Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1880)
- Date
- 1880-11-09
- Page
- Seite 715 (sequence 11)
- Language
- German
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der reizt das Bedürfniß durch immer weiter gehende Befriedi- > gung. Man kann nur sagen, daß auch hier das Gesetz der Entwickelung geltend ist, zuerst auf jeder Seite, Consum und Production, für sich wirkt, in beiden dannvereinigt, und so das Resultat hervorbringt, das uns bei dem Rückblick auf die frühere Zeit in Erstaunen setzt, ja fast wie ein Märchen klingt, und doch ging dies Alles während eines Menschenlebens vor sich. Zu leugnen ist es nicht: durch diese Umwandlung sind alle Lebensverhältnisie verworrener und das materielle Leben bedeutend schwieriger geworden. Es versteht sich, daß die Erwerbsfähigkeit sich ungemein ausgedehnt hat, da ihr tausend Quellen eröffnet, tausend Wege erschloffen wurden, von denen unsre Väter keine Ahnung hatten. Aber in gleichem Maße konnte doch die Erwerbssähigkeit mit der Steigerung der Bedürfniffe und Preise nicht wachsen. Für einige Lebenszweige kam eine Zeit der Sorge und Bedrängniß, wie sie früher von diesen nicht gekannt waren. Ich meine vor Allem die Beamten aller Gattungen, deren Einkünfte nicht im erforderlichen Maße mit den Bedürfniffen und Preisen gleichen Schritt halten konnten. Der Kaufmann, der Fabrikant und Handwerker können mit den Preisen ihrer Waare in die Höhe gehen; aber die Beamten und die ungeheure Maffe der Handarbeiter vermögen dies nicht, sie sind abhängig von den Bewilligungen, die ihnen zugestandcn werden. Hat doch die Erfahrung gezeigt, daß selbst die Strikes der Arbeiter nur eine vorübergehende Folge haben, welche durch die Macht der Berhältniffe des Marktes wieder aufgehoben werden. Die eigentliche Geschäftswelt aber wurde in dieser gewaltigen Umwandlung von einer Beweglichkeit, Unruhe und Leidenschaft ergriffen, welche ihr eine völlig andere Gestalt gaben. Jedermann weiß, daß sich, selbstverständlich am meisten auf den großen Handelsplätzen, die Zahl der Fallissements ungeheuer vermehtt hat, oft an einem Tage, namentlich wenn eine Krise eingetteten, größer ist als früher in Jahren und je früher in immer längeren Zeittäumen. Das Auf- und Niedersteigen ist unübersehbar. Dem Beobachter zeigt cs sich, daß in einigen Jahrzehnten von den früheren größeren Häufern kaum noch eines besteht, während andere dafür in die Höhe gekommen. Ich habe Personen gekannt, in deren Leben sich das Reich- und Armwerden mehrere Male wiederholte. Die Bürgerlisten und die Steuerrollen wissen davon Unglaubliches zu erzählen, und zwar nicht blos unter denen, die man im engeren Sinne des Wortes Speculanten nennen kann, sondern auch im ganz gewöhnlichen Gewerbebetriebe. Der Erwerb und das Bedürfniß stehen eben nicht im entsprechenden Maße; um deshalb den Erwerb zu steigern, wird das Geschäft übermäßig erweitert, und in Berhältniffen gefühtt, die den Kräften und Absatzwegen nicht entsprechen. Denn man muß 'erwägen, daß ein Bedürfniß immer das andere weckt und dessen Befriedigung erzwingt, 5 und so konnte jener Amerikaner sagen, daß der kostbare Teppich, den er seiner Frau zum Gebuttstag geschenkt, seinen Ruin herbeigeführt habe, denn der Teppich verlangte nach und nach auch ganz andere Umgebungen in Möbel, Räumen, Dienstpersonal u. s. f. — Wir können uns der Hoffnung überlassen, daß dies vorübergehende Zustände sind, die von einer Uebergangsperiode unzertrennlich sind. Auch die lebendigste Entwickelung findet ihre Grenzen, wo sie wieder langsamer und ruhiger wird, ja werden muß. Alles hat sein Maß in dieser irdischen Welt, das unsren Augen sich oft entzieht, aber schließlich doch zu Tage ttitt. Dann werden die Verhältnisse für einen längeren Zeittaum sich wieder ordnen und regeln und zu einem gewissen Ausgleich kommen, wie dies in früheren Perioden der menschlichen Gesellschaft auch geschehen, B. nach der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien und Amerika. Würde die Culturgeschichte von unsren Borvätern ebenso gepflegt worden sein, wie die politische, so würden wir detaillitte Bilder von den früheren Zuständen der Gesellschaft besitzen, die uns für den Gang derselben eine richtigere Ein- und Uebersicht verschaffen könnten. Doch für unsre Gegenwatt liegen die Dinge einmal so und nicht anders. Die Unzufttedenheit, der Mangel an Arbeitsfreudigkeit, die Genuß- und Erwerbssucht wurden dadurch zur Signatur unsrer Zeit; indeß lange nicht so weit, um das Ideale, um das Bewußtsein des Sittlichen wesentlich zu verdrängen, wie es Schwarzseher und Parteigänger ausschreien. Doch hierüber ein anderes Mal. Diesen „Plaudereien" gemäß will ich heute nur noch eines besonderen Momentes erwähnen. Die geschildette Veränderung macht sich insbesondere in der Mitgift bei der Verehelichung geltend. Hier ist eine Steigerung eingetteten, welche allerdings von sehr nachtheiligen Folgen begleitet ist. Eine Mitgift, die vor einem halben Jahrhundett noch bedeutend war, erscheint jetzt winzig und gar nicht der Beachtung wetth. In früherer Zeit gab es in jeder ordentlichen jüdischen Gemeinde einen Verein, Ila.6bnL8La.td-La11a, der arme Bräute ausstattete. Die höchste Summe, die gewähtt wurde, betrug 50 Thaler, und damit war das Bedürfniß des jungen Paares gedeckt. Man stieg später bis zu 100 Thalern; aber bald zeigte sich auch diese Summe so ungenügend und unwirksam, daß die meisten dieser Vereine allmälig verschwanden. Dabei ist eben die Mitgift in den meisten Fällen für den Bräutigam ganz unentbehrlich und andererseits geht der größte Theil derselben in die Einrichtungskosten darauf. Die Folge davon ist eine wachsende Ehelosigkeit und das Heirathen nach Geld. Bei aller Zähigkeit der Menschcnnatur in den schwierigsten Lebensverhältnissen ist cs doch klar, daß ein solcher Zustand auf die Dauer im großen Ganzen sehr entsittlichend wirkt, und die Freudigkeit des Lebens in trüben Ernst verwandelt. Auch auf diesem Gebiete ist es die Aufgabe der Zukunft die 4ö*