Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1880)
- Date
- 1880-11-09
- Page
- Seite 711 (sequence 7)
- Language
- German
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m Juden in Deutschland. Man sieht, diese Leute sind bereits etwas auf dem Rückzug begriffen. Bonn, 27. Oct. (Privatmitth.) Das September- und Octoberheft des „Centralblattes für die gesammte Unterrichts- Verwaltung in Preußen" enthält eine „General-Ueb erficht der Ergebniffe der von den Königl. Wiffenschaftlichen Prüfungs-Commissionen im Jahre 1878—79 abgehaltenen Prüfungen für das Lehramt an höheren Lehranstalten." Es erhellt daraus, daß 401 Canditaten das Examen pro facrdtate doeendi bestanden, worunter;305 evangelische, 90 katholische, 1 menonitischer und 5 jüdische waren. Unter 262 Nachprüfungen bestanden 137 evangelische, 74 katholische und 1 jüdischer, so daß also unter 695 Canditaten 511 evangelische, 177 katholische, 1 menonitischer und 6 jüdische Canditaten die Prüfung, bestanden — also unter 695 6 Juden. Man sieht hieraus, daß einerseits die Katholiken lange nicht dem numerischen Bevölkerungverhältniffe gemäß ihr Contingent zu den Lehrern an den höheren Lehranstalten stellen, wie ja auch die Zahl der katholischen Schüler eine verhältnismäßig geringe ist. Anderseits erweist es sich nicht minder, daß die Befürchtungen der Ultramontanen und Reactionäre, die sich wegen der starken Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend so sehr zur Schau tragen, für das höhere Lehramt, gerade so eitel und unbegründet sind, wie vor den „Hosenverkaufenden Jünglingen aus Osten". Denn die 6 Juden unter 695 Geprüften betragen noch lange nicht die Zahl, welche das numerische Bevölkerungsverhältniß erforderte, das auf 116 Candidaten ein Jude, dagegen 1 auf 77 Seelen kommt. Ob nun die 6 jüdischen Candidaten wirklich eine Anstellung an öffentlichen höheren Lehranstalten erhalten, ist eine andere Frage, die der jüngste Fall in Breslau überaus zweifelhaft macht. Im Vorjahre 1877/78 hatten nur 393 die Prüfung bestanden, worunter 8 Juden; das Berhältniß war also damals für die Juden günstiger — ob weil damals die Berhältniffe noch günstiger erschienen? wollen wir nicht behaupten, da in kurzen Zeiträumen sich Zahlen oft nur zufällig machen. Das Berhältniß zwischen Evangelischen und Katholischen war damals ungefähr daffelbe. Bon den jüdischen Candidaten gehörten 2 den historisch-philologischen, 1 dem mathematisch-naturwiffenschastlichen Fache, 2 dem Fache der neueren Sprachen an, 1, wie bemerkt, der Nachprüfung; 4 von ihnen wurden in Berlin, 1 in Göttingen und 1 in Marburg geprüft. Eine besondere Rubrik bildete die Prüfung in Religion und Hebräisch; diese steht für „Juden" leer, da für die jüdische Religion keine Prüfung besteht. Nur noch die beiläufige Bemerkung über eine gewiffe Consequenz, mit welcher in den Ueberschriften es heißt: „Special-Nachweis der u. s. w. Candidaten nach Confession resp. Religion. Das „resp. Religion" geht auf die Juden, damit sie ja nicht unter „Confession" zu verstehen seien, ein Unterschied, der in der Auslegung der Gesetze vom Cultus- und Unterrichtsminister v. Puttkammer festhalten wird, den wir aber jüngst erst (d. I. S. 498) als unbegründet nachgewiesen haben. Fulda, 22. October. In der „Hessischen Morgenzeitung" liest man folgende Erklärung von sechszehn Juden aus Hersfeld: Das Borsteheramt der Israeliten zu Fulda hat den Synagogenältesten zu Hersfeld unter Strafandrohung aufgegeben, den Gottesdienst in der Synagoge jeden Samstag Morgen schon um sieben Uhr zu beginnen, während der ganzen hiesigen Gemeinde der Beginn des Gottesdienstes um 8 Uhr angemeffener erscheint. Ebenso hat das der sttengsten Orthodoxie ergebene Vorsteheramt den hiesigen Gemeindeältesten deshalb seines Amtes enthoben, weil derselbe auf die Anfrage des Borsteheramtes: ob der Hilssvorbeter seinen Bart abrasire oder abkneife, um Angabe der Merkmale ersuchte, an welchen man den hochwichtigen Unterschied dieser Entbartungsmethoden zu erkennen vermöge. Da die Mitglieder der Synagogengemeinde Hersfeld nicht gesonnen sind, sich in dieser Weise von Fulda aus maßregeln zu lasten, so haben dieselben beschlosten und sich gegenseitig bei einer Conventionalsttafe von 300 M. verpflichtet, aus der hiesigen Synagogengemeinde auszutreten. Die sog. orthodoxen Separattsten sehen an diesem Beispiel, daß das von ihnen mit so großen Anstrengungen und mit Hülfe des Herrn Laster erwirtte Austrittsgesetz seinen Stachel auch gegen sie selbst richten kann, wenn sie ihrer Bigotterie und ihren hierarchischen Gelüsten Befriedigung zu verschaffen suchen. Düsseldorf, 24. October. Hier wurde heute der zwölfte Berbandstag der Bildungsvereine Rheinlands und Westfalens abgehalten, wozu 116 Delegirte sich eingefunden hatten. Prof. B. Mayer hielt einen Bortrag über die Bolksliteratur, die er besonders im Lesebuch und in den Kalendern fand. Nachdem er über das erstere gesprochen, fuhr er fort: „Schlimmer als auf dem Gebiete der Schulbücher verhalte es sich auf dem der Kalenderliteratur. Die Kalenderlectüre sei nach mancher Seite eine trostlose. Geschichtsverdrehung, Verheimlichung und Verstümmelung nothwendig mitzutheilender Dinge, Erregung von Unzufriedenheit mit dem Staate unter den einzelnen Elasten, namentlich Schürung der leider so sehr grasfirenden Judenhetze, das seien Uebelstände, die in den meisten dieser Kalender ohne Unterschied der Confession sich breit machten. Namentlich sorgten auch manche Kalender (katholische wie proteftanttsche) für Verbreitung und Befestigung des Aberglaubens. Den so gearteten Kalendern müsse unerbittlicher Krieg erklärt werden und an die Stelle der verderblichen Lectüre sei die wahrhaft bildende und veredelnde besserer Kalender zu setzen". — Diese Sätze des ttefflichen