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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-11-02 · Heft 44 (2.11.1880) · p. Seite 700

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 44 (2.11.1880)
Date
1880-11-02
Page
Seite 700 (sequence 12)
Language
German
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700 Jeuilleton. Plaudereien aus dem Leben. V. > practicirt wurden, und das gerade jetzt ein halbes Jahr-! hundert her ist. Das Jahr 1830 nahete seinem Ende. Ich Da wir einmal von der „guten alten Zeit" zu sprechen j studirte damals in Berlin. Die großen Ereignisse dieses und zu erzählen angefangen, wird es nicht unangemessen er-1 Jahres, welche das politische Bewußtsein, das bis dahin gescheinen, noch recht viel davon mitzutheilen. Ein wesentlicher! schlummert, in allen Schichten des Volkes geweckt hatten, be- Grund dafür liegt nahe. Bei dem erstaunlichen Wandel der! wegten noch alle Gemüther. Das begeisterte mich zu einer Dinge, aller politischen und socialen Verhältnisse, der im! Reihe von lyrischen Gedichten, die in einem gewissen Zuletzten halben Jahrhundert vor sich gegangen, hat das gegen-; sammenhange die Begebenheiten des Jahres berührten und wärtige jüngere Geschlecht kaum noch eine Ahnung von den« die ich „der Sturm der Zeit" betitelte. Die Gesinnung, die früheren Zuständen, deren Licht und Schattenseiten, und e§1 in diesem Gedichte herrschte, war eine durchaus loyale, ist daher für diejenigen, deren Jugend noch innerhalb jener! nationale, preußische; jetzt würde man sie wohl zu conservativ gestanden, eine gewisse Pflicht, sie nach ihren Erfahrungen zu! finden. Ich wollte dasselbe dem Druck übergeben, und zeichnen und zu schildern. Der Zusammenhang mit der! zwar sollte der Ertrag dem oben gegründeten Kranken-Berein Vergangenheit wird dadurch gewahrt, auf die Gegenwatt «der Studirenden an der Universität Berlin zufallen. Ich werden damit Helle Streiflichter geworfen und man wird; sprach darüber mit dem, als einer der ersten Meister der das, was errungen und was verloren worden, richtiger schätzen «Holzschneidekunst und Herausgeber des „Gesellschafters" belernen. — Eine Institution der „guten alten Zeit" war —! kannten Professor Gubitz, und dieser wollte großmüthig das die Censur, d. h. daß jedes Manuscript, großes oder kleines,! Gedicht, das ungefähr einen Druckbogen füllte, in seiner in welcher Sprache es auch abgefaßt war und welcher der Inhalt gewesen, den vom Staate bestellten Censoren vorgelegt, von ihnen geprüft werden und die Erlaubniß oder Verweigerung des Druckes empfangen mußte; selbstverständlich war es den Censoren gestattet, Stellen zu streichen, oder zu verändern. Es ist nicht zu berechnen, wie viele Geistesproducte, wie viele Gedanken unterdrückt oder verstümmelt wurden. Da der Censor, wenn er irgend etwas durchschlüpfen ließ, was den höheren Behörden hernach ungeeignet erschien, die Absetzung zu befürchten hatte, so kann man sich denken, mit welcher Aengstlichkeit, ja Peinlichkeit Lfsicin gratis drucken lassen und selbst das Papier dazu hergeben. Es galt nun zuvor, das Imprimatur der Censur zu erhalten. Censor war damals der in jener Zeit als humoristischer Dichter bekannte Langbein. Ich reichte das Manuscript ein. Langbein ließ mich zu sich rufen. Damals hatte man vor vielgenannten Schriftstellern noch großen Respect, und ich selbst hatte mich in meiner Jugend an vielen Gedichten dieses Mannes ergötzt, sie auch auswendig gelernt und declamirt. Ich erkletterte daher mit großer Spannung die drei oder vier Treppen, die in einem Hause unter den Linden zu seiner Wohnung führten. Eine bejahrte er verfuhr, und da in jener Zeit Vieles verdächtig oder ge-! hagere Matrone öffnete mir die Thüre und führte mich in jährlich erschien, was wir jetzt als höchst harmlos und un->das Zimmer ihres Gatten. Ein langer hagerer Mann, bis schuldig erachten, so war die Noth der Schriftsteller und derj auf die Sohlen schwarz gekleidet, denn er trug auch schwarze Censoren eine große. Daß auch die jüdische Literatur unter dem ' Tuchgammafchen, empfing mich freundlich. „Ja, hören Sie," Drucke der Censur zu leiden hatte, ist bekannt. Ich er-! sagte er in seinem sächsischen Dialect, „Ihr Gedicht ist nicht innere nur an die Verstümmelung des Talmuds, an die! so unschuldig, wie Sie vielleicht glauben; ich habe auch Maßregeln gegen das Slenu-Gcbet. Eine ausführliche Zu-«Verse gemacht in meinem Leben und kenne das." Es gruselte sammenstellung dessen, was die jüdische Literatur unter der'mir ein wenig, einen Dichter seine Arbeiten als „Bersemachen" Censur zu leiden hatte, würde gewiß sehr interessant sein.! bezeichnen zu hören. Ich machte ihm bescheidentlich auf den Dennoch kam die letzere wohl noch am besten weg, theils weil die j Schluß aufmerksam, der einen loyalen Aufruf an die Censoren kein hebräisch verstanden, theils weil die jüdischen! „Borussen" enthielt. Er ging darauf das ganze Gedicht mit Autoren von vornherein an große Vorsicht gewöhnt waren, mir durch und da ihm einige Stellen dunkel oder zwei- Denn sie hatten außer den staatlichen Censoren noch die Censur und Denunciationen der Judenfeinde zu fürchten, unter denen namentlich die Abtrünnigen figurirten und sich ein Geschäft aus Angebereien machten. Ich erlaube mir nun, hier ein eigenes Erlebniß zu erzählen, wenn es auch mit der jüdischen Literatur nichts zu schaffen hat, das aber so recht zeigt, welche Mittelchen in jener „guten alten Zeit" deutig schienen, verlangte er, daß ich in Anmerkungen die Erklärung über die Bedeutung gäbe. Das war nun eine curiose Zumuthung, einem Gedichte Anmerkungen zuzufügen, worin es hieß: damit ist Carl X. gemeint, oder: darunter ist der Herzog von Braunschweig zu verstehen, u. s. w. Allein ein junger Autor, der sein Gedicht gedruckt sehen will, und schon von dem Lorbeerkranz träumt, der ihm um die

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