Ehre und seines gesellschaftlichen Rechtes verbürgt, welches jede Erregung von Haß und Verachtung gegen Bürgerklassen und anerkannte RcligionSgescllschaften verbietet und bestraft wissen will, ist ausreichend vorhanden: cs kommt nur auf dessen Anwendung und Handhabung an. Trifft doch das Strafgesetzbuch schon den Versuch des Mordes und des Diebstahls. Daß aber in jenen Plakaten, Flugblättern, Zeitungsartikeln und Reden der Versuch vorlicgt, die Massen gegen die Juden so aufzuhctzen, daß Mord und Plünderung daraus entstehen können, ist unzweifelhaft. — Und nun die liberale Partei? Niemals hat sie die Schwächen ihrer Natur mehr bekundet, als in diesem Falle. Sic hat nicht begriffen, daß die im Hintergründe der ganzen Aufregung stehenden Parteien es gar nicht auf die Juden allein abgesehen haben, daß deren Unermüdlichkeit, deren Aufwand aller Kräfte nicht den kleinen Triumph über die Juden beabsichtigen, daß sie vielmehr an dieser schwachen Seite des deutschen Volkes den Hebel anzusetzen bezwecken, um den ganzen Liberalismus zu stürzen, um das Volk auf ihre Seite zu bringen und es den liberalen Anschauungen zu entziehen. Tie Liberalen hätten dies begreifen sollen, als sie sahen, daß von Anfang an die Judenhetzer sich bemühten, Liberale und Juden zu identisiciren, die Liberalen als von den Juden beherrscht, im Dienste der Juden zu denunciren, die liberalen Zeitungen als Judenblätter zu bezeichnen. Sie rührten sich aber nicht; sie sahen dem ganzen Kampfe mit gekreuzten Armen zu. Erregte es doch schon Verwunderung, wen» ein liberales Blatt einmal einen die Juden vertheidigenden Artikel brachte. Noch mehr, ein Theil dieser Partei, der bis jetzt mit unter der liberalen Flagge gesegelt war, gesellte sich zu den Judcnhetzern und suchte diese zu einem gewissen Ansehen zu bringen, ohne sich zu scheuen, an den Unwahrheiten und der Haßgier derselben theilzunehmn. Nein, die Liberalen begriffen nicht, daß es sich gar nicht um die Juden allein und hauptsächlich handele, sondern um die Anschwärzung und den Sturz der liberalen Politik, um die Wiederherstellung der ständischen und confessionellen Vorrechte, um die Erhitzung des Classenhasses und die dadurch gestärkte Herrschaft der Führer einzelner Claffen über ihren Volksschwcif, der Ultramontanen, der Pietisten, der Agrarier, der Feudalen, der Zünftler u. s. w. Hat doch die lieberale Partei stets die Verblendung gehabt, von der Höhe ihrer Grundsätze aus das Volk zu vernachlässigen und dieses den von ihren Gegnern herangebrachten Strömungen zu überlassen. Sic sahen immer müßig zu, wie das Volk ihnen abtrünnig gemacht wurde, bis es gegen sie selbst zog, und die Reaction aus Jahrzehnte Herrin wurde. So auch diesmal. Statt von Beginn an mit Schrift und Wort, mit Versammlungen und Vorträgen dem anstürmenden Schwall cntgcgcnzuwirken, ließ man Alles ruhig geschehen, vielleicht mit der Verblendung, das? eS ja nur — den Juden gelte. Jent reisen bereits die Früchte. Man wagt cs in Berlin, in öffentlichen Vorträgen schon, von den Juden auf Lessing überzugehen und mit der Erklärung, dieser sei nur ein Jude gctvcscn, ihn hcrabznrvürdigen, ihn der Kleingeisterei und der Verirrung zu zeihen und in allen seinen Ansichten und Bestrebungen zu brandmarken. So der ehemalige Privatdocent Dühring. Man sieht vornehm auf ihn herab, und läßt ruhig solche Gesinnungen im Volke sich verbreiten. Man wird bald weiter gehen. Und endlich die Berliner Juden selbst? Sie haben nichts gethan; sie haben sich ruhig den Sturm über den Kopf wachsen lassen. Gegen Treitschke und Stöcker sind einige Gegenschriften erschienen, dies ist Alles. In einem trefstich geschriebenen Artikel sagt hierüber der B. B. C. vom 5ten d.: „Man hat unseren jüdischen Mitbürgern — und zwar aus ihren eigenen Kreisen heraus — gerathen, sie möchten sich den bestehenden Verhältnissen accomodiren, sie möchten wie das schwache Rohr im Winde, sich beugen, bis der Sturm verbraust ist; man hat ihnen gerathen, sie möchten sich doch hübsch von jeder politischen Opposition fernhalten, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sie möchten in socialer Beziehung doch hübsch zurücktreten, damit man sie nicht sieht und nicht von ihnen spricht, — mit einem Wort, sie möchten der im Schwange besindlichen Intoleranz Conzessionen machen, sie möchten das Mäuschen sein, das kein Geräusch von sich giebt, wenn cs Verfolger wittert." Und weiter: „Wenn sich den jüdischen Mitbürgern ein Vorwurf machen läßt in diesem Kampfe, so weit er sie betrifft, so ist es der, nicht auf der Stelle scharf und schneidig genug ausgetreten zu sein. Sie sollen von der Opposition gegen hohle Prätensionen, gegen Rückschritt und gegen Pfäfferei lassen, weil diese Factoren mächtig sind und ihre Waffen nur um so schärfer gegen sie, die Angegriffenen, kehren könn-