Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1880)
- Date
- 1880-10-26
- Page
- Seite 674 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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P>74 selben, vor ihrem Erfolge, falle er günstig oder ungünstig aus, vor jeder theoretischen oder praktischen Folgerung, die daraus gezogen werden könnte, Verwahrung einlegen. Mündliche Disputationen über theologische Fragen haben niemals einen anderen Erfolg gehabt, als daß jede Partei sich den Sieg zuschreibt. Sie gehören daher längst vergangenen Zeiten an. Insbesondere öffentliche Disputationen controvers; denn die entgegengesetztesten Entscheidungen finden sich in ihm nebeneinander oder in verschiedenen Theilen des an Zusammenhangslosigkeit leidenden Werkes zerstreut vor. Deshalb knüpfte sich, nachdem er abgeschlossen war, erst recht die Controverse an ihn, und selbst als einzelne Gelehrte die wirklich gelten sollenden Bestimmungen für die Praxis aus ihm herauszogen, unterlagen auch sie der Controverse, und man braucht nur die umfassende Bibliothek der Schaaloth zwischen Juden und Christen fallen in die traurigsten Epochen, j und Theschuboth durchzublättern, um dies bestätigt zu finden, waren in der Regel erzwungen und hatten Scheiterhaufen j Somit ist der Talmud zwar äußerlich abgcschlosien, aber in- und Verbannung zur Folge. Und nun in unsrer Zeit, wo!ncrlich und faktisch noch heute nicht, ja in unsrer Zeit hat die wisienschastliche Forschung *) so tief und breit geworden,! sich die Controverse über ihn und an ihm erst recht wieder alle Gegenstände der Wisienschaft weitgehende und aussühr-! erneuert und der Streitfragen und Streitschriften ist kein liche Bearbeitung gesunden haben, erscheint nichts thörichter, ’ Ende. Dabei ist der Text des Talmuds wiederholt verstümals einen großen Jahrtausende umfassenden geschichtlichen ^nielt worden. Bald hat, in der Zeit der furchtbarsten Ver- Stosi in einer stundenlangen mündlichen Besprechung ab-,solgung, die Hand des Hasies Sätze hincingesügt, welche der machen, zu wollen, wobei es von den Einfällen, Gedanken-! ganzen Anschauungsweise der vorhcrgegangenen Zeiten, der spänen und der Leidenschaftlichkeit des Einen oder des Angrundlegenden Männer zuwiderlausen; bald hat die Hand deren abhängt, welchen Verlaus die Sache nehmen solb, wo des oft unwifienden, stets parteischen Censors Stellen gc- Ueberraschungen vorbereitet, Trumphe ausgespielt werden, aus! strichen oder verstümmelt. Was kann unter diesen Verhältdie der Andere gar nicht gefaßt war, und die zu beant- | nifien aus einer mündlichen Disputation über diesen, ebenso Worten ein gründliches Wifien und eine längere Vorbereitung! verworrenen und weitläufigen wie merkwürdigen Gegenstand erforderlich sind. Hier ist Alles unzulänglich. Es ist z. B. vorauszusehen und auch schon ausgesprochen worden, daß der Talmud in jener Disputation die Hauptrolle spielen soll. Was wird also geschehen? der Eine wird aus dem Talmud Sätze citiren, die ihn compromittiren sollen, der Andere Aussprüche ansühren, die ihn glorisiciren sollen. Damit würde jedoch auch nicht das geringste Resultat erzielt werden, und weder würden die Feinde noch die Freunde des Talmuds vollständig gerechtfertigt erscheinen, lieber das! Wesen, den Charakter, die Tendenzen und den Jnh.llt eines; so ungeheuren Schriftwerkes läßt sich nur nach einer langen I und gründlichen Prüfung, nach fast lebenslänglichen Studien | und mit Benutzung des reichlich ausgehäusten Materials zu! einer richtigen und klaren Ansicht gelangen. Es ist ja hin-1 länglich erwiesen worden: der Talmud ist kein Gesetzbuch,; irgend Gültiges, irgend wissenschaftlich Bedeutendes, wie irgend ein richtiges, ein wahrhaftiges Urtheil herorgehen? Also auch aus diesem Grunde müfien wir vor einem solchen, in unsrer Zeit geradezu kindischen, aber bei den vielverbreiteten Vorurtheilen und gänzlicher Unkenntniß der Sache bedrohlichen Experiment öffentlich und sreimüthig Verwahrung erheben. Bonn, 20. October. Einige öcmerkungen zu: .Die Krisis des Christenthums in der modernen Theologie." Bon Eduard von Hartmann. (Berlin, Carl Tuncker, II. Nachdem Hartmann „die geschichtliche Selbstzersetzung wie etwa das Corpus juvis; er ist ein fortlaufendes Protokoll ' der Christologie" dargestellt hat, wendet er sich gegen die über die Verhandlungen und Meinungen jüdischer Gelehrten „Rettungsversuche der modernen Theologie" von Schleieraus einem Jahrtausend, das bereits mehr als ein Jahrtausend hinter uns liegt, Verhandlungen und Meinungen aus sehr verschiedenartigen Jahrhunderten, von äußerst verschiedenen Männern, Charakteren, Gesinnungen, ''Ansichten, unter den verschiedenartigsten geschichtlichen Verhältnisseu. Alles im.Talmud ist controvers; selbst die legislatorische Thätigkeit besteht in Controversen; die gesetzlichen Bestimmungen sind 1) Als jüngst der alrkatholische Prof. 1)r. Plichaelis ven zu Constauz versammelrcn römifch-kalholifche» Eviigretz zu einer öffemlichcn Disputation aufiorderkc, gab dieser gar keine Antwort, und Rieuiand legre es ihm als schwäche aus, fonderu hielt cs für nlbstversländlich. wacher an bis zu Biedermann, Psleiderer und Lipsius. Mit dem ihm eigenen, außerordentlichen Scharfsinn zeigt er die Unzulänglichkeit und Widersprüche in allen ihren Erklärungsversuchen, und wie weit sie dabei vom Christenthume sich entfernen. Selbst diejenigen läßt er nicht zur Ruhe kommen, welche schließlich sich begnügen, in Jesus das „Urbild einer geläuterten religiösen Moralität geltend zu machen." Sie müfien selbst zugestehen, sagt er, „daß diese sittliche Urbildlichkeit sich nicht beziehen kann auf die besonderen sittlichen Lebensgebiete des Familienlebens, des Staates, der bürgerlichen Gesellschaft, der Kunst und Wissenschaft und so