Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1880)
- Date
- 1880-10-05
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
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635 christlichen Gutsbesitzer aus der Nähe von Sadagora, Baron Mustatza, mit dem Bann belegt, weil der Baron neben dem Tempel eine Kirche bauen lassen wollte. Dieser Bann war! nicht etwa ein bloßer Schall, ein leeres Wort. Als der Bannfluch den Baron getroffen hatte, zogen sich alle Juden von ihm zurück; keiner wollte mehr die Erzeugniffe seiner Fabriken und seiner Brennereien kaufen und schon begannen den Geächteten auch die Christen zu fliehen. Der Bannfluch lautete nämlich beiläufig folgendermaßen: „Niemand soll mit ihm! verkehren. Niemand mit ihm reden. Niemand mit ihm Geschäfte machen, sonst sei er verflucht, und Niemand soll reden mit einem Solchen, der mit dem Verfluchten redet." Baron Mustatza konnte nicht lange gegen die Autorität des von! dem Fanatismus seiner Gläubigen getragenen Rabbi ankämpsen und er gab nach. Ter Wnndcrrabbi von Sadagora, Jakob Friedmann, hob hierauf, in Folge deffen, den Bann auf. Sodann reiste er, geleitet von den männlichen Mitgliedern seiner Familie und beiläufig zwanzig Dienern nach Czernowitz, um den Monarchen zu sehen. Dieses Ereig-> niß machte unter den Juden Galiziens und der Bukowina die größte Sensation. Selten nur verläßt der Rabbi Sadagora, und dann nur, wenn er zu einem Sterbenden oder zu einer Hochzeit gerufen wird. In Czernowitz war der Rabbi fast so lange nicht als der Monarch — drciundzwanzig Jahre — und doch ist Sadagora kaum eine Stunde von hier entfernt. Das darf nicht Wunder nehmen, denn der Rabbi zeigt sich auch in Sadagora nicht. Den ganzen Tag betet er, und' wenn er auch in den, seinem Hause gegenüberliegenden Tempel geht, verhüllt er sein Gesicht mit dem Gebetmantcl. Dieses lebende Geheimniß ist nun heute in der Stadt erschienen. Der polnisch-jüdische Plebs lief dem Rabbi, der in einem geschloffenen Wagen fuhr, nach und brachte ihm auf diese Weise eine Ovation. Der Rabbi begab sich in die Maschinenfabrik Redinger, wohin er von dem Besitzer eingeladen wurde. In dem Hofe vor der Maschinenhalle war eine eigene Tribüne für den Rabbi und seine Suite crricbtet. Tie Familien- Mitglieder waren schon lange vor 3 Uhr erschienen, für welche Stunde der Besuch des Kaisers in der Fabrik angesagt war; sie nahmen Holzbänke ein, während neben denselben in abgemeffener Entfernung ein Lederfauteuil für den Wundermann aufgestellt war. Der Rabbi erschien erst kurz vor 3 Uhr; er nahm die ehrfurchtsvollen Grüße seiner Angehörigen und Diener selbstbewußt entgegen und setzte sich lächelnd nieder. Der schwache, mittelgroße Greis macht den Eindruck eines Gespenstes; schneeweiß fällt der lange Bart, in eine Spitze auslausend, bis über die Brust nieder; weiß wie Elfenbein ist sein Teint; man erschreckt förmlich vor dieser blassen, blutlosen Haut, welche kaum die Knochen deckt. Ter Rabbi, der niemals an die Luft kommt und deshalb so geisterhaft aussieht, scheint an einem schweren Brustübel zu leiden; hohl hüstelt er jeden Augenblick und seine Stimme klingt heiser. Tie Juden umringten ihn, sobald er Platz genommen; er begrüßt sie ernst, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich will den Kaiser segnen," sagte der Rabbi, „da er so viel für die Juden gethan hat." Endlich kommt der Kaiser. Alle Tribünen-Besucher erheben sich; auch der Rabbi tüjut desgleichen und zieht den Hut von seinem Kopse, den noch überdies ein Käppchen bedeckt. Der Rabbi schließt die Augen und spricht ein Gebet für den Kaiser, während dieser vorbeigeht. Er streckt dann die Hände vor sich und segnet den Landesherrn. Nachdem die kurzen Sprüche geendet, schreien die, gleich ihrem Großvater in Seide gekleideten kleinen Enkel des Rabbi laute Hochs; der Kaiser betrachtet, sich nochmals umwendend, die Gruppe, da ihm gesagt worden, daß der Rabbi von Sadagora darunter ist. Der Kaiser salutirt dem Greis und betritt sodann die Maschinenhalle, in welcher er einige Zeit verweilt, um dann zum Volksfest zu fahren. (Korrespondenz. Cincinnati, 4. August. Das Rabbiner-Seminar in Amerika. Schluß. V. Aufnahme in's College. Ilm in's College «Hochschule) ausgenommen zu werden, muß der Student ein befriedigendes Abgangs-Zcugniß von einer der unter Controls der Union stehenden Vorbereitungsschule erlangt haben oder sich bei den Professoren des College einer Prüfung in den Gegenständen unterziehen, welche in den Vorbereitungsschulen gelehrt werden. Studenten, welche den rabbinischen Cursus nehmen wollen, haben außerdem ein Zeugniß der Reife in allgemeineren Wiffenschaften zur Aufnahme in eine der in New-Zork, Philadelphia und Cincinnati bestehenden Universitäten beizubringen. Im Fall der Student nicht den rabbinischen Cursus zu nehmen beabsichtigt, bleibt es dem Ermessen des Tirectors des College überlassen, ob der Student die allgemeine Bildung besitzt, die ihn zum Eintritt in's College befähigt. VI. Classen-Einthcilung und Unterrichtszeit. Ter ganze Lehr-Cursus des College umfaßt fünf Classen: in jeder derselben hat der Student ein Jahr zu bleiben. Halbjährlich findet eine Prüfung der Studenten von der Facultät unter Aufsicht einer vom Tirectorium zu ernennenden Commission statt. Tie Unterrichtszeit ist 3'.., Stunde an jedem Sonntag und 2 Stunden an jedem der übrigen Wochentage. Im fünften Jahre soll der wöchentliche Unterricht 30 Stunden betragen. VII. Die Studien. 1. Der LehwCursus des ersten Jahres umfaßt:;i) Bibel: Allsgewählte Abschnitte des Pentateuch mit 40*