Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1880)
- Date
- 1880-10-19
- Page
- Seite 665 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227328--38423-3307654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
665 Vorstandes tagte am vergangenen Sonnabend eine Versammlung in unserer Stadt, in welcher außer der hiesigen Gemeinde noch 7 unserer benachbarten Gemeinden durch Depulirte vertreten waren. Es handelte sich um die Gründung eines Centralverbandes zur einfacheren und für die einzelnen Gemeinden bequemeren Unterstützung durchreisender Armen. I Obgleich in den meisten der vertretenen Gemeinden Unter-! stützungsvereine seit längeren Jahren bestehen, hat doch die! auch in hiesiger Gegend stark zu Tage tretende Zunahme * durchreisender Bettler schon vor längerer Zeit in unserem! Vorstände den Entschluß wachgerufen, durch Bildung eines Centralvereins nach dem Beispiel der Gemeinden Bayerns dem tief eingewurzelten Uebel des handwerksmäßigen Bettelns gewissermaßen zu steuern. Bon allen Seiten wurde die Wichtigkeit dieses Projectes anerkannt und gaben sämmtliche Anwesende dem Vorschläge unseres Vorstandes ihre volle Zustimmung. Mit der Ausarbeitung eines zweckentsprechenden Statuts und den weiteren organisatorischen Vorbereitungen wurde die Gemeinde Bochum als Vorort, resp. deren Vorstand betraut. Neber den weitern Verlauf dieser wichtigen Angelegenheit werde ich Ihnen später berichten. An unsere Nachbargemeinden, insbesondere diejenigen, welche von dem Projecte bisher noch keine Kunde erhalten, möchte ich im Namen Aller, welche diesem frommen und edlen Werke schon jetzt ihre Mitwirkung zugesagt, die dringende Bitte richten, durch opferfreudige Theilnahmc dahin zu wirken, daß der momentan in noch bescheidenen Grenzen sich bewegende Verband an Ausdehnung und innerer Lebenskraft mehr und mehr zunehme. Ist doch die Wohlthätigkeit unbestreitbar eine der kostbarsten Blüthen auf dem Boden menschlicher Tugenden, ja sie wird sich noch weit herrlicher entfalten, wenn Viele zu gemeinsamem Streben sich die Hände reichen, um den lästigen Wanderbettel auf ein bescheideneres Maß zurückzuführen, damit das alt bewährte jüdische „Uaebmonns" fortan ' bester im Stande sei, an denjenigen Stätten mit freigebiger, | milder Hand zu erscheinen, wo unverschuldete Armuth, Noth; und Elend den Kampf des Lebens erschweren.! .ni. O esterreich-Ungarn. Wien, im Oct. (Privatmitth.) Der „Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien", hat seinen 19. Jahresbericht veröffentlicht. Wir erfahren daraus, das der Verein sich um eine kleine Zahl an Mitgliedern und Geldbeiträgen vergrößert hat. Er zählt jetzt 127 Mitglieder und 1491 st. an Jahresbeiträgen. Man wird zugeben, daß dies für ganz Cisleithanien eine nur geringe Anzahl ist, und man kann es kaum begreifen, wie gleichgültig die Provinzen für diesen so überaus wichtigen Zweig der Wohlthätigkeit sind. Denn das Verzeichniß der Mitglieder erweist, daß diese sämmtlich Wiener sind, während doch nur 2 Studirende aus Wien eine Unterstützung erhielten. Wir heben aus den Berichte folgende Stellen hervor: „So dankbar wir für diese Theilnahme sind, so reicht sie doch nicht hin, uns in die Lage zu setzen, allen Wünschen zu entsprechen, und konnten von den 337 Petenten im abgelaufenen Studienjahre nur 223 berücksichtigt werden. Bei der Beurtheilung der Gesuche, die uns Vorlagen, mußten wir, abgesehen von dem Nachweise der Mittelosigkeit umsomehr auf die Würdigkeit und wistenschaftliche Tüchtigkeit der Bittsteller Rücksicht nehmen, da der Spruch: ,Es studiren zu Biele" gewiffermaßen ein geflügeltes Wort geworden ist. Unter den von uns unterstützten 223 Petenten waren 31 Studirende der Medicin, 64 Hörer der Rechte, 15 Hörer der Philosophie, 61 Studirende der Technik, und zum ersten Male seit dem Bestehen des Vereines auch zwei Agronomen. Dem Baterlande nach waren zwei aus Wien, 6 aus Niederösterreich, 35 aus Ungarn, 40 aus Mähren, 33 aus Galizien, 35 aus Böhmen. 11 aus österr. Schlesien, und je 3 aus der Bukowina und aus Croatien." Der Verein verausgabte seit der Zeit seines Bestehens zu Unterstützungszwecken fl. 50,400,39, auf welche blos fl. 130287 zurückgezahlt wurden, obschon ein großer Theil jener, die seinerzeit die Wohlthal des Vereines in Anspruch nahmen, sich jetzt in guter Stellung befinden. Die Einnahmen des Vereines im verflogenen Jahre betrugen 3699 fl., wovon 2851 fl. verausgabt wurden. Die meisten Unterstützungen bestehen in Collegiengeldern und Promotionskosten. An Vermögen besitzt der Verein gegenwärtig 22,250 fl. Türkei. Konstautinopel, im October. Am hiesigen Platze scheint endlich eine Bewegung eintreten zu wollen, welche ein Erwachen aus allzulanger Lethargie bedeuten könnte. Die hier von der Alliance gegründeten Schulen sind für das ungeheure Bedürfniß nur eine verhältnißmäßig kleine Aushülfe. Es gelang daher den protestantischen Missionsschulen, viele jüdische Kinder in ihr Netz zu ziehen. Wir dürfen uns so ausdrücken, denn nicht die Bildung der Kinder, sondern sie dem Christenthume zuzuführen, ist der Zweck derselben. Dies hat endlich die Aufmerksamkeit der israelitischen Notabeln geweckt, und sie haben eine Gesellschaft unter dem Titel Mepbitz hadath vehascala gegründet, um Asyle und Schulen für die jüdische Jugend herzustellen. Die Hauptschwierigkeil liegt aber im Mangel an Geldmitteln: Die Gesellschaft wandte sich daher an den Chacham-Baschi (Oberrabbiner), um Unterstützung aus Gemeindemitteln zu erhalten. Sie fand großes Entgegenkommen bei ihm und er bestimmte nicht allein einen jährlichen Beitrag, sondern richtete auch an die größten europäischen Gemeinden und Vereine das Gesuch um Unterst