Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1880)
- Date
- 1880-10-26
- Page
- Seite 678 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227329--38437-3307669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mitbürger mosaischen Glaubens im deutschen Reiche immer noch „Fremde" sind. Nachdem so ziemlich ein Menschenalter verflossen, seitdem in allen deutschen Staaten die dem Mittelalter angepaßten, trennenden Bestimmungen beseitigt und die Bekenner Israels in unseren nationalen Verband als gleichberechtigte Genoffen ausgenommen wurden, ist es ein wunder' liches Beginnen „eine Frage wiederum zur Discussion zu stellen, die man glücklicherweise als erledigt ansehen durfte." Und zum Schluß: „Wir meinen bei allem Respect vor der ehrlichen Meinung des Verfassers jener in Gotha gedruckten Broschüre, daß es eine verderbliche Saat ist, der nichts Gutes entsprießen kann, und daß das sog. Wissenschaftliche darin ein Product des Glaubenseifers ist, der nur Zwietracht und Haß gebiert." Wir können also gewiß sein, daß diese Saat in unsrem Lande nicht aufgeht. München, 12. October. Die Augsb. „Allg. Ztg." enthielt dieser Tage die sonderbare Mittheilung, „daß jüngst in einer Vorstandsfitzung der Münchner liberalen Partei ernstlich die Frage erörtert wurde, ob man nicht in Zukunft auf die Mitwirkung der bisher für die Interessen der Partei thäligen israelitischen Mitglieder verzichten solle." Heute nun dementirt die „A. A. Z." die ganze Nachricht als „jeder Begründung entbehrend." Früher hieß es: was man wünscht, glaubt man; jetzt nun muß es heißen: was man wünscht, schreibt man in die Zeitungen. Am unangenehmsten wird dieses Dementi der „Germania" sein, die sich jener Nachricht mit dem Zusatz erfreute, daß „doch nun auch in Bayern die antisemitische Bewegung in Fluß komme." Dieser „Fluß" hat sich als ein Morast gezeigt. Holland. Aus dem Haag, 6. October (Privatmitth.) Es ist durch mehrfache Berichte in den öffentlichen Blätrern bekannt geworden, daß die Feier der Enthüllung der Spinoza-Sratue nur eine sehr geringe Theilnahme am hiesigen Platze fand. Die Verehrer Spinoza» haben dies, von ihrem Standpunkte aus mit Recht, sehr übel genommen. Merkwürdig jedoch ist es, daß auch sie hierfür die Juden zum Prügelknaben machten, obschon doch diese zu den Anregern und Förderen des Unternehmens in Dr. Jacobson, Berthold Auerbach u. Ä. ihr Contingent gestellt hatten. Die „N. Fr. Pr." bringt einen Artikel „Ueber die Spinozafeier und ein Stück jüdischer Orthodoxie," und eine Menge Blätter, z. B. der „Schwab. Beobachter" drucken ihn nach. Er beginnt mit der feierlichen Anklage: „Im hiesigen Judenviertel herrscht heute eine fieberhafte Aufregung: cs ist der Vorabend des Vcrsöhnungsfestes. Aber die Versöhnung ist demungeachtet ebensowenig in die Gemüther der gläubigen Juden Gravenhagens eingezogen, als weiland in jener ihrer Glaubensgenossen vom siebzehnten Jahrhundert, als die Aeltesten in Amsterdam, aufgestachelt und getrieben durch die Rabbi, den jungen Spinoza um seines Wissens und Wahrheitsdranges willen verfolgten, in den Kirchenbann thaten und sogar die Hand eines fanatischen Eiferers wassneten, der den meuchlerischen Stahl gegen den Mann zückte, dessen ganzes Leben Zeugniß von der Reinheit seines Willens, der Höhe seines Geistes und seiner Menschenliebe ablegte." Nach dieser Ueberfchrift und Anklage sollte man vermuthen, daß die orthodoxen Juden irgend einen Angriff auf die Statue oder auf die Enthüller ausgeführt oder wenigstens geplant hätten, von allem dem keine Spur. Der Artikelschreiber berichtet nur, daß nur wenige Häuser in der Stadt geflaggt hatten und daß diese wenigen Fahnen nicht dem Philosophen, sondern dem Geburtstage einer Prinzessin gegolten hätten. Nun wohnen im Haag nur sehr wenige Juden, und man kann doch das Unterlassen des Flaggens in der ganzen Stadt nicht etwa diesen wenigen Juden und den wenigen Orthodoxen unter ihnen zuschreiben! Ferner erzählt er, daß den Raum um den Bretterverschlag ein Bolkshaufe umdrängte, der seine Mißstimmung durch Hohngelächter und Lärmen kundgab und meint nun: „In diesem befanden sich wohl auch orthodoxe Juden und Protestanten." Man merke auf das „wohl auch." Es ist also eine bloße Bermuthung oder Voraussetzung des Correspondenten. Dies sind die Thatsachen, auf die bin er seinen Bericht „ein Stück jüdischer Orthodoxie" überschreibt und die Juden trotz ihres Bersöhnungstages der Unversöhnlichkeit anklagt! Gewiß, wenn der Eorrespondent der „N. Fr. Pr." sich für einen treuen Anhänger Spinoza» hält, so hat dessen Philosophie auf sein Gerechtigkeitsgefühl nur geringen Einfluß geübt. Wir glaubten Obiges an dieser Stelle hervorheben zu müssen, um auch an diesem Beispiele zu zeigen, wie es mit den Angriffen auf die Juden beschaffen ist, ob der Schauplatz ein Correfpondenzbureau der N. Fr. Pr. oder das Redactionszimmer eines Hetzcaplans sei. Italien. Turin, l. Oct. Wenn im Mirrelalter bis zur neueren Zeit seitens der Juden der ärztliche Stand stets stark vertreten war, so ist dies in der neuesten Zeit mit den Rechtsgelehrten der Fall. Bei dem jüngst hier stattgefundenen Juristen-Congresse waren 6 jüdische Theilnehmer, die Herren Segr«, Tiena, Norza, Ottolenghi, Tedeschi und Luzzati, die beiden Letzten fungirten als Secretäre des Congresses. Zu Mailand fand ein historischer Congreß statt und wir bemerkten daselbst den Commodore Ascoli und den Ritter Ghiron, Bibliothekar der Brera. Ebendaselbst wurde ein Congreß der Taubstummen-Lehrer abgehalten und cs machte einen schönen Eindruck, daß Herr Pereira aus Paris zum Ehrenpräsidenten erwählt wurde, in Erinnerung an das hohe Verdienst, welches sich ein Vorfahr desselben um den Taub-