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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-09 · Heft 45 (9.11.1880) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 45 (9.11.1880)
Date
1880-11-09
Page
Seite 714 (sequence 10)
Language
German
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714 Aeuilleton. PlauLereie« aus dem Leben. VI. Wer in seiner Erinnerung in die früheren Zeiten zurückgeht, dem drängt sich sofort die Bemerkung aus, daß sich jene von der Gegenwart ganz besonders durch die Einfachheit Luxus zur Belebung von Kunst und Gewerbe, zur Anspannung und Verfeinerung der productiven Arbeit auf allen Gebieten bei. Auch darf nicht übersehen werden, daß die Erfindung und Entwickelung des Maschinenwesens viel dazu beigetragen hat, die Gebrauchsgegenstände des Lebens zu verfeinern und ihre Anschaffung zu erleichtern, wie z. B. durch die Webemaschinen Stoffe zum Gebrauch für Jedermann hergestellt in Wohnung. Einrichtungen, Nahrung, Kleidung und der ganzen! werden, welche früher nur die Reichen und Großen anzu- Lebensart unterschieden. Als die Franzosen nach der Schlacht bei Jena in Berlin einzogen, so erzählt der Generalarzt Napoleons in seinen Memoiren, waren sie erstaunt, in der Mitte einer Sandwüste eine so schöne, architektonisch reich angelegte Stadt zu treffen; aber ebenso groß sei ihr Erstaunen gewesen, das Innere der Häuser so überaus dürftig eingerichtet zu finden, sowohl was die Structur der Häuser beschaffen vermochten. Jndefien dieser letztere Bortheil wird durch die mindere Dauerhaftigkeit der Stoffe und Arbeiten und durch die überall hin verbreitete Herrschaft der wechselnden Mode mehr als aufgewogen. Die einfachen, stets gleichbleibenden Trachten unsrer Voreltern machten es möglich, daß kostspieligere Kleider, die zu besonderem Festputz gehörten, von Geschlecht auf Geschlecht vererbt wurden und traf, als auch deren Ausschmückung: keine feinen Tapeten, die Enkelin schmückten, nachdem die Großmutter darin stolkeine Teppiche, keine Mahagoni-Meubles — keine großen; zirt hatte. Die reichste Bürgerin gab Jahr für Jahr für Spiegel — es wäre Alles gegen Paris und andere großen ihre Kleidung kaum so viel aus, wie jetzt ein Dienstbote. Städte wie in einem Dorfe gewesen. -childerung: Jndeß richtet sich dieses Alles eben auch nach den damaligen paßt wohl auf das ganze damalige Deutschland, wenn man! Einkünften, der Erwerbsfähigkeit und dem Geldwerthe jener von den höchsten und vornehmsten Schichten der Ge-! Zeit. In meiner Kindheit machte ein Vermögen von 10,000 sellschaft absieht. Wir haben wohl mancherlei Erlafie in j Thalern schon einen reichen Mann; im Handel reichten sie Städten und Staatchen zur Beschränkung des Luxus überlicj als Capital für ein ziemlich großes Geschäft aus, und vom fert erhalten, welche die Maxima vorschrieben, die in der! Zinserträge solcher Summe konnte das gealterte Ehepaar an- Kleidung, dem Ameublement, den Speisen und Getränken bei Festlichkeiten nach den Ständen verschieden beobachtet werden sollten. Aber die meisten sind sehr alt; denn nach dem dreißigjährigen Kriege trat eine solche Verarmung in Deutschland ein, daß dergleichen Vorschriften sehr überflüssig gewesen wären. Erst ungefähr mit den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts hoben sich allmälig auch in den mittleren Ständen die häuslichen Einrichtungen und die ganze Lebensweise, bis sie seit ungefähr drei Jahrzehnten luxuriös wurden und sich dies verhältnißmäßig bis in die untersten Bolkskreise ausdehnte. Tie Räumlichkeiten, die jetzt eine Familie in Anspruch nimmt, die kostspielige Ausrüstung dieser Räume, die reichere Kleidung, die bcffere Nahrung, die Zahl der Dienstboten, die Vergnügungen, Zerstreuungen und Reisen haben eine Ausdehnung gewonnen und zwar verhältnißmäßig in allen Volksklaffen, von der unsre Väter als einer unerschwinglichen und ruinirenden Verschwendung zurückgeschreckt wären. Ich will hier sofort bemerken, daß ich die Bortheile dieser völlig verständig und behaglich leben, wenigstens nach damaligen Begriffen. Die Gehälter der Beamten waren für die Vorstellung des jetzigen Geschlechts lächerlich gering. Mein Vorgänger im Amte z. B., ein sehr würdiger Mann von altem Schrote, sehr unterrichtet, selbst in der deutschen Literatur, soweit sie das Judenthum betraf, hatte einen Gehalt von 210 Thalern jährlich, denen allerdings die Geschenke zum Neujahrfeste und Purim, bei Hochzeiten und Beschneidungen eine gute Einnahmequelle hinzufügten -. er hatte eine Familie zu ernähren und dennoch hinterließ er ein kleines Capital und eine reiche hebräische Bibliothek, die ich für mehrere hundert Thaler ankaufte. — Die Sache hat natürlich einen sehr ernsten Hintergrund, denn die Wirkung auf die socialen und sittlichen Zustände konnte nicht ausbleiben. Die Bedürfniffe steigerten sich in schneller Gradation; die Vermehrung der producirten Werthe wuchs ins Ungeheure; hiermit auch die Maffe des Geldes und der Geldwerthe. So wurde das Geld wohlfeiler, d. h. änderten Zustände wohl zu würdigen weiß. Namenüich die die Preise aller Lebensbedürfnisse, der Rohstoffe wie der bessere, der Luft und dem Lichte zugängliche Wohnung, kräftigere Nahrung und größere Reinlichkeit wirken höchst günstig auf die Gesundheitsverhältnisse des Volkes und haben, wie die Statistik erweist, eine Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer schon jetzt erzielt. Nicht minder ttägt der Arbeitslöhne steigerten sich um das Dreifache und noch mehr. Die Frage nach der Ursache einer solchen außerordentlichen Umwandlung in verhältnißmäßig kurzer Zeit ist eine sehr verwickelte. Denn-die Wirkung wird sofort wieder zur Ursache; das gesteigerte Bedürfniß vermehrt die Productton, und diese wie

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