Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-10-12 · Heft 41 (12.10.1880) · p. Seite 646

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 41 (12.10.1880)
Date
1880-10-12
Page
Seite 646 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227327--38403-3307633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

darauf ein Censuredict erlassen wurde, welche nicht bloß den Geistlichen und Lehrern, sondern auch den Schriftstellern die höchste Beschränkung hinfichtlich der Religionslehre auferlegte. Alle an die Glaubensbekenntnisse als bindende Norm verwiesen und jeden Andersdenkenden mit Amtsverlust bedrohten. Im Jahre 1793 gab Kant mit Zustimmung der theologischen Facultät von Königsberg die Schrift heraus: „Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft." Da erhielt er am 12. Oktober 1794 eine königliche Cabinetsordre, welche ihm in scharfen Ausdrücken das Mißfallen des Königs über diese Schrift aussprach, ihm vorwarf, gegen feine Pflicht als Lehrer der Jugend gehandelt zu haben und von ihm verlangte, erstens, daß er sich hierüber verantworte und dann, daß er „bei Vermeidung höchster Ungnade künftighin nichts dergleichen sich zu schulden kommen laste", „widrigenfalls er sich bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habe". Hierauf erfolgte eine Antwort Kant's, die er selbst in der Vorrede zu seiner Schrift „Streit der Facultälen" (Ausgabe von Rosenkranz und Schubert Th. X, S. 253) nach dem Tode des Königs veröffentlichte. Nach einer längeren Verthcidigung schloß das Schreiben: „Was den zweiten Punkt betrifft: mir keine dergleichen (angcschuldigte) Entstellung und Herabwürdigung des Christenthums künftighin zu schulden kommen zu lasten, so halte ich, um auch dem mindesten Verdachte darüber vorzubeugen, für das Sicherste, hiermit, als Ew. Koni gl. Maj. getreuester Unterthan, feierlichst zu erklären: daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge, die Religion betreffend, es sei die natürliche oder geoffenbarte, sowohl in Vorlesungen, als in Schriften, gänzlich enthalten werde." Wenn man erwägt, daß Kant damals auf dem Gipfel seines Ruhmes, und zwar eines europäischen, stand und 70 Jahre alt war, wenn man ferner den ausdauernden Widerstand kennt, welchen wiederholentlich nicht bloß das Oberconsistorium 0, sondern auch Männer von viel untergeordneterem Geiste als Kant, wie Niemeyer, Stoffe ff u. A. dem allmächtigen Minister Wöllner leisteten'-), und welche Unterstützung ihnen und der Sache der Geislesfreiheit Kant gewährt hätte, wenn er sich der seiner würdigen Opposition befleißigt hätte, so muß man die obige unbedingte und „feierliche" Erklärung, fortan in Wort und Schrift nichts über Religion vorzutragen, als eine außerordentliche Charakterschwäche betrachten. Aber die Sache wird noch schlimmer, da Kant bei der durch ihn geschehenen Veröffentlichung jener Cabinetsodre und seiner Antwort den Worten „als Ew. Königl. l) S. Martin Philippson, Geschichte des preußischen Staats- Wesens u. s. w. Th. l, S. 218. :>24. •2) Auch Wilhelm v. Humboldt verließ damals lieber den Staatsdienst als „Legationsrath", als sich unter dem Wöllner'schen Regiment zu beugen. S. Briefe Alexanders v. Humboldt an seinen Bruder Wilhelm (Stuttgart, 18H") S. XV. Majestät getreuesten Unterthan" die Anmerkung hinzusügte: „Auch diesen Ausdruck wählte ich vorsichtig, damit ich nicht der Freiheit meines Urtheils in diesem Religionsproceß auf immer, sondern nur so lange Sr. Maj. am Leben wäre, entsagte." Hier haben wir eine reservatio mentalis in bester Form 3) und zwar bei Worten, wo Niemand einen solchen Vorbehalt voraussetzen und erkennen kann. In der That glaubte sich Kant von seiner „feierlichen Erklärung" mit dem Tode des Königs und dem Sturze des Wöllner'schen Regiments frei, nnd gab die gedachte Schrift heraus. Hätte nun nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. die Wöllner'sche Herrschaft weiter gedauert, würde dann Kant gleicher Weise verfahren sein? Diesem gegenüber erinnern wir uns an das Benehmen Spinoza's im Jahre 1673. Der Pfalzgraf Carl Ludwig ließ ihm durch den Prosestor der Theologie und Geheimrath I. L. Fabritius eine Professur in Heidelberg anbieten. Er war damals 41 Jahre alt, also in der Kraft des Lebens und in sehr ärmlichen Verhältnissen, da seine Freunde, die Witts, gestürzt worden und der Pöbel selbst Spinoza bedrohte. Fabritius sagte in seinem Schreiben: „Nicht anderwärts würden Sie einen, großen Geistern, unter welche er Sic zählt, günstigeren Fürsten finden. Sie wollen die weiteste Freiheit zu philosophiren haben, deren Mißbrauch zur Beunruhigung der öffentlich festgestellten Religion er Sie nicht fähig glaubt." In feiner, den Antrag ablehnenden Antwort vom 30. März 1673 bemerkt Spinoza zuerst, daß er das Amt gern angenommen haben würde, weil er den Pfalzgrafen längst bewundere und „besonders wegen der Freiheit des Philosophirens, welche der gnädigste Fürst zu bewilligen ihn würdige." Er läßt auch merken, daß er durch diese Stellung „bessere Glücksgüter" erlangen würde. Den» noch lehnt er den Anttag ab, und zwar vorzüglich weil, wie er sagt: „Ich denke, daß ich nicht weiß, in welche Grenzen jene Freiheit zu philosophiren eingeschränkt werden müßte, um nicht zu scheinen, die öffentlich sestgestellte Religion verwirren zu wollen." l) * * 4) Es ist offenbar, daß die angeführten Worte des Unterhändlers des Pfalzgrafen Spinoza über die Freiheit des Philosophirens, die ihm gewährt wäre, zweideutig erschienen, und er um dieser Freiheit willen den lockenden, verheißungsvollen Antrag ablehnte. Einer weiteren Erörterung über den, bei den gedachten Gelegenheiten von den beiden großen Philosophen bekundeten sehr verschiedenen Charakter bedarf es nicht. 3) Als solche bezeichnet die Worte selbst Kuno Fis cher, Geschichte der neueren Philosophie B. Hl. S. 81. 4'; S. Unsere Schrift: Benedictus Spinoza als Mensch, S. 17. 18.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.