Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1880)
- Date
- 1880-10-12
- Page
- Seite 649 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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<549 kung auf die Gemeinde und erheben die Zuhörer. Es fällt mir zenden Predigten in den christlich-socialen Biersälen wie die gewiß nicht ein, die Bedeutung und die Wirksamkeit derjenigen, giftigen Ausfälle der clericalen Preffe dulde. Thatsache ist. die Sulzer folgten, irgendwie schmälern zu wollen; aber so viel ist gewiß, daß noch lange, lange Zeit Sulzers gedacht werden, so oft vom modernen Synagogengesang die Rede sein wird. Wie ihnen aus den Journalen bekannt sein wird, besuchte der Kaiser während seiner letzten Reise durch Galizien und die Bukowina auch die Synagogen zu Lemberg und Czernowitz. Der Vorgänger des jetzigen Monarchen, der Kaiser Ferdinand, hat zur Zeit, als er noch Kronprinz war, die Synagoge zu Nicolsburg und zwar an einem Versöhnungstage besucht. Wien, 1. October. (Privatmitth.) Es ist von Wichtigkeit zu erfahren, wie die Preffe den glänzenden Sieg beurtheilt, welchen die Sache des Rechts gegen Jstoczy und seine Liga im ungarischen Abgeordneten-Hause gewonnen hat, da gewiß seit langer Zeit eine solche einstimmige Berurtheilung von dem Parlamente einer großen Nation nicht ausgesprochen worden. Characteristisch ist nun, daß die Blätter in Deutschland, sowohl die reactionären als die liberalen, mit wenigen Worten darüber hinweggefchlüpft sind, und sich höchstens mit einem sehr kurzen Resunw aus Tisza's Rede begnügten. Geschah dies aus einem gewissen Schamgefühl, oder weil sie den Juden diesen Triumph nicht gönnen?... Anders verfuhr die hiesige Preffe, und aus mehrfachen, den Vorgang würdigenden Artikeln hebe ich nur den der „Preffe" (der Alten Preffe) vom 30. September hervor. Er beginnt: „Deutschland und Ungarn theilen sich gegenwärtig in die zweifelhafte Ehre, der Welt das Schauspiel einer social-politischen Agitation der krankhaftesten Art zu bieten, welche sich gegen eine der ersten Errungenschaften des liberalen Gedankens richtet. Mit gleicher Verve, aber allerdings mit ungleichem Erfolge daß die Anti-Semiten-Liga, die es in Ungarn noch nicht dazu bringen konnte, Wurzel zu fassen, draußen im Reiche Terrain gewinnt und daß sie bereits ein eigenes Organ, die „Wahrheit", besitzt, dem nicht nur Caplan-Blätter, sondern merkwürdigerweise selbst liberale Organe von der Couleur Bismarck zeitweise ein wenig secundiren. Sie müssen offenbar auf ihr Publicum rechnen können." „Es verlohnt sich sicherlich, der »'Erscheinung näher zu j treten, daß in dem gebildeten Deutschland reactionäre Ten- ' denzen Propaganda machen, die in der Heimath der Czikos versagen. Der eine Grund liegt auf der Hand; es läßt sich nicht mehr leugnen, daß das ganze politische und sociale Leben draußen seit der Verflüchtigung der Milliarden und dem Einbruch der Krise, die ja in die tieferen Schichten des Volkes hinunter erst in den letzten Jahren gestiegen ist, an allgemeiner Unbefriedigung und nervöser Stimmung krankt, in der man nach irgend einem Schuldigen sucht. Den Juden zu finden, lag für die zelotischen Kreise am nächsten, denn es entsprach ihrem Geschmacke, lag in geschickter Berechnung der schlechten Leidenschaften und war am gefahrlosesten, denn der Liberalismus ließ das Judenthum, das seit seiner Emancipation mit ihm gekämpft, im Stich." Einen zweiten Grund findet nun der Artikel darin, daß in Deutschland die Juden versäumt hätten, Landbesitz zu erwerben und ihr mobiles Vermögen in Immobilien anzulegen. Er fährt fort: „Aber es ist wahr, daß der mobile Besitz allein nur Neid erzeugt, nicht aber auch Ansehen und Macht giebt. Derselbe repräsentirt das Individuum, und wenn dieses nicht aus sich herausgeht und sichtbar unter die Gesellschaft tritt betreiben die gewissen Elemente im neuen Reich und im avi-! und an ihren Jntereffen und Lasten theilnimmt, so erklärt tischen Magyarenland die Judenhetze und man muß constatiren, sich bis zu einem gewiffen Grade die Jsolirung, welcher daß die Thätigkeit der Herren Stöcker und Genossen im Lande der Denker sich wirksamer erwiesen hat, als die Agitation Jstoczy's jenseits der Leitha. Die Beantwortung der Interpellation Miklos' durch Herrn Tisza und die einmüthige Stimme der ungarischen Preffe beweisen, daß die Aufwiegelung der Gemüther von der ungarischen Gesellschaft mit Energie zurückgewiesen wird und daß die Regierung ein correctes Verfahren der Bewegung gegenüber einzuschlagen gewillt ist, was man beides nicht gerade von Deutschland behaupten kann. kein Gesetz entgegenwirken kann, da sich die öffentliche Meinung — ein Jmponderabile — nicht reguliren läßt. In die sichtbare Gemeinsamkeit der Nation tritt der Einzelne und eine ganze Gesellschaftsclaffe, wenn sie an ihrem Grund und Boden Antheil gewinnt und sich seßhaft vor aller Augen macht. Das deutsche Judenthum hat es bisher versäumt, aus den stuctuirenden Kreisen in die stabilen überzutreten, welche die feste Nnterschichte des Staates bilden, denn sein Landbesitz ist geringfügig im Verhältniß zu seinem mobilen Längst ist die Agitation dort in die Aufregung zu Haß und Verach-^ Vermögen. Daß es verhängnißvoll werden kann, auf der tung gegen eine bestimmte Gesellschaftsclaffe übergegangen, ohne > Oberfläche der wirthschaftlichen Strömungen fortzuschwimmen daß man es gewagt hätte, die orthodoxen Pastoren undjohne Halt in den Tiefen, wird heute angesichts der Erfolge clericalen Wühler zu faffen, wie dies das Strafgesetz gestatten - der Judeuhetze in Deutschland für Niemanden mehr ein Zweiwürde; der Verdacht wurde schon oft und laut genug ausfel sein können." Es mag hierin viel Wahres liegen; ganz gesprochen, daß man den Haß gegen das Judenthum offen-; zutreffend erscheint es uns jedoch nicht. Würden in Deutschbar als ein Ferment der von oben begünstigten, rückläufigen! land die großen jüdischen Capitalisten bedeutenden Grundbe- Bewegung betrachte und mit vollem Bewußtsein die ausreisitz erwerben, so würde das feindliche Geschrei nur noch stärker 41