Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1880)
- Date
- 1880-10-19
- Page
- Seite 663 (sequence 7)
- Language
- German
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663 hinaus versagt ihnen ein großer Theil des katholischen Volkes die Folgeleistung. Wären sie klug und nicht von ihrem Zelotismus befangen, so würden sie dergleichen Mißerfolge gar nicht wagen. Es ist übrigens dies — abgesehen von den staatlichen Vorgängen, nicht die erste Niederlage im eigenen Heere. Wir erinnern uns an jene Triumphreise des Ministers Falk zur Zeit des heißesten Culturkampfes durch die Rheinprovinz, wo nicht die geringste Störung eintrat, vbschon der Minister sich überall der größten Oeffentlichkeit und der unmittelbarsten Berührung mit dem Volke exponirte. Ein gleiches Dementi gab das katholische Volk auch ihren jahrelangen Hetzereien gegen die Juden, indem trotzdem nirgends im katholischen Preußen auch nur eine Demonstration gegen die Juden stgttfand. Dies Alles mögen die Herren endlich begreifen. Aus Westfalen, im October (Privatmitth.) Wenn es draußen stürmt, kehrt man in das schützende Haus ein. Das wüste Treiben der Feinde des Judenthums soll dessen Bekenner zur Befestigung im Innern, zu einer Einkehr mahnen, und die es in Wahrheit mit dem Bestände der Religion halten, werden sich um deren Institutionen schaaren. Zu jenen Institutionen gehören in erster Reihe unsere Lehr- und Wohlthätigkeits-Anstalten. — Für die westlichen Provinzen sind deren vornehmlich zwei gestiftet; ihr Zweck und ihre Leistungen sind nicht nur bei allen unfern wohldenkenden Glaubensgenossen anerkannt, sondern auch bei Behörden, bei Bekennern anderer Consessionen als ein uns ehrendes Zeugniß der Wohlthätigkeit hochgehalten. Wir meinen das Waisenhaus zu Paderborn und das Lehrerseminar zu Münster. In dem Vorhaben, demnächst kurze Berichte über Schul-, Lehrer-, Gemeinde- :c. Verhältnisse zu liefern, wollen wir mit daß endlich die Behörden den Leistungen dieser Lehrer glänzende Zeugnisie ausgestellt haben. Dennoch ließen sich hie und da, wenn es sich um die Unterstützung dieser Anstalt handelte, einzelne Stimmen ablehnend vernehmen. Ohne die ungerechtfertigten Gründe solcher Ablehnung auf ihren wahren Inhalt zurückweisen zu wollen, behaupten wir: Der Gründer und frühere Leiter der Anstalt war ernstlich darauf bedacht, daß die Seminaristen einen guten Unterricht im Hebräischen von einem ^strengreligiösen Lehrer erthielten; Vernachlässigung religiöser Gebräuche wurden mit Wissen des Herrn Professors in der Anstalt nicht geduldet. Nach dem Hinscheiden des edlen Haindors übernahm dessen Schwiegersohn die schwere Sorge der Erhaltung und Förderung des opferbedürftigen Werkes, das nun den Namen „Marks Haindorff'sche" Stiftung erhielt. Auf seine Bemühung wurde ihm, dem Präses, ein Beirath durch die Gemeinden Rheinlands und Westfalens gewählt, nämlich ein Curatorium, welches unentwegt auf die Befriedigung der Bedürfnisse bedacht nahm und nimmt, welche an den israelitischen Lehrer gemacht werden müssen. Zu diesem Zwecke wurde eine Prüfung im hebräischen und in den Religionssächern vor Abgang der Seminaristen eingeführt und abgehalten im Beisein eines Fachmannes, dessen Fähigkeit und Würdigkeit unantastbar ist. Wir nennen unter diesen Männern vor Allen den Herrn Dr. L. Philippson, den sel. Oberconsistorialrabbiner! Dr. Bodenheimer, den Herrn Rabbiner l >r. Horwitz, den verstorbenen Lehrer Leeser aus Lübbücke, den Herrn Lehrer i Blumenfeld in Essen, welcher dem Curatorium angehörend,! in den letzten Jahren als Prüfungscommissar assistirte. Diese > Herren haben sich mehremale in öffentlichen Blättern lobend } über den Befund der Prüfung ausgesprochen und eS soll under zweiten der oben genannten Anstalten beginnen, denn! sie ist die nächste dazu, weil die älteste, und weil man das > Alter ehren soll, so geben wir ihr No. 1. unserer Mitthei-! lungen. Wie bekannt, wurde im Jahre 1825, also vor 55 Jahren,; von dem hochherzigen Profeffor Dr. Haindorf zu Münster! der: „Verein zur Bildung von Elementarlehrern uud Be-; fördcrung von Handwerken uud Künsten unter den Juden"! gegründet. Das edle Werk bedurfte und bedarf weiter kein! Wort der Empfehlung. — Es ist eine unleugbare Thatsache, > daß seit der Gründung dieser Anstalt viele israel. Knaben, die! sonst dem Bettel oder armseligen Handel verfallen wären, fleißige j und geachtete Handwerker geworden sind, und daß man seit dem von israel. Elementarschulen und einem geachteten Lehrerstande sprechen kann. Wer wollte es leugnen, daß aus dieser Anstalt Männer hervorgegangen, die eine Zierde des Lehrerstandes sind, manche, die auf verschiedenen Gebieten der Wiffenschaft sich einen bedeutenden Namen erworben; vergessen bleiben, daß der sel. l>r. Bodenheimer nach einer solchen Prüfung in einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft auf die Frage: Wie sind Sie denn mit den jungen Leuten zufrieden? den Ausspruch that: Ich kann mit vollster Gewissenhaftigkeit die jungen Leute r* 7" empfehlen. Mit richtigem Veständnisse dessen, was uns jetzt Roth thut, hat das zeitige Curatorium in einem Circulare, worin es, bei den erhöhten Bedürfniffen der Anstalt, deren Zöglinge und Lehrkräfte sich mehrten, und bei der Nothwendigkeit zur Herstellung eines neuen, zweckentsprechenden Seminargebäudes, auf die Sorge für einen gediegenen Unterricht im Hebräischen und eine allseitige Ausbildung im Cantorate hingewiefeu. Die jungen Leute erhalten thatfächlich eine gründliche Anleitung zur würdigen Verwaltung des Cantorats uud Unterricht im Hebräischen von einem Fachmanne, der mit gründlichem Wissen in den hebräischen Fächern strenge Religiosiät verbindet. In der Provinzialhauptstadt Westfalens ist kürzlich eine