Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1880)
- Date
- 1880-11-02
- Page
- Seite 701 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Schläfe gewunden würde, läßt sich alles gefallen. Ich schrieb I die Anmerkungen nieder, wo und wie sie Langbein verlangte! und erhielt das Imprimatur. Prof. Gubitz hielt sein Wort und stattete das Gedicht recht gut aus, versah es sogar mit einer hübschen Vignette aus dem Titelblatt. Ich schreibe! dies natürlich weniger dem Werthe des Gedichtes als dem: guten Zwecke zu. Das Gedicht war also gedruckt und! sollte zu Neujahr ausgegeben werden. Was geschah aber nun? Das „Intelligenz-Blatt", das damalige Jnseratenblatt für Berlin, verweigerte die Ankündigung auf Anordnung seines; Censors, und nach ihm alle Berliner Blätter; ebenso wurde j es untersagt, die Ankündigung an das „schwarze Brett" der' Universität zu heften. Das war der Todesstoß für mein Gedicht und für meinen Lorbeerkranz. Das Kind war geboren, aber nach der Geburt erwürgte man es. Ich sträubte! mich. Ich appellirte an die Ober-Censurbehörde, und da der bekannte Historiker Prof, von Raumer, ein Landsmann von mir, Sohn des Dessauer Kammerpräsidenten v. Raumer, den ich als Knabe oft genug von seinem Hause nach dem Regierungsgebäude mit dem Dreispitz auf dem Kopse reiten gesehen — obschon die Entfernung nicht drei Minuten weit war — da Prof, von Raumer Mitglied dieser Behörde war, ging ich zu ihm und trug ihm mein Leid vor. Der freundliche, liberale Geschichtsschreiber' schüttelte das Haupt, bemerkte aber: „Da kann ich Ihnen nicht helfen; ich stehe zwar! im Adreßbuch unter den Mitgliedern der Obercensurbehörde,! aber ich habe noch niemals etwas mir ihr zu thun gehabt. j Da müssen sie sich an meinen Vetter, den Wirklichen Geheim- ‘ rath von Raumer Exellenz wenden, der ist Präsident der! Behörde." Das war nun freilich leichter gesagt als gethan.. Ich stellte mich drei oder vier Male im Hause Sr. Ex. ein,: aber stets war er verreist oder sonst abwesend. Ich verlor! die Geduld und da ich von der Ober-Censurbehörde keine j Antwort erhielt, ergab ich mich in mein Schicksal. Ter! Absatz war dem Gedichte unmöglich gemacht und es wanderte * gewiß bei Prof. Gubitz in die Makkulaturkammer. Ein Ex-1 emplar befand sich lange Zeit in meiner Bibliothek, bis cs! auch da, ich weiß nicht wie, verschwand. So ist es spurlos verloren gegangen, die Zeit hatte den „Sturm derZeit„ zum Schlafen gebracht. Ich weiß jetzt nicht mehr, was Alles in dem Gedichte gestanden, bilde mir aber nicht ein, daß viel daran verloren worden. Wenigstens sah ich die Zeit demungeachtet rüstig vorwärts schreiten, über die gute alte Zeit und über die Censur hinaus. Ich kam niemals mit ihr wieder in Conflict, denn ich fand stets den Ausspruch Heiners bewährt: „Das ist ein schlechter Schriftsteller, der nicht trotz der Censur alles sagen kann, was er will." — Da ich einmal des Desiauer Kammerpräsidenten v. Raumer, eines straften Beamten von altem Schrot, gedachte, füge ich zur Characterisirung jener Zeit noch einiges hinzu. Die „Kammer" schloß die Finanz und die Regierung (Verwaltung) in sich; die Regierung aber zugleich zweite Instanz in der Justiz — die oberste Instanz war die juristische Facultät zu Jena. Im Jahre 1613 war, ich weiß nicht mehr ob von den Franzosen oder den Preußen, die Elbbrücke bei Deftau niedergebrannt worden. Die Straße von Halle nach Berlin führte über Dessau. Nach dem Frieden verlangte Preußen die Wiederherstellung der Brücke, und wollte dann die große Chaussee über Dessau nach Berlin führen. Aber der alte Kammerpräsident widersetzte sich dem. Wenn, meinte er, die Brücke wieder aufgebaut würde, so zöge sich der nächste Krieg wieder über Dessau. Das war ein sehr triftiger Grund — die Brücke unterblieb, so glücklicher Weise auch der Krieg der über Deftau gehen könne, bis auf den heutigen Tag. Eine Folge dieser Weisheit war aber, daß Preußen die große Heerstraße über Torgau und Wittenberg führte, daß Deftau! völlig aus dem Verkehr, sogar aus dem eigentlichen Posten-! lauf fiel, daß Handel und Gewerbe zu einem Minimum ■ herabsanken — ein Grund weshalb auch die jüdische Ge- I mcinde von jener Zeit an sich um drei Viertel minderte, da! der Jugend nichts übrig blieb, als anderswo ihr Brod zu! suchen. Erst die Eisenbahn (Anhalter) konnte etwas Leben | wieder wecken. — Die Kammer betrieb ihr Amt in schroffster, unerbittlichster Weise. Hier ein Beispiel. Mein Vater hatte neben seinem Lehramte, deften Ertrag in der „guten alten Zeit" nicht vor dem Verhungern schützte, bekanntlich eine hebräische Buchdruckerei und Buchhandlung. Einst machte er eine mehrmonatliche Reise nach Prag, wo er, um den österreichischen Nachdruckern zuvorzukommen, ein hebräischdeutsches Lexicon herausgab. In seiner Abwesenheit mußte wohl ein Termin für die Zahlung der Abgabe, welche die Juden besonders zu entrichten hatten, ohne Wiften meiner Mutter gefallen und sodie Steuer nicht bezahlt worden sein. Am Abend der Ankunft wurde mein Vater arretirt und ins Gcfängniß geworfen. Am Morgen mußte erst meine Mutter bei den verschiedenen Behörden umherlaufen, um den Grund seiner Jnhaftirung zu erfahren und sofort die kleine Summe an der amtlichen Stelle zu entrichten. Findet jman dies jetzt nur glaublich? Man denke sich die Angst der! Frau und der Kinder während dieser traurigen Nacht und! die Lage des Jnhaftirtcn, der sich eben des Wiedersehens j seiner Theuercn zu erfreuen angefangen! Und damals war J das Gcfängniß ein fürchterliches Loch und zugleich eine | Schande für eine ehrsame Familie. (Forts, folgt.)