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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-09 · Heft 45 (9.11.1880) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 45 (9.11.1880)
Date
1880-11-09
Page
Seite 706 (sequence 2)
Language
German
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liches Geschick übten, wie es sich alsbald nach seinem Tode zu verwirklichen begann. In der Auffassung des geschichtlichen Davids stand deshalb David Jahrtausende lang als ein bewunderter Held und König und als ruhmwürdiger Dichter im günstigsten Lichte und sein Name gehörte zu den gefeiertsten der ganzen Weltgeschichte. Aber die neuere Zeit hat auch an seinen Ruhm die kritische Hand gelegt. Es ist ein bekannter Zug im Menschengeiste, sobald der naive Glaube sich zerstreut hat, an dem, was gelobt wird, Tadel und für das, was getadelt wird, wenigstens Rechtfertigung zu sinden. Man will die „Götzen der Vorzeit" von ihren Piedestalen stürzen und die Gegenstände alten Abscheus von den dunkeln Schatten des Parteihasses befreien. So gelangt man dahin, nicht blos einen Julius Cäsar, der die römische Freiheit mit blusiger Hand zerbrach und das römische Cäsarenthum gründete, für einen wahren Genius in der Menschheitsgeschichte zu erklären, sondern einen Tiberius und Nero der Greuel zu entkleiden, welche ihnen alle geschichtlichen Nachrichten zuschreiben; andererseits die geschichtlichen Größen zu Schwächlingen und Bösewichtern zu erniedrigen. Der Bauer, der Aristides verbannt wissen wollte, weil es ihm mißfiel, daß dieser der Gerechte genannt wurde, spielt noch heute seine Rolle in allen menschlichen Kreisen. Ist der Krisizismus erst erwacht, so bleibt er nicht stehen, als bis er von seiner wohlthätigen Aufgabe der Aufklärung bis zum vollendeten Zerstörungswerk gekommen ist. Die Sucht, Neues und Pikantes zu sagen nnd dadurch zugleich als ossenmüthiger Gegner aller Boruriheile zu erscheinen, ttägt das ihrige dazu bei. So kommt es, daß eine allgemeine Verwirrung in die Vorstellungen und Ansichten gebracht wird. Dann aber erwacht das Verlangen, sich diesem Chaos der Meinungen wieder zu entwinden und endlich die Dinge im klaren Lichte aus Grund unparteiischer Forschung zu sehen. — Es war natürlich, ja Pflicht der geschichtlichen Kritik, sobald sie ihre Arbeit begonnen, daß sie sich von der geschichtlichen Tradision sreimache, ihren Standpunkt außerhalb derselben nehme, und sich mit den Thatsachen allein beschäftige, wie sie sich aus den vorhandenen und krisisch untersuchten Quellen ergeben. Dies verführte jedoch die Krisiker dahin, aller Tradition den Krieg zu erklären, sie von vorn herein für irrelevant, ja für unwahr zu erachten, und sie mindestens völlig bei Seite zu lassen, zu ignoriren. Dies war sicherlich ein Fehler. Denn jede unparteiische Kritik muß zugestehen, daß die geschichtliche Tradition, d. h. soweit diese nicht geradezu dichterisch und fabulirend verfuhr, den Thatsachen viel näher stand, als wir, daß sie jedenfalls an Thatsachen anknüpfte, namentlich an die thatsächlichen Zustände, die sich aus den Ereignissen entwickelt hatten. Hierauf war die Tradition zu prüfen, und es gehörte zu einer wahrhaften geschichtlichen Untersuchung. die Tradition auf ihre Quellen zurückzuführen, wodurch sie eben zu einer neuen und höchst wichttgen Quelle für die Thatsachen und für die aus ihnen hervorgegangenen Zustände wurde. Die Tradision ersteht in ihren Grundzügen in der, auf die Thatsachen folgenden Generasion. Wir können dies noch heute beobachten, nur daß gegenwärsig die historische Kritik sehr schnell ihr Werk beginnt und die Tradision zu recüfiziren sucht. Wir brauchen nur an Friedrich den Großen, an Napoleon I., sowie an die Ansichten zu denken, welche sich unmittelbar an vorübergegangene große Ereignisse, an den Tod der vorhergegangenen Regenten u. s. w. knüpfen. Diese traditionellen Ansichten vollständig als irrthümlich, als den thatsächlichen Zuständen in keiner Weise entsprechend zu erachten, vermag nur die befangene Partei-Krisik, und so komm: es selbst in unseren Tagen vor, daß die von der Kritik verworfene traditionelle Anschauung innerhalb gewisser Schranken wieder zu ihrem Rechte kommt, und sich, allerdings in beschränktem Maße, als richtig erweist. Geschieht dies aber für so naheliegende Perioden der Geschichte, um so wichsiger ist eine richtige Würdigung der Tradition für längst vergangene Zeiten. Es ist daher nicht zu verwundern, daß auch David, der so lange Zeiten hindurch als Mensch, Freund, Held, König und Dichter gefeiert worden, dem Secirmesser der Krisik unterzogen wurde. Diese konnte sich bequem an die Texte machen, welche uns die Geschichte Davids erzählen, an die scheinbaren oder wirklichen Doppelberichte, an die scheinbaren oder wirklichen Widersprüche, und nun hatte man freie Hand, die einen Texte für echt, die anderen für spätere Zusätze zu erklären, und aus diesem verworrenen Knäuel die dunklen Partien zu eigentlichen Geschichtsfäden auszuspinnen, die helleren als Dichtung bei Seite zu lassen. Wenn die Geschichtsbücher der h. Schrift in offenmüthigster Weise und in Bekundung echt geschichtlichen Sinnes die Verirrungen und Sünden ihrer Helden ebenso getteu schildern, wie die Thaten ihrer Tapferkeit und Frömmigkeit, so nahmen die Gegner keine Veranlassung davon, eine gleiche Unparteilichkeit zu üben, sie mischten vielmehr auf ihrer Palette aus dem gegebenen Material nur die dunkelen Farben zusammen. Denn zu der Hyperkritik gesellte sich eben eine heftige Feindschaft gegen die Bibel und nicht minder die Lust, dem israelisischen Volke wieder eine glänzende Erscheinung mehr zu entziehen und dem eingewurzelten Judenhasse eine Befriedigung zu verschaffen. So kam es, daß, wie der Verfasser des von uns! gleich zu citirenden Buches sagt, „man sich in Deutschland daran gewöhnte, David als einen verabscheuungswürdigen Tyrannen auf's äußerste zu brandmarken (vergl. A. Menzel, Staats- und Religionsgeschichte der Königreiche Israel und Juda S. 124 ff.) und ist derselbe auch noch nach der neuesten Darstellung von Duncker (Geschichte des Alterthums 4. Aust.

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