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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-10-12 · Heft 41 (12.10.1880) · p. Seite 648

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 41 (12.10.1880)
Date
1880-10-12
Page
Seite 648 (sequence 8)
Language
German
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Breslau, 26. September. Der zum Christenthum übergegangene vr. Jnowraclawer hat den Namen vr. Jnow am genommen, und ist nunmehr vomProvinzial-Schulcollegium als Lehrer am Friedrichsgymnasium bestätigt worden. Bei vielen einsichtsvollen und wirklich religiösen Menschen hat dieses Borgehen großes Mißfallen erregt. Sagt doch selbst die „Germania": „Die Haltung des Schulcollegiums wird vielfach getadelt, weil das Beispiel eines Lehrers, der um äußerer Bortheile willen den Glauben gewechselt, die Jugend kaum in geistigem Sinne beeinflußen könne." Dabei beklagt man, daß sich so viele irreligiöse Elemente innerhalb der Landeskirche geltend machen! Aus Baden, im September. (Privatm.) Die „Grenzboten", in denen sich jetzt alle reactionären Gelüste ablagern, enthalten einen Artikel gegen die in Baden seit zwanzig Jahren bestehende Simultanschule, der sich durch seine völlige Gehaltlosigkeit auszeichnet. Er meint zuerst, der durch die Simultanschule erhoffte consessionelle Friede sei nicht eingetreten. In den Schichten des eigentlichen Volkes ist dieser Friede sicher vorhanden, sobald er nicht durch protestantische und ultramontane Zeloten mit allen Künsten gestört wird. Daß der Schreiber deffelben zu der ersten Sorte gehört, ersieht man daraus, daß er die Simultanschule für geradezu gefährlich erklärt, weil „um des Judenthums und um des Katholicismus, ja selbst um des absoluten Unglaubens willen, der Protestantismus durch sie auf's Empfindlichste beschränkt wird." Nun, und der Katholicismus und das Judenthum, werden sie nicht um des Protestantismus willen beschränkt? Genau zügesehen, ist doch dem letzteren die Obherrschast eingeräumt; man braucht nur die Lesebücher einzusehen. Allein eine weise Beschränkung jedes zclotisch religiösen Geistes ist ja eben, was unserer Zeit Noth thut, und wenn diese Leute über religiösen Jndifferentismus schreien, wie es der Artikelschreiber der „Grenzboten" thut, so wächst dieser Jndifferentismus eben immer mehr durch das Gebühren der Zeloten. Es ist gewiß: die größten Feinde der Religion sind diese falschen Freunde der Religion! Jnsonders klagt nun der Scribent über den Geschichtsunterricht. Es soll aus demselben, meint er. Alles ausgeschloffen werden in der Simultanschule, was irgend ein religiöses Bekenntniß verletzen könnte. „Wie empfindlich," sagt er, „in diesem Punkte die Juden sind, ist bekannt. Aber auch die Ultramontanen sind es kaum minder, und schon jetzt kommen sie mit Forderungen, die dem protestantischen Geiste einen geradezu tödtlichen Streich versetzen würden." Wir würden „einen Geschichtsunterricht erhalten, der alle Thatsachen, welche ultramontane oder jüdische Empfindlichkeit zu verletzen geeignet sind, unterdrücken müßte" u. s. w. Wir möchten wohl wißen, was im Geschichtsunterrichte von jüdischer Seite aus, und wären wir noch so empfindlich, ausgeschieden werden sollte, wenn nicht beleidigende Ausfälle in der Geschichte Jesu? Niemand der Geschichte der Völker unparteiischer gegenüberstehen als der Jude, der thatsächlich an ihr Theil zu nehmen nicht berufen war. Die „jüdische Empfindlichkeit" ist also hier mit den Haaren herbeigezogen, um der ultramontanen Empfindlichkeit zu sekundiren, während doch die protestantische Empfindlichkeit, wie sehr viele Beispiele in Preußen beweisen, nicht geringer ist. Die „Germania" meint hierzu: „Für die Katholiken bleibt es strenge Pflicht, wo immer das religiöse Gefühl der katholischen Kinder verletzt wird, Klage zu erheben" — als aber vor einem Jahre der Vorstand der Linzer jüdischen Gemeinde Klage darüber erhob, daß in einem katholischen Schulbuche die Juden, auch die gegenwärtigen, als „Kains und Brudermörder" bezeichnet werden, da stießen die ultramontanen und protestantischen Blätter, Herr von Treitschke an der Spitze, ein Zetergeschrei aus über „die Unverschämtheit und Frechheit der Juden." Jeder hält also für sich für erlaubt, was er bei den Anderen unverschämt findet. Ueberbaupt bietet dieses Alles ein Bild der Verwirrung und Zerfahrenheit in der Gegenwart, wie sie größer nicht fein kann. Was heute Recht und Ziel ist, das wird morgen verurtheilt und verdammt. Am schlimmsten sind die Lehrer daran; gestern noch sollten sie confessionslos lehren, heute spezifisch confesfionell, und wenn sie der augenblicklichen Strömung nicht völlig folgen, sind sie mit Zurück- und Absetzung bedroht. Und dabei zeigt sich noch keine Aussicht der Klärung, sondern die meisten Organe der Oeffentlichkeit arbeiten auf immer größere Verwirrung und Verdunkelung los! O esterreich-Ungarn. Wien, 26 Sept. (Privatmitth.) Die Festzeit geht zu Ende. Wie gewöhnlich wuchsen die jüdischen Bethäuser für das Neujahrs- und Versöhnungsfest wie aus der Erde heraus und sogar der Circus Renz bildet Heuer eine Stätte der Andacht. Die Beihäuser waren übrigens am Neujahrsfeste noch nicht überfüllt. Dies hängt nämlich mit den hiesigen Schuleinrichtungen zusammen. Das Schuljahr für die Volks- Bürger- und Mittelschulen (Gymnasien und Realschulen) beginnt am 16. September und ist die Einschreibung am 12 oder 13. Bis zu diesem Tage bleibt Alles in der Sommerfrische, wo ebenfalls gewöhnlich Gottesdienst abgehalten wird. Die Sulzerfrage wurde dahin erledigt, indem ein junger Cantor, der bisher in dieser Eigenschaft in Leipnik fungirte. Herr Schiller, dazu ausersehen wurde, so oft es nothwendig und wünschenswerth ist, den Altmeister zu vertreten, und ein Meister ist Sulzer noch jetzt trotz seines Alters. Man darf es sagen, er hat mit großer Weihe und außerordentlicher Verve sowohl zu Kolnidre wie zu Nileh fungirt und sind seine Gesänge und Compositionen von außerordentlicher Wir-

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