Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1880)
- Date
- 1880-11-09
- Page
- Seite 707 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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707 S. 78 ff.) in seiner Jugend nichts als ein undankbarer Rebell, und in feinem Aller wenig mehr als ein eminent schlauer, orientalischer Despot." Der Bers. begnügt sich hier mit zwei Citaten; wir können diese massenhaft vermehren, namentlich aus der jüngsten Zeit, wo eine Menge oberfläch-, licher Skribenten sich ein Geschäft daraus machten, um die heutigen Juden zu beschimpfen, auch das alte Israel zu schmähen, worunter sogar orthodoxe Protestanten sich befinden. Wir können daher die soeben erschienene Schrift: «David und seine Zeit. Historisch-exegetische Studien, vornemlich zu den Büchern Samuel's von Pros. Dr. Hugo Weiß" (Münster, Theising, 1880) nur bestens willkommen heißen. Der Bers. hat es sich zur -Ausgabe gestellt, „unter gewiffenhaster Abwägung und Prüfung der wichtigsten hier einschlägigen exegetisch-kritischen Fragen und Bedenken ein getreues Bild von Davids Person, Leben und Zeitverhältniffen zu zeichnen, daffelbe eventuell der sich überstürzenden Hyperkritik entgegen zu halten und der bisherigen traditionellen Auffassung der h. Geschichte einen festeren wissenschaftlichen Halt zu geben." Wir glauben, daß der Bers. der Lösung dieser seiner Aufgabe nahe gekommen. Bei Benrtheilung und Darstellung einer geschichtlichen Persönlichkeit kommt es vor Allem darauf an, sich ein möglichst vollständiges Bild von den äußeren und inneren Verhältnissen der Zeit und des betr. Volkes zu bilden und sich in den Geist der Nation, in die Gedanken» und Gemüthswelt derselben, in den sie beherrschenden Jdeenkreis, in die Bestrebungen und Ziele derselben zu versetzen. Dies ist der Schauplatz, aus welchem die Persönlichkeit wird, wirtt, auf- und niedersteigt. Diese geschichtliche Persönlichkeit von ihrem Schauplatze zu entfernen, aus der geistigen Atmosphäre, in der sie geathmet, zu ziehen und sie vor ein ihr fremdes Tribunal mit den Ideen und Maßstäben der Jetztzeit zu stellen, ist ebenso sehr eine Ungerechtigkeit wie eine Ungeschicklichkeit des Geschichtsschreibers. Dies geben fteilich Alle zu, aber Wenige verwirklichen es. Der Berf. der vorliegenden Schrift hat sich in das Nationalleben des alten Israel versenkt und hält überall den diesem Volksstamme einwohnenden Gedanken, die ihm in feiner Geschichte durchweg gestellte Aufgabe fest, und hat hierdurch einen sicheren Boden gefunden, aus dem er auch David in seinem Wollen und Vollbringen richtig aufzufassen vermag. Wir finden hierin eine Veranlassung, auch unsererseits in den Gegenstand einzugehen, selbstverständlich in fteier .eigener Weise, wenn auch mit Hinblick auf die vorliegende Schrift. Auch in unsre Reihen ist die Hyperkritik eingezogen und hat sich Anhänger genug erworben. Eine gesunde Kritik wieder zurückzuführen, war stets unser Bemühen. Abgesehen hiervon, erscheint es schon nützlich, unsrem Leserkreise ein Gegengewicht gegen jene Lästerzungen zu verschaffen und einen glänzenden Edelstein au der Krone unserer Geschichte wieder hell erstrahlen zu lassen. Das Leben Davids stellt sich uns in zwei Abschnitten dar: vor und nach seinem Gelangen zum Throne. Diese beiden wollen wir zu charakterisiren versuchen. Aus Amerika. Das Leben geht überall der Theorie und Wissenschaft voran, wenn diese auch nachher einen befruchtenden Einfluß auf jenes üben und die Führung übernehmen. Ganz besonders hat sich dies im neueren Judenthum bethätigt, dem alle geistliche Organisation fehlte und das sich erst selbst ein wissenschaftliches Rabbinat aus dem Bedürsniß heran - bilden mußte. So auch in Nordamerika. Hier flössen allmälig beträchtliche Massen auch des jüdischen Stammes zusammen und besonders seit 30 Jahren bildeten sich aller Orten Gemeinden, stiegen würdige Tempel in die Höhe, wurden Religionsschulen (hier Sonntagsschulen genannt), Waisen' Häuser, Hospitäler und zahllose wohlthätige Vereine gegründet. Die Berichte dieser Zeitung geben von der reichen Blüthe dieser Anstalten ein oft sehr befriedigendes Bild. Wenn es an Schattenseiten nicht fehlt, so liegt dies wesentlich in der von den Zuständen des Landes bedingten und von der völligen Autonomie der Gemeinden und der Freiheit der Individuen beförderten Beweglichkeit der Gemeinden, die nur in geringer Zahl eine gewisse Stabilität erlangen können. Davon hängt dann wieder der stete Wechsel der Rabbiner und Cultusbeamten ab. Es ist selbstverständlich, daß diese letzeren selbst Einwanderer und zwar in größter Mehrheit aus Deutschland waren und find. Was daher auch von einem selbständigen und eigenartigen „amerikanischen Judenthum" gesprochen wird, ist bisjetzt doch nur mehr gedacht als Wirklichkeit: denn bis zur Zeit ist doch nur alles aus Deutschland importirt. Ein Anderes dagegen bereitet sich für die Zukunft vor, und es werden eben jetzt die Keime dazu eingepflanzt und sind zum Thcil auch schon aufgesproßt. Hierher gehört die Union amerikanischer Gemeinden, hierher die vor Kurzem gegründete Rabbinerschule zu Cincinnati mit ihren Borbereitungsanstalten daselbst und in New-Aork, hierher die «rabbinische Literaturgesellschaft", über deren erste Versammlung zu Detroit am 13., 14. und 15. Juli d. I. in diesem Blatte drei Berichte gegeben wurden (f. No. 33. 36.). Ein weiteres Product dieser Versammlung liegt uns heute vor: das erste Heft einer Quartalschrift: The Hebrew Review. Published by the Rabbinieal Literary Association of America. (Cincinnati. Bloch). Wir begrüßen alle diese Kundgebungen eines erwachenden selbständigen und selbstthätigen Lebens mit dem aufrichtigen Wunsche, daß die angeregten Bestre- 45*