Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1880)
- Date
- 1880-11-09
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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708 bungen durch immer mehr sich sammelnde Kräfte und durch einen originalen Willen gedeihen mögen! Denn da die Zahl unsrer Glaubensgenossen in den Bereinigten Staaten bereits eine halbe Million erreicht haben soll, also der jüdischen Bevölkerung im deutschen Reiche gleichkäme, so würde eine dauernde Abhängigkeit von der alten Welt ein trauriges Zeichen von Schwäche und mangelnden Lebenstrieben sein und nur eine einseitige Entfaltung ergeben. — Kommen wir nun zu der gedachten Bierteljahrschrift, so belhätigt sie die Loslösung vom deutschen Mutterstamme dadurch, daß ne in englischer Sprache abgefaßt ist. Bei näherer Einsicht erkennt man aber, daß sie inhaltlich doch noch deutsch ist, da die Berfasier der einzelnen Artikel Deutsche von Geburt und Bildung sind und eine umfangreiche Abhandlung eine Uebersetzung aus dem Deutschen ist. Das erste Heft wird eingeleitet durch die Begrüßungsrede des Or. M. Lilienthal, der auch die Redaction der Bierteljahrsschrift leitet, an die Versammlung zu Detroit. Sie ist beredt, klar und voll Gemüthes. Seine vorzügliche Mahnung geht auf die Eintracht und den freundschaftlichen Verkehr der Mitglieder. Es folgt der in derselben Versammlung gehaltene Vortrag des Or. Wise „das Gesetz." Der Vers, will beweisen, daß die Worte 5. Mos. 4,2 und 13,1 (12,32.) nS -.son n^> nur auf die Zehn-Worte gehen, daß diese allein das unveränderliche göttliche Gesetz seien und hierauf die Reform fußen könne und müffe. Wir glauben nicht, daß diese Hypothese des verdienten und wisiensreichen Mannes große Beachtung finden werde. Auch widersprachen ihr schon alle Redner, die sich in jener Versammlung an der darauf folgenden Discussion betheiligten. Wenn man eine Behauptung durch eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Phrase der Schrift und durch einige dem Talmud und Midrasch entnommene Sätze begründen zu können vermeint, so wird man immer fehlgehen. Man braucht nur die Umgebung und die Stellung jener Worte an den beiden angeführten Stellen anzusehen, um Wise's Meinung verwerfen zu müsse». Abgesehen davon, daß die gedachten Worte nur ein Thcil der bez. Sätze find, gehören sie an d. ersten St. zu der allgemeinen Einleitung zu dem ganzen Gesetze, wie dies in 5. B. M. gegeben ist, und erst im folgenden Kapitel werden die Zehn-Worte angeführt. An der zweiten Stelle sind sie fernab von den Zehn-Worten und folgen auf eine Reihe Vorschriften, welche zum speciellen Gesetze gehören. Die Hypothese leidet auch an dem logischen Gebrechen, daß, wenn die Zehn-Worte das eigentliche Gesetz, alles Uebrige nur bedingtes Beiwerk bilden, die Worte issn auch nur zum ketzeren gehören, also auch keine bindende Kraft für die Zehn-Worte haben können. Es folgt eine Ansprache, die Herr M. Ellinger in der Versammlung gehalten: „Die Stellung der Juden im 19. Jahrhundert." Ter Geistesschwung und die warme Liebe füe Humanität geben ihm ein lebhaftes Interesse, wenn auch die ganze Zeichnung eine oberstächliche ist. Das p. 39. gegebene Namensverzeichniß bedeutender Israeliten der neueren Zeit enthält mannichfache Jrrthümer, welche die Rcdaction eines wissenschaftlichen Journals nicht durckschlüpfen lassen sollte. Or. M. Mielzincr giebt eine Abhandlung „Der talmudische Syllogismus, und zwar zunächst das Kal Vechomer." Der Verfasser giebt eine lichtvolle und übersichtliche Darstellung des seiner Definition, seinem Principe und seiner Anwendung nach, wobei schließlich die Sophistik nicht fehlte. Durch Beispiele erläutert er überall seine Erörterungen. Hieran schließt sich die Ucbersetzung einer Abhandlung des Or. M. Bloch aus dem Deutschen: Die mosaischen und talmudischen Polizeigesetze, die schon früher von uns besprochen worden, und die Protocolle der Juliversammlung. Man kann so diesem ersten Hefte der neuen Bierteljahrschrift nur ein günstiges Prognostikon stellen, da es sicherlich bald an Beiträgen auch aus Europa nicht fehlen wird. Hervorzuheben ist noch, daß wie p. 87 berichtet wird, von der Versammlung Commissionen erwählt wurden, welche für die nächste Sitzung der Gesellschaft Berichte vorzubereiten hätten: 1) ob und wie eine Synode zu berufen sei? 2) über die historische Entwickelung der Speisegesetze; 3) über die Ehegesetze in ihrem Verhältnis zum Staatsgesetz, 4) über Trauergebräuche, 5) über einen zusätzlichen Gottesdienst an Wochentagen. <Es liegt hierin die Frage über einen erweiterten Sonntagsneben dem Sabbath-Gottesdienst.) Man sieht hieraus, das das Ganze doch nur ein deutsches Gewächs ist. Denn einestheils sind derartige Fragen noch in keinem anderen Lande außer Deutschland aufgeworfen worden, anderseits wurden dieselben Fragen von den Rabbinerversammlungen und den beiden Synoden behandelt und die gedachten Commissionen werden in den Protocollen und Berichten der gedachten deutschen Versammlungen eine reiche Fundgrube haben. Würden sich die in Amerika lebenden Mitglieder der Rabbiner-Versammlungen von 1844, 45 und 46 wie die OO. S. Adler und S. Hirsch der „rabbinischen Lileraturgesellschaft" anschließen, so würde sogar die lebendige Tradition und Continuität hergestellt sein. Wir können jedoch diesen Bericht nicht schließen, ohne das Verdienst zweier Männer hervorzuheben, welche nun seit mehr als 30 Jahren für das amerikanische Judenthum unermüdlich wirksam sind, und, abgesehen von der Union der amerikanischen Gemeinden, die obenbesprochenen Institute begründet haben, die vv. Max Lilienthal und I. W. Wise. Möge es an ferneren Erfolgen nicht fehlen.