Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1880)
- Date
- 1880-10-19
- Page
- Seite 662 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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&52 das Judenthum, sondern das jeder Reform und allem Fortschritt des religiösen unddes sittlichen Lebens entgegen arbeitende orthodoxe christliche Priestcrthum sei die culturfeindliche Macht, die von allen echten Culturkämpfcrn heutzutage vorzugsweise bekämpft werden müsse. (Lebhafter Beifall.) Daß die Pr esse zum Theil corrumpirt sei, könne nicht in Abrede gestellt werden; daran seien aber nicht die Juden schuld, sondern diejenigen Christen, welche für ihr Streben eine käufliche Reptilienpresse nöthig haben. Daß dem Judenthum das Ideal der Ritterlichkeit fehle, das gereiche demselben in den Augen aller Zeitgenossen, welche das Ideal des echten Bürgerthums im Gegensatz zu dem Ideal der Ritterlichkeit mit seinen noblen Passionen Hochhalten, nicht zum Borwurfe, sondern zur Ehre. In Bezug auf das sittliche Familienleben könnten viele Christen, besonders solche, die sich erhaben dünken über dem bürgerlich-sittlichen Leben, von den Juden viel Gutes lernen. Daß Religion und Christcnthum von den Juden in der Presse angegriffen und verhöhnt werde, könne nur eine solche specifisch-christliche Partei behaupten, welche ihren „Afterdienst" in Religion und Christenthum für lvahre Religion und für wahres Christcnthum ausgebe. In Betreff der Forderung in der Petition, daß die Einwanderung von Juden beschränkt werde, weist der Vortragende darauf hin, daß diese Forderung mit der einer Austreibung derselben aus dem Lande auf demselben niedrigen Niveau sittlicher Bildung stehe. Gegenüber der Klage, daß die Juden sich in die Aemter hineindrängen, bemerkt er, daß dies gar nicht möglich sei, da alle Beamte im Staate ja von Behörden eingesetzt werden, es mithin nicht dem Belieben anheimgcgeben sei, sich in Staatsämter einzudrängcn. Tie Folgen besprechend, welche die Petition haben könne, hebt er hervor, daß mit ihr dem Hochmuth, der die bloße äußerliche Zugehörigkeit zu einer Religionsj Partei sich schon zu einem Verdienste anrechne, und dem Fanatismus der Religionsparteien gegeneinander Vorschub geleistet werde. Mit der Mahnung an die anwesenden Mitbürger jüdischen Glaubens, daß sic sich durch Anfeindungen einer fanatisch-christlichen Partei nicht erbittern lassen und fortfahrcn möchten, durch ihr Verhalten im practisch-siltlichcn Leben der Welt zu beweisen, daß in Bezug aus die echte Religiosität, die darin besieht, daß man sich's angelegen sein läßt, Gutes im Menschenleben zu schaffen, es glcichgiltig ift, ob man Jude oder Christ, Semit oder Germane sei. und mit der Erklärung, daß in seinen und seiner Religionsgenoffcn Augen ein Jude, der durch sein Leben und sein Streben echte Religiosität bekunde, höher stehe, als ein auf sein Christenthum stolzer zelotischer Priester, schloß Herr 1)r. K. seinen Vortrag. Durch stürmischen Applaus gab die Versammlung ihre Zustimmung kund. Ter Vorsitzende verlas nun die folgende, von Herrn August Weinberg eingebrachte Resolution: „Die heutige vom „Protestantischen Reformverein" berufene Versammlung erklärt den Versuch, Staatshilse gegen Staatsbürger, tveil sie zufällig als Juden geboren sind, aufzurufen, für unprotestantisch und unsittlich und warnt alle Staatsangehörigen, gleichviel welcher Confesfion sie angehören, durch solche Bestrebungen sich nicht in Haß und Feindschaft hineintreiben zu taffen." Nachdem Herr Weinberg zur Begründung der Resolution auf die Ausführungen des Herrn vr. Kalthoff hingewiesen, wurde die Abstimmung über dieselbe vorgenommen. Das Ergebniß war einstimmige Annahme der Resolution seitens aller derjenigen Anwesenden, welche sich an der Abstimmung betheiligten. Tie Zahl der Anwesenden jüdischer Confessio», welche sich nicht an der Abstimmung bctheiligt hatten, wurde nachträglich constatirt; es stellte sich dieselbe ans etwa ein Drittel sämmtlicher Anwesenden heraus. Köln, 10. Lct. (Privatmitth.) Wir sind nicht schadenfroh. Würden uns deshalb die Ultramontanen nicht! selbst dazu antreiben, so würden wir an dieser Stelle der schweren Niederlage nicht Erwähnung rhun, tvclche jene soeben erfahren, und die um so schwerer ist, als sie im eigenen Lager vor sich geht. Alle Umtriebe und Wühlereien haben ihnen nichts geholfen: das katholische Volk entzieht sich, wie schon aus den großen Vorbereitungen thatsächlich erwiesen ist, dem Tombaufeste am 1ö. und 16. d. nicht, und dieses verspricht, besonders wenn das Wetter es begünstigt, eines der herrlichsten und großartigsten zu werden, die je in Deutschland gefeiert worden. Ta dasselbe in jeder Beziehung den Charakter eines deutsch-nationalen Festes erhalten hat, so haben auch die hiesigen Juden einen regen Antheil genommen, besonders an der Herstellung des historischen Fcstzuges. Einige Juden gehören dem großen Fest-Comite an, bei den Zeichnungen von Geldbeiträgen haben sich Juden bctheiligt und eine Anzahl derselben wird auch im Festzugc Mitwirken. Das ist nun den ultramontanen Preßorganen, der „Deutschen Reichszeitung," der „Germania" u. s. w. Stoff genug, um die fadesten Späße und die giftigsten Bemerkungen daran zu knüpfen, die mit gleicher Münze zu bezahlen nicht der Mühe lohnt. Wo es gilt, ein deutsch-nationales Interesse zu bcthätigen, sind die Juden nicht allein berechtigt, sondern auch verpflichtet, ihre patriotische Gesinnung zu erhärten, und werden sich hierin von Illtraniontanen und Reactionären nicht stören lassen, weil diesen jede deutsch-nationale Kundgebung ein Dorn im Auge ist. Auch ist längst die Zeit vorüber, wo der Jude nur die komische Rolle spielte; Bildung und Geschmack sind bei den Juden in gleichem Maße wie bei der übrigen Bevölkerung vorhanden, und sie haben hierin einen freieren Spielraum als die Herren Ultramontanen in ihrer Beschränktheit und Engherzigkeit. Es erweist sich übrigens hierbei, daß die Herrschaft der letzteren nur bis zur Wahlurne ging; darüber