Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1880)
- Date
- 1880-11-09
- Page
- Seite 716 (sequence 12)
- Language
- German
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716 dunklen Wolken am Horizonte der Gesellschaft zu zerstreuen und den Himmel zu lichten. vir. Es ist in der Culturgeschichte der neueren Juden merkwürdig, aber noch nicht genug bemerkt, daß im ersten Biertel dieses Jahrhunderts plötzlich, wie mit einem Male, die Jeschibas und Bate-hamidrasch leer wurden und verödeten. Die Jugend, die früher so eifrig zu ihnen strömte, wandte sich von ihnen ab und dem gewerblichen Leben zu; die Jünglinge, die sie bereits zu besuchen begonnen hatten, widmeten sich eitrigst dem Erlernen des profanen Wissens und suchten, fast ganz autodidaktisch gebildet, im Lehrerstande eine Wirksamkeit. Es mußte sich ihrer sowohl die Ueberzeugung bemächtigt haben, daß sie zukünftig mit dem, was ihnen in der Jeschiba geboten ward, nichts zu ereichen vermöchten, als auch der Drang, sich die Geistesbildung anzueignen, die ihren Vätern ein unbekanntes Land, ihnen als ein geistiges Eldorado vorschwebte. Wie früher in jeder Gemeinde eine Anzahl Talmudgelehrter oder doch Talmudkundiger vorhanden war, so fanden sich jetzt überall Autodidakten, die, so unvollkommen ihr Wissen war, sich desselben außerordentlich freuten und nach allen Seiten den Anstoß für eine tüchtige Schulbildung der Jugend gaben, der sich noch heutzutage in der fast unverhältnißmäßig großen Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend bethätigt. Ich spreche hier vorzugsweise von Deutschland und von den Erscheinungen in diesem Lande. Bekanntlich hatten in den verflossenen Jahrhunderten, nachdem die Gerichtsbarkeit den Juden bis auf ein geringstes Maß entzogen worden, die Rabbiner die Functionen, vor Allem das Studium des talmudischen und rabbinischen Schriftthums für sich unaufhörlich zu treiben, die ihnen vorgelegten Ritualfragen zu beantworten, Ehen zu schließen und zu scheiden und was sonst mit dem Eherechte zusammenhängt, auszuführen und eine Schaar Jünger um sich zu sammeln, die sie im rabbinischen Wissen nach Kräften auszubilden hatten. Eine eigentliche Seelsorge übten sie nicht, und kamen selten, wenn nicht bei bestimmten Festlichkeiten oder Veranlassungen, in die Häuser der Gemeindemitglieder. Auch ihre öffentlichen Vorträge in der Synagoge waren nur selten im Jahre und gingen unter Umständen in Disputationen über. Aber die lernbegierige Jugend verlor sich jetzt und die Ritualfragen wurden immer seltener; an den Deraschoth fand das Publikum, das ihnen nur aus Pietät beiwohnte, weil es sie nicht verstand und die Gegenstände derselben ihm kein Interesse abgewann, kein Gefallen mehr. Es war erklärlich, daß hiermit, noch dazu da wenigstens die Eheschließung keine eigentliche rabbinische Function war, die alten Rabbiner auf den Aussterbeetat kamen und sich ihre Zahl immer mehr verminderte. Am Anfänge der Dreißig z. B. gab es außer in der Provinz Posen und einem Theile von Schlesien im ganzen preußischen Staate kaum noch ein Dutzend Rabbiner. Es mußte sich erst wieder ein neues Bedürfniß in den Gemeinden bilden, nämlich das der Predigt, und des geordneten Religionsunterrichts, so wie nach Reform des Gottesdienstes, um wieder von neuem Rabbinate zu bilden. Desto näher liegt es, sich das Bild jener alten Rabbiner, wie sie noch in unserer Kindheit und Jugend existirten, zu vergegenwärtigen. Was sie besonders charakterisirte, das war eine, für das gegenwärtige Geschlecht kaum faßbare Naivetät. In ihrem eigenen Wissenskreise, das ist im talmudischen und rabbinischen Schriftthum, von einer enormen Gelehrsamkeit, scharfsinnig, ja spitzfindig und gewohnt, in die dedaillirtesten Verhältnisse, in die verworrensten Fälle der Casuistik einzudringen und sie sich zurechtzulegen, standen sie der ganzen übrigen Welt mit vollkommenster Naivetät gegenüber, naiv gegenüber dem unermeßlichen Kreise des profanen Wissens, das sie dem jüdischen Theologen für völlig überflüssig, ja störend erachteten, die Schriften in nicht hebräischer Sprache oder in nicht hebräischen Lettern für trefe, also verboten haltend; naiv gegenüber dem ganzen Treiben der Welt, naiv selbst in Glaubenssachen, da sie nicht blos von philosophischer, sondern auch von dogmatischer Betrachtung der Religion kaum eine Ahnung hatten und selbst die Moral für ganz selbstverständlich betrachteten. Bon geselligen Beziehungen, von Zerstreuungen und Vergnügungen wußten sie nichts; was Genuß, Bequemlichkeit, Luxus war, erachteten sie viel zu sehr als nrn p6n Antheil am diesseitigen Leben, als daß nicht dadurch nach ihrer naiven Anschauung das jon cbiyb prn, der Antheil am jenseitigen Leben, geschädigt werden sollte. Beseelt waren sie von einem außerordentlichen Gerechtigkeitsgefühle und sie folgten noch jetzt dem Beispiele jenes alten Rabbi, der in einer Rechtssache zu entscheiden verweigerte, weil ihm, was er erst später erfuhr, die eine Partei aus dem Nachen geholfen, der ihn über den Fluß geführt. Da jede Rechtssache ihnen als eine religiöse erschien, waren sie darin ebenso peinlich, wie in den größten und kleinsten religiösen oder vielmehr rituellen Fragen. Die meisten von ihnen — darin gab es allerdings auch Ausnahmen — hatten von Geld und Geldeswerth wenig Begriff, und Habgier war ihnen deshalb völlig fremd. Dagegen überließen sie auch die Sorge um die Gemeindeinstitute, namentlich um Wohlthätigkeitsanstalten und Uebung der Wohlthätigkeit, den Vorstehern und Mitgliedern der Gemeinde. Man wird hier fragen: wie stand es aber bei ihnen mit dem religiösen Fanatismus? Traten sie hier nicht aus der an ihnen grrühmten Naivetät und waren zu Verfolgung und Unterdrückung geneigt? Ich bin weit entfernt, irgend