Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1880)
- Date
- 1880-10-19
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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658 recht erhalten wurde, während Rußland nur sein eigenes Interesse in nüchternster Weise verfolgte, in der Allianz mit Preußen nur die diesem Staate nothwendige Unterordnung, eine Verpflichtung zum Gehorsam gegen russischen Willen^und russische Politik erblickte: serner zu zeigen, daß zwischen der russischen Regierung und dem russischen Volke, namentlich den Gebildeten in ihm ein Unterschied zu machen sei und daß die Stimmung der letzeren immer Preußen und Deutschland seindlich gewesen, und immer feindseliger geworden, daß unter dem Staatsmanns der das russische auswärtige Amt leitet, die Haltung Rußlands gegen Preußen immer gehässiger wurde, und daß Fürst Bismarck schon seit 1866 die Nothwendigkeit erkannte, sich mit Oesterreich gegen Rußland zu verbinden, daß er das Dreikaiserbündniß zu diesem Zwecke eingeleitet und gegenwärtig ein festes Band zwischen Deutschland und Oesterreich geknüpft hat. Zu diesem Zwecke werden die Beziehungen zwischen Preußen und Rußland vom Jahre 1815 an bis zum heutigen Tage geprüft und an der Hand der Thatsachen, politischer Dokumente und der russischen und deutschen Presse blosgelegt. Alle Lauge des Spottes ergießt sich hier, namentlich feit 1840 über die sg. altpreußische, namentlich von Louis Schneider und der Kreuzzeitung vertretene Partei, die für die Ehre, Würde und Selbständigkeit Preußens und Deutschlands, ja nicht einmal ihres Königs, auch nicht die geringste Empfindung hatte, und die brüskeste Behandlung, sowie die Vorgänge in Warschau und Olmütz noch als glückliche Ereignisse feierte. Dann werden reiche Auszüge aus den russischen Zeitungen und Schriften seit dem RegierungSantritl des jetzigen russischen Kaisers geliefert, welche den tiefsten Haß gegen Preußen arhmen und diesen mit steigender Erbitterung aussprechen und schließlich die Allianz zwischen Frankreich und Rußland mit aller Kraft predigen. Vor diesen tonangebenden Wortführern mußten diejenigen verstummen, welche in Rußland noch irgend eine Hinneigung zu Deutschland, irgend eine unparteiische Beurtheilung der Dinge bekundet hatten. Trotz alledem war in Deutschland, wie diese Schrift behauptet, die Verblendung für die Allianz mit Rußland noch allgemein, und als Beweis hierfür werden die Raifonnements des Herrn v. Treitschke in den „Preußischen Jahrbüchern" angeführt. Da werden denn Leistungen deS Herrn v. Treitschke in hohlen Tiraden, in unbedingter Lobpreisung und Anempfehlung der russischen Allianz ans Licht gezogen, die wirlich fast die Möglichkeit übersteigen. Man lese nur S. 167 und 1<;> der vorliegenden Schrift, lind dies nicht etwa aus alter Zeit, sondern aus den Jahren 1874 und 1877! Herr v. Treitschke rühmt da sogar die großartige einheitliche innere Entwickelung Rußlands und die unbedingte Friedensliebe der russischen Politik. Er zeigt sich als völlig unwissend in den inneren Zuständen Rußlands und als völlig urtheilslos über die auswärtigen Beziehungen. Wir wollen nur ein Beispiel geben. Der Berf. sagt: „Wenige Monate vor Beginn jener orientalischen Krisis, welche den über die russischen Zustände und Stimmungen gebreiteten trügerischen Schleier zerriß, erklärte einer der einflußreichsten und patriotischesten deutschen Publicisten, daß es an der Zeit sei, die Deutschen daran zu mahnen, „daß sie ohne selbstgefälligen Culturdünkel die despotischen Formen des russischen Staatswesens in ihrer Berechtigung anerkennen" und verstehen lernten, „daß die Ruffen das politisch bestbegabteste der slawischen Völker seien". In aller Form wurde „jenem England, das einst von den besten Köpfen Deutschlands als unser natürlicher Bundesgenosse gefeiert ward", der Scheidebrief gegeben, der Bund Deutschlands mit Rußland als Grundlage des Friedens der Welt und der neuen Ordnung des Staatensystems" gefeiert und die Behauptung gewagt, „diese Freundschaft wurzele auf so festem Grunde, in so alten Ueberlieferungen, daß selbst ein Thronwechsel in Petersburg sie schwerlich stören würde." — Klingt dies nicht, als ob es Louis Schneider und zwar 1850 geschrieben hätte, statt Herr v. Treitschke im Jahre 1877'? Und ist es nicht eine starke Ironie, wenn der Berf. diesen „einen der einflußreichsten und patriotischesten deutschen Publicisten nennt"? Ja, wenn patriotisch heißt, mit patriotisch klingenden Phrasen um sich werfen und Jedem den Patriotismus absprechen, der eine andere Meinung zu haben wagt als der „patriotische Publicist"! Daß hiernach Herr v. Treitschke als Politiker noch ferner irgend welchen Credit besitzen sollte, ist nicht glaublich. So klar und hell auch das Licht ist, das der Vers, der vorliegenden Schrift über seinen Gegenstand breitet, so muß man sie doch als eine Parteischrifl bezeichnen, und zwar weil sie etwas Wesentliches verschweigt. In meisterhafter Weise zeichnet sie die Stimmungen in Rußland, aber die Stimmungen in Deutschland weist sie nur von der einen Seite. Sie will die Meinung verbreiten, als ob ganz Deutschland die Verblendung über Rußland getheilt habe, woraus sich ergiebt, daß Bismarck allein die Wirklichkeit durchschaut und darnach gehandelt hätte. Darum führt er auch für die erste Zeit nur Louis Schneider, die Kreuzzeitung und Genoffen, für die letzte Zeit die „Preußischen Jahrbücher" und ihren Redacteur an. Das ist aber unrichtig. Bon 1815 an hatte der gesammte deutsche Liberalismus, hatte Alles, was in Deutschland liberal war, eine richtige Vorstellung von der Allianz mit Rußland und von deren wirklicher Bedeutung für Preußen und Deutschland; in allen ihren Phasen machte die ganze deutsche liberale Partei Opposition gegen diese intime Verbindung, in welcher sie nur ein Hinderniß für die Macht- und die nationale Entwickelung Preußens und Deutschlands und sür jede liberale Institution erblickte und erblicken mußte; zu aller Zeit sprach sie sich energisch dagegen aus, soweit es ihr gestattet wurde, und wofür sie oft genug, selbst