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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-09 · Heft 45 (9.11.1880) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 45 (9.11.1880)
Date
1880-11-09
Page
Seite 710 (sequence 6)
Language
German
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710 unermeßlichen Reiches irgend ein Gewicht auf einen solchen mehr lächerlichen als ernsten Aufzug legen und ihn gewiffermaßen sanctioniren kann! Allerdings ist auch die Gegenwart eine Zeit mündlicher Discufsionen, jedoch immer nur entweder durch gesetzlich gewählte Vertreter, wie in den Parlamenten, oder durch Männer der Wissenschaft in Congressen, immer also durch eine größere Zahl vereinter Kräfte. Daß sich aber zwei Individuen als Vertreter, großer Gemeinschaften aufspielen wollen, ohne das geringste Mandat dazu zu haben, ist eine nicht zu duldende Ueberhebung und Anmaßung, und einem fochen Vorgang Wichtigkeit beizulegen, kann nur aus einer bestimmten Absicht hervorgehen. Diese Absicht ist das Gefährliche an der Sache. Hierzu kommt, daß in einer öffentlichen Discussion zwischen Juden und Christen Licht und Schatten durchaus nicht gleichmäßig vertheilt sind: die ersteren müssen Rücksichten beachten, die für die letzeren nicht bestehen. — Mit dem Beginn des Winterhalbjahres haben auch die Reden und Borträge gegen die Juden wieder angefangen. Jndeß sie scheinen keinen rechten Zug mehr zu haben. Stöcker ist auf einer „agitatorischen Reise" begriffen und hat sein Redeamt in den Bersammdies alles mit ausgesprochener Absichtlichkeit. Jndeß diese neue und eklatante Niederlage der Ultramontanen an sich ist es weniger, die uns interesfirt. Für Heeremann stimmten 144, für Stengel 170. Daraus ergiebt sich, daß die Conservativen sich bei dieser Wahl gespalten haben. Denn da das Centrum mit den Polen 103 Sitze innehat, so müffen etwa 41 Conservative mit ihm gestimmt haben, während ein Theil der Conservativen, die Freiconservativen, die Nationalliberalen und bei der engeren Wahl auch die Fortschrittspartei gegen Heeremann votirten. Hieraus geht hervor, daß die protestantischen Hochkirchler die Verbindung mit dem Centrum festhalten, daß aber die Majorität bei der Gegenpartei steht, wenn diese in allen ihren Fractionen übereinstimmt. So viel wir von einer Bereinigung des Centrums und der Conservativen zu fürchten haben, so wird doch jedenfalls in großen principiellen Fragen die Mehrheit so beschaffen sein, wie sie sich bei dieser Wahl herausgestellt hat. — Am zweiten November finden neue Stadtverordnetenwahlen statt, und die „christlich-sociale" Partei gicbt sich alle mögliche Mühe, um die Wiederwahl liberaler Männer zu Hintertreiben, und bedient sich hierzu besonders der Judenhetze, lungen der „christlich socialen Arbeiterpartei" seinem Ge-' die natürlich in den unteren Volksschichten leicht Anklang «offen, Prediger Distelkamp, übergeben. Der ehemalige Privatdocent Dühring, der in Schrift und Wort schon so oft seine antijüdische Gesinnung kundgegeben, kündigt für 3 Mark drei „Populärwissenschaftliche Borträge" an, über die Themata: „Ueber den Grundcharacter moderner Literaturgrößen". Dühring ist bekanntlich ein Feind aller Größen aus dem Gebiete der Wissenschaft und Literatur, und will auch auf diesem das socialistische Nivellirungsprincip angewendet wissen; selbstverständlich mit Ausnahme seiner selbst — es wird daher nicht auffallen, daß der Gegenstand seines zweiten Bortrages „Die Ueberschätzung Lessing's" sein wird. Bis jetzt glaubte man, daß Lessing viel zu wenig geschätzt, gewürdigt und befolgt worden sei, aber Herrn Dühring ist es einmal Vorbehalten, überall neue Entdeckungen zu machen. Sein dritter Bortrag soll „Ueber die Fähigkeit der Juden zu Wissenschaft und Literatur" handeln. Hier wird Dühring so recht seiner Berkleinerungssucht und Schwarzseherei genügen; allein wir werden uns mit den „Literaturgrößen" und Lesfing trösten. Berlin, 31. Lct. (Privatmitth.) Es scheint uns, daß der Vorgang in der Wahl des Präsidiums unsres eben zusammengetretenen Abgeordnetenhauses bei dessen hohen allgemeinen Interesse auch noch ein besonderes für uns einschließe. Es wurde nämlich der Freiherr v. Heeremann, Mitglied des Centrums, bisheriger zweiter Bicepräsident, nicht wieder zu diesem Amte gewählt und dafür der frei- ~ conservative Stengel zu diesem Ehrenposten erhoben, während der frühere Präsident und der erste Bicepräsident mit überwiegender Mehrheit wieder gewählt wurden. Es geschah findet. Besonders richtet sie sich gegen die Wiederwahl Straßmann's, der jedoch in so vielen Wahlbezirken aufgestellt ist, daß seine Wiederwahl sicher ist. In der Freitagabend-Versammlung der Stöcker'schen Partei ging es so stürmisch und tumultuarisch zu, daß, um eine allgemeine Prügelei zu verhindern, die Versammlung über Hals und Kopf polizeilich geschlossen werden mußte. Eine Abstimmung fand natürlich nicht statt. Es muß dies für einen Hofprediger ein befriedigender Anblick gewesen sein! Den Gegenstand bildeten die Gewerkvereine. Eine Episode machte ein de- und wehmüthiger Widerruf des in der vorigen Versammlung gebrauchten Ausdrucks, daß das Kölner Fest nur eine Judenmaskerade gewesen. Der Redner bezeichnete ihn selbst als „unbesonnen". Die Freunde des Herrn Stöcker in der „Kreuzzeitung" und in dem „Reichsboten" hatten über diesen Ausdruck einen scharfen Tadel losgelassen. Außerdem kam eine Auflage der antijüdischen Petition zur Sprache. Man hat die Petenda verändert. Die 4 Punkte seien: 1) Die Einwanderung ausländischer Juden in Deutschland einzuschränken. Stöcker meinte, damit würden „unsre jüdischen Mitbürger in Deutschland einverstanden sein." Wir können Herrn Stöcker das Gegentheil versichern; denn einerseits findet eine solche Einwanderung in irgend erheblichem Maße gar nicht statt, und anderseits wollen wir keine Ausnahmebestimmungen, weder für noch gegen uns. 2) Fernhaltung der Juden von den juristischen Berwaltungsämtern; 3) Anstellung jüdischer Lehrer nur in besonders motivirten dringenden Ausnahmesälleu; 4) amtliche Statistik über die Berufsstellung der

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