Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1880)
- Date
- 1880-10-12
- Page
- Seite 647 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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647 ocx Itnicj Miac^ri cf\ lei i. Deutschland. Berlin, 26. Sept. (Privatmith.) Wir haben bereitsbemerkt, daß Stöcker seine Versammlungen wieder begonnen hat und seinen diesmaligen Feldzug mit einem Vortrag über die Frage, „ob die Juden sich in der jüngsten Zeit gebesiert hätten", erösinete. Die „Voss. Ztg." schreibt hierüber: „Wir unsererseits können Herrn Stöcker im Vertrauen sagen, daß die ,Bossische Zeitung'' nicht zur Judenpresie gehört und daß die gesammte Redaction (worüber wir bezüglich des Herrn Stöcker nicht ohne Zweisel sind), gut christlich ist. Um so mehr aber fühlen wir uns aus unserem christlichem Bewußtsein heraus verpflichett und berechtigt, Herrn Stöcker zu sagen, daß seine ernste Judenagitation eine Verleugnung des Christenthums in seinem Ursprung und seiner Lehre ist, und daß seine demagogischen Hetzreden und seine Aufreizungen zum Haß und zur Verachtung der jüdischen Mitbürger des Gewandes, das er trägt, unwürdig ist. Ein Mann, der in die Gosse zu solch demagogischem Treiben hinabsteigt, gehört nicht auf die Kanzel, und eines der vielen Räthfel, welches die heutige Zeit zu rathen aufgiebt, bleibt es, wie die Behörden solchem Treiben ruhig zusehen können, und noch mehr, wie das geistliche Consistorium, das sonst so empfindlich bezüglich der Wahrung der Würde des priesterlichen Standes und Kleides ist (wir erinnern an den Fall Neßler), einem solchen Gebühren, das nachgerade zum öffentlichen Skandal wird, ruhig zusehen kann." Andere Berliner Blätter sprechen von dieser Stöcker'schen Versammlung, als handele es sich um eine Vorstellung in einem „Affentheater". Natürlich, wenn einmal ein und das andere Blatt über diese, an sich unbedeutenden Aeußerungen eines eben so kindischen wie unsittlichen Haffes berichtet hat, können auch die anderen nicht schweigen, und so erreicht Stöcker, was er am meisten wünscht — daß von ihm öffentlich geredet wird! — Wie übrigens neben dem allgemeinen „fortschrittlichen" Geiste in Berlin auch der confessionelle zum Ausdruck gebracht wird, kann man daran sehen, daß einige „protestantische Kaffeehäuser" entstanden sind — eine zwecklose Nachäffung der „katholischen Gesellenherbergen." — Wie sehr es übrigens in gewiffen Kreisen sprudelt und gährt, dafür geben stch mancherlei Symptome kund. Im „Heinsdorff-Theater" wird ein Stück „Gottes Segen bei Cohn" aufgeführt, in welchem ein wohlthätiger Jude die Hauptrolle spielt und in den Couplets Stöcker verhöhnt wird. Dagegen bringt die „Germania" aus der „Köln. Bolks-Ztg." ein altes Gedicht zum Vorschein, in welchem die Vertreibung der Juden aus Regensburg besungen wurde. Wenn wir nun, diesen frommen ultramontanen Blättern gegenüber, die Spottlieder jener Zeit gegen die Geistlichkeit aus dem Staube, der sie bedeckt, hervorziehen und für Belege gerechter Anschuldigungen ausgeben wollten, welch' Geschrei über „jüdische Frechheit" u. s. w. würden sie erheben! Leipzig, 29. Sept. (Privatmitth.) Neben den „Grenzboten" hatte sich bekanntlich die Wochenschrift „Im neuen Reich" zum Champion der Jndenhetze gemacht. Sie liefert jetzt am Eingang der diesjährigen politischen Wintercampagne einen neuen Artikel. So giftig er abgefaßt ist, so beweist er ' doch nur zweierlei: erstens, daß die Herren Judenfreffer in der ärgsten Noth und Pein sind, wenn man sie frägt: was soll denn nun gethan werden? Und zweitens: der ganze Tumult gegen die Juden hat bei diesem Genre Abtrünniger vom Liberalismus doch nur den Zweck, zur Reaction auf wirthschaftlichem Wege zu treiben. Weiter ist und will es nichts! Um unparteiisch zu sein, geben wir zum Beweise die Quintessenz dieses „Im neuen Reich"-Artikels nach einem ultramontanen Blatte. „Es sei Zeit, dem schädlichen Einfluß des Judenthums Einhalt zu thun, als ziemlich deutlich die dumpfen Mächte des communistischen rothen Abgrundes sich meldeten. Die Judenfrage hänge zunächst an der wir 1hschaftlichen Rcformarbeit. Wenn wirklich gefunden würde, wie das mobile Capital zu behandeln sei, damit nicht proletarische, sondern gesunde Zustände mit seiner Hilfe entständen, dann seien specielle Judengesetze unnöthig. Fehlten uns aber schöpferische Kräfte wirthschaftlicher Art, so werde der Ruin immer deutlicher, der Zorn der Mittelklassen heftiger; dann würden wir die revolutionäre Arbeit des Mittelalterlichen' Judenhasses wieder zu erleben haben, der jetzt schon im Osten sich mächtig rege. Wenn es nicht so weit kommen soll, dann müsse anderweit Rath geschafft werden, und zwar durch die wirthschaftliche Gesetzgebung." — Das ganze Gerede läuft also auf eine theils agrarische, theils socialistische Attaque gegen das Capital hinaus, ohne irgend angeben zu können, was geschehen solle? Man ruft nur das rothe Gespenst des Communismus und das schwarze der mittelalterlichen Judenverfolgung als Schreckbilder herauf, ist aber selbst völlig rathlos! Denn in Wahrheit, was auch an Reaction ins Werk gerichtet werde, es enthält gar nichts, was die Juden als solche speciell träfe; es würde die Interessen der Christen gerade so berühren, wie die Interessen der Juden. Insofern hat der gedachte Artikel Werth für uns, da die Frage: was soll gegen die Juden geschehen? recht klar beantwortet wird — Nichts; wir wissen nichts, wir hassen nur, und sprechen diesen Haß aus, und zeigen zugleich, ohne daß wir es wollen, daß unser Haß ganz unberechtigt ist und ganz andere Motive hat, als wir bekennen!