Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1880)
- Date
- 1880-10-19
- Page
- Seite 666 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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stützung. Eins dieser Asyle ist bereits eröffnet worden. Man muß anerkennen, daß die hiesige Presse den Gedanken mit ganzer Kraft unterstützte, und so hoffen wir, daß der Eifer nicht erkalten, sondern fich immer mehr entzünden werde, denn das Feld für diese segensreiche Thätigkeit ist hier noch unmeßbar. Man weiß, daß die Zahl der hiesigen Israeliten von Einigen auf 70,000, von Anderen sogar auf 100,000 geschätzt wird. Bonn, 10. October. (Notizen.) Am 5. d. verstarb in Paris der bekannte Operettencomponist Jacob Offenbach, der am 20. Juni 1622 in Cöln als Sohn des dortigen Vorbeters geboren war und seit 163s in Paris lebte und wirkte. Wir haben bereits in Nr. 40 über den Tod der 112 Jahre alten Wittwe Singer in Glowitz berichtet. Wir geben hier einiges Genauere über diese merkwürdige Frau, welche wohl zu den ältesten der Welt gerechnet werden darf und die, abgesehen von ihren geschwächten Augen, sich bis zu ihrem Lebensende im Vollbesitze ihrer Sinne und ihres Gedächtnisses befand. Judith Singer hieß diese hochbetagte Person, welche am 11. Juli 1766 geboren war. Im Alter von 27 Jahren war sie Mutter zweier Kinder. Von den 15. Knaben und Mädchen, welche sie ihrem Manne, einem Synagogenbeamten in Glowitz, schenkte, haben nur drei die Mutter überlebt. Im vergangenen Jahre bestattete sie ihre älteste Tochter, eine ehrwürdige Greisin von 64 Jahren, zur Erde. Ta ihr 112. Geburtstag mit der goldenen Hochzeit des Kaisers von Deutschland zusammensiel, so übersandte die Greisin Seiner Majestät ein Glückwunschschreiben, welches der Kaiser mit einem eigenhändigen Briefe, dem eine 100-Marknote beigefügt war, beantwortete. Tie Greisin Übermächte diese Gabe einer Wohlthätigkeitsanstalt. Die Judith Singer hatte 18 Jahre unter der Negierung Friedrichs des Großen verlebt und wurde eben mündig, als die französische Revolution ausbrach. — Amerika ist doch ein eigenthümliches Land, und die Verhältniffe liegen da anders, als bei uns. Bor uns haben wir den St. Louis Globe- Democrat vom 7. September, ein Riesenblatt, nach Art der Times. Taffelbe widmet 21/-» seiner ungeheuren Spalten mit kleinen Lettern der genauen Beschreibung des Gottesdienstes am jüdischen Neujahrsfeste in drei Tempeln der Stadt. Es werden die Gebete speciell angeführt, die Art ihres Vortrages, die Ceremonieen beschrieben, ein ausführliches Referat der Predigten von Sonneschein. Spita und Messing gegeben, selbst die Namen der Mitglieder des Chors nicht vergessen. Man ersieht mit Vergnügen, wie schön der Gottesdienst geordnet, das hebräische Element nicht beseitigt, aber der Muttersprache ihr Recht eingeräumt ist, und welche Andacht die zahlreich herbeigeströmte Menge beseelt. Diese weitläusige Schilderung in einem großen Blatte bezeugt die Würdigung, welche das Judenthum in diesem Lande erfährt, und giebt jedem Nichtjuden Gelegenheit, den jüdischen Gottesdienst und deffen Inhalt an Geist, Gedanken uud Form kennen zu lernen. — Die „Nordd. Reichspost" hatte Lärm geschlagen, bei der Predigerwahl zu Itzehoe hätten Israeliten, sich eingestellt und mitgewählt. Jetzt muß das Blatt sich selbst berichtigen: kein israelitischer Hausbesitzer sei bei bei der Wahl erschienen, kein Israelit habe mitgewählt. — Man schreibt uns aus Ulm vom 4. Oktober: Am 27. Sept. feierte der hiesige israelitische Leseverein im Gasthof;um goldenen Hirsch sein fünfundzwanzigjähriges Stiftungsfest durch ein Festessen. Die Betheiligung war eine außerordentlich zahlreiche, selbst frühere Mitglieder hatten fich von auswärts auf die Einladung des Vorstandes eingefunden. Die Feier würzte eine Menge gelungener Reden und Toaste, die theils den Verein und seinen guten Namen, theils den Vorstand und den Ausschuß verherrlichten. Eine besondere Weihe erhielt das Fest dadurch, daß gleichzeitig mit dem fünfundzwanzigjährigen Stiftungsfest des Vereins der Vorsänger Einstein sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum als Bibliothekar beging. Der Verein ließ ihm zur Anerkennung feiner großen unermüdlichen Verdienste um den Verein seit seiner Gründung ein reiches Geschenk überreichen. Der isr. Leseverein in Ulm wurde im Juli 1855 auf ein Circulär des damaligen Rechtsconsulenten. jetzigen Oberjnstizprocurators Heß von ca. 20 Gemeindemitgliedern gegründet und hat sich nunmehr zu einer Zahl von beinahe 200 Mitgliedern aufgeschwungen. Die Jntereffen des Judenthums zu wahren, hat der Verein stets zu seiner Aufgabe gemacht, möge er auch ferner gedeihen und das hohe Ziel nie aus dem Auge verlieren, das er sich gesteckt hat'. H. Stollnitz, Cantor. — Man schreibt aus Limburg a. d. Lahn vom 3. Oct.: Am 27. September d. I. hatten die hiesigen Israeliten im Hill'schen Saale einen Festball veranstaltet, welcher auch von auswärtigen Israeliten und einigen Christen besucht war. Die Polonaise hatte kaum begonnen, da spürten die Anwesenden im Tanzsaal einen penetranten Geruch, es entstand ein allgemeines Niesen, Husten, Thränen der Augen u. s. w. Tie Polonaise mußte unterbrochen werden, beim Nachsehen fand man Pfefferkörner im Tanzsaale ausgestreut. Erst nach Oeffnung der Fenster, Lüftung des Tanzsaales und Aufziehen des Fußbodens gelang es, den Tanzsaal und die Luft darin zu reinigen, so daß der Ball fortgesetzt werden konnte. Der Gegenstand, welcher vermuthlich bei Beginn des Tanzes in dem Saale war ausgestreut worden, war spanischer Pfeffer. Man soll dem Thäter dieses Bubenstreiches auf der Spur sein. — In Liptö-Szent-Miklüs soll sich nach „Hon" folgende Geschichte zugetragen haben: Am Vorabende des Versöhnungsfestes träumte eine kranke Israeliten, ihr verstorbener Gatte sei, während sie ihre Gebete