Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1880)
- Date
- 1880-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein mlpartciischcs Organ Kr alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich | | einmal in 2 bis 2‘/» Bogen. Preis j Vierteljährig 3 Marl. Inserate werden mit 20 Ps. für die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum berechnet. | Alle Postämter (Postzeitungsliste Rr. »kl) und Buchhandlungen nebmen Bestellungen an. > Herausgegeben von Nabbiner Dr. Ludwig Philipp son in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. s In redactionellen Angelegenheiten 1; wende man sich an Nr. f. ptiilippi'on in Bonn: hinsichtlich der Jinerare an R. > Masse in Leipzig und dessen Filiale» j in Berlin. BreSlau :c. i Znirrakc, welche bis Sonn »»lag entgehen, > finden in der darauffolgenden Rümmer! > Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Jahrgang. Leipzig, den 19. October 1880. No. 42. Inhalt. Leitende Artikel: Herr v. Treitschke als Politiker verurtheilt! — Einige Bemerkungen zu: „Die Krisis des Lhristenthums in der modernen Theologie." — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Köln, Aus Westfalen, Neumark, Bochum. — Oesterreich Ungarn: Wien. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Amatus Lusitanu> (i;»ii—15C6): Eine biographische Studie. XcitcnOc cEX:fl-ficf. Bonn, 13. October. i Herr v. Treitschke als Politiker verurtheilt! Unsre Leser wissen, daß wir in diesem Blatte wohl der großen weltgeschichtlichen Entwickelung der Politik folgen und sie von unserem Standpunkte aus beurtheilen, daß wir aber mit Specialpolitik uns nicht beschäftigen. Machen wir hiervon heute eine Ausnahme, so hat es seine besondere Veranlassung. Herr v. Treitschke hat sich als einen in blindem Judenhaß Befangenen gezeigt; er hat die traurige Rolle gespielt, durch die Autorität seiner Stellung und durch seine Sprachgewandtheit den Bestrebungen eines Marr und Stöcker ein Relief gegeben und dadurch einer ganzen Meute den Muth des Angriffs eingeslößt zu haben. Wenn nun gegenwärtig derselbe Herr v. Treitschke als ein durchaus verblendeter Politiker hingestellt wird, als ein Publicist, welchem jede klare Einsicht in die wirklichen Berhältniffe und deren geschichtliche Entwickelung fehlt, und der mit seinem politischen Geschwätz gerade das Gegentheil trifft von dem, was wirklich vorgeht und was das politische Heil des Vaterlandes ausmacht, und zwar von gewichtigster Seite und mit den vollsten Beweisstücken: so wird man es nicht blos als unser Recht, sondern auch als unsre Pflicht ansehen müffen, ein wenig näher darauf einzugehen. Denn wenn in der eniinent wichtigsten Lage, in den bedeutungsvollsten Beziehungen unsres Vaterlandes Herrn v. Treitschke eine völlige Unkenntniß und Urteilslosigkeit und vor Allem die Gefährlichkeit seiner Rathschläge und alles deffen, was er dem Vaterlande für heilsam und zu erstreben hält, nachgcwiesen wird, so müffen wir doch wohl fragen: welches Vertrauen und welche Autorität kann nun dem Herrn v. Treitschke in der Angelegenheit der Juden zuertheilt werden?! In März dieses Jahres erschien in Leipzig bei Tuncker und Humblot eine Schrift, welche nach wenigen Tagen, nämlich Anfangs April, bereits eine zweite Auflage erforderte. Vielleicht hat sie seitdem noch mehrere Auflagen erlebt; uns liegt die zweite vor. Sie ist betitelt: „Berlin und Petersburg. Preußische Beiträge zur Geschichte der Russisch-Deutschen Beziehungen". Sie ist anonym erschienen, aber darum wird es dem Sachkundigen nicht schwer, den Autor zu erkennen, der, von langer Zeit her ein gewandter Publicist, den Vorgängen im auswärtigen Amte nahesteht. Wir können diese Schrift als eine (nicht officielle) „Staatsschrift" bezeichnen, denn sie geht darauf hinaus, die gegenwärtige politische Lage, namentlich die Beziehungen zu Rußland und Oesterreich, zu erklären und zu rechtfertigen. Sie thut dies mit einem reichen Material, das mit voller und doch besonnener Hand verwendet wird. Der Endzweck ist, dem deutschen und vielleicht dem europäischen Publikum zu erweisen, daß die Allianz zwischen Rußland und Preußen nur von dem letzeren aufj richtig gemeint und mit einer sentimentalen Hartnäckigkeit auf- 42