Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1880)
- Date
- 1880-11-02
- Page
- Seite 692 (sequence 4)
- Language
- German
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692 werden. Wegen weniger „Renegaten" dürfe keinem ganzen Volke ein solcher Zwang auferlegt werden. Freilich, daß den Juden ein solcher „Zwang" schon durch das Gesetz von 1847 auferlegt werde, hatte er damals nicht bekämpft. Ueber die Sache selbst haben wir hier nicht zu sprechen, aber ist es nicht merkwürdig, daß derselbe Bismarck, der zwei Jahre früher die „Starrheit" der Juden beklagte, jetzt aus die Juden losschlug, die weniger „starr" find, und fich anmaßt zwischen „wahren" und „falschen" Juden ebenso unterscheiden zu können, wie er glaubt, zwischen „wahren" und „falschen" Christen unterscheiden zu können. Die Civilehe wurde verworfen, und doch war es wiederum der Reichskanzler Fürst Bismarck, der das Civilehegesetz für das ganze deutsche Reich beim Bundesrath und Reichstag beantragte und durchsetzte. Es gehörte gewiß ein starker moralischer Muth dazu, besonders in den Jahren 1847 und 1848, viel weniger die folgenden Jahre, der allgemeinen öffentlichen Meinung gegenüber solche Ansichten unumwunden auszusprechen und zu vertreten, welche selbst von Vincke, der doch in der deutschen Nationalversammlung der Führer der Rechten gewesen, als „antediluvianische" bezeichnet wurden iS. 86). Dahingegen hatten sie den Bortheil, die Aufmerksamkeit des Königs auf den Redner zu lenken. Im Jahre 1851 wurde er der parlamentarischen Thätigkeit entzogen und in die Gesandtschaft am deutschen Bundestage versetzt. Hiermit begann Bismarck jene außerordentliche, ewig denkwürdige Laufbahn, die freilich den Bruch mit der gesammten Gattung „antediluvianischer Ansichten" verlangte. Die Alliance israelite universelle. Bei den Angriffen, welche in den letzten Jahren gegen die Juden geführt wurden, und in welchen die Ultramontanen, Pietisten, Reactionäre und Pseudoliberale eine Unermüdlichkeit und Hartnäckigkeit bewähren, die auf einen bestimmten und übereinstimmenden Plan hinweist, spielt auch die Alliance isr. tmiv. eine beträchtliche Rolle. Sie ist ihnen nicht allein ein Dorn im Auge, weil sie ihnen die Widerstandskraft der Juden zu stärken scheint, sondern sie dient ihnen auch zum Borwand gehässigster Beschuldigung. Wie es die Methode dieser Gegner ist, die wirklichen Verhältnisse zu den schmählichsten Phantastereien auszubauschen und zu mißbrauchen, um ihre Leser mit Schrecken und Angst vor den Juden zu erfüllen, so machen sie aus der Alliance eine ungeheuerliche politische Macht, schieben ihr die abenteuerlichsten Plane für die Herrschaft der Juden unter, stellen sie fast wie eine Verschwörung zu Gunsten jüdischer Omnipotenz dar, als die Coneentration aller jüdischen Kräfte und Bestrebungen. Bei einzelnen Vorkommniffen z. B. bei den Ordensaustreibungen in Frankreich, laffen sie in ebenso lügenhafter wie lächerlicher Weise die Alliance einen geheimen Faktor zur Anspornung abgeben. Wir brauchen die Alliance gegen diese Behandlungsweise nicht zu vertheidigen. Die vollkommene Oeffentlichkeit, die sie von Beginn an über ihre gesammte Thätigkeit und Ziele, sowie über ihre Organisation und finanziellen Mittel in strengster und sorgfältigster Weise beobachtet und eingehalten hat, schützt sie schon von vornherein gegen alle diese Beschuldigungen. Sie hat niemals aus dem geringsten ihrer Schritte ein Geheimniß gemachr; sie hat diese stets vorher besprochen, den Verlauf und den Ausgang urkundlich mitgetheilt. Sie hat sich von allen religiösen Fragen und Controversen sorgsältigst ferngehalten; um so weniger nahm sie irgend welche Beranlaffung auf einem Gebiete zu agiren, das nicht die Juden selbst betraf. Ihr Wirkungskreis beschränkt fich überhaupt nur auf den Orient, dieses Wort allerdings in seiner weitesten Bedeutung. In politischer und socialer Beziehung hatte sie stets den alleinigen Zweck, die bürgerliche Gleichstellung der Juden in den Ländern zu erwirken, wo sie ihnen noch versagt ist, wo sie besonderem Druck und Verfolgungen ausgesetzt sind, und in diesen Ländern den Eintritt der Juden in die allgemeinen gewerblichen Berhältniffe, besonders in Handwerk und Ackerbau zu fördern. Also gerade das Gegentheil von dem bildet den Kernpunkt der Bestrebungen der Alliance, was die Gegner in ihrer heuchlerischen Feindseligkeit ihr vorwerfen: die Juden aus jeder Ausnahmestellung herauszubringen, sie den Völkern zu amalgamiren und zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen. Daß die Alliance jemals über diesen ihren Zweck hinausgegangen sei und sich mit Dingen beschäftigt habe, die nicht strengstens in diesen Rahmen hineingehören, kann ihr Niemand Nachweisen, und die Gegner find jeden Beweis schuldig geblieben. Das Einzige, was sie benutzen können, ist eine aus dem Zusammenhang geriffene Phrase des sel. Cremieux, gesprochen in der Begeisterung des Redners, aber für jeden Unparteiischen harmlos. Noch wichtiger für die Cultur ist der zweite Gegenstand ihrer Thätigkeit: die Errichtung und Erhaltung von Schulen im Oriente. Wer hierin nicht die edelste und humanste Idee und Absicht erkennt, der sollte lieber in öffentlichen Angelegenheiten den Mund halten. Wie weit hierin die Alliance zu einem großartigen Erfolge gelangt, kann dem Kritiker zweifelhaft sein. Aber an sich ist der Zweck geradezu ein heiliger. Die Juden gehören in den orientalischen Ländern zu den von den herrschenden Bolksstämmen am meisten niedergetretenen Menschenklaffen. In Folge deffen sind sie in Elend und Nnwiffenheit versunken, und nur die unüberwindliche Lebenskraft ihrer Religion hat sie vor völligem Verkommen geschützt. Hier nun Volksbildung, dem europäischen Wesen sich annähernden Unterricht zu verbreiten, ist gewiß einer der humansten und