Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1880)
- Date
- 1880-10-05
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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633 Unsere Vorfahren waren cs unter dem milden Scepter Euerer Majestät glorreicher Dynastie stets gewohnt, in dem Kaiser den Hort ihrer Rechte zu sehen; doch Euerer Majestät Weisheit und Gerechtigkeit blieb es Vorbehalten, uns die bürgerliche Gleichberechtigung allcrgnädigst zu crtheilen. — Wir athmen im rosigen Lichte der Freiheit, wir sind unter den Bürgern dieses mächtigen Reiches, sowie unseres Heimaths-! landes. Gleiche unter Gleichen und sehen so die jahrtausendj alte Geschichte unserer Drangsale wcttgemacht. i Darum haben wir Dich, o Kaiser und Herr, desto fester; in unser Herz geschloffen und werden Euerer Majestät glanz-! vollen Namen dankerfüllt von Geschlecht zu Geschlecht über- | liefern; ich bin glücklich an der Spitze dieser Deputation im ' Namen der jüdischen Bevölkerung rufen zu können: Gott erhalte, Gott beschütze,Gott segne Euere Majestät und das erlauchte Kaiserhaus! Hierauf antwortete der Kaiser: „Ich danke Ihnen, meine Herren, für die mir im Namen „der jüdischen Bevölkerung dargebrachte Huldigung. Er- „freuen Sie sich der Rechte, die Ihnen zu Thcil geworden, „sagen Sie Allen, die Sie gesendet, meinen Tank für die „Treue und Loyaliät, die sie für Mich, Mein Haus und die „Monarchie bekunden. Ich danke Ihnen, meine Herren." Nachher erkundigte sich der Kaiser um die Mitgliederzahl des Vereines, ob derselbe Fortschritte mache re. :c. und entließ schließlich die Deputation huldvollst." Aus Böhmen, im Sept. (Privatmitth.) Das Wühlen der llltramontanen gegen alle liberalen Institutionen ist eher im Wachsen, als in der Abnahme, und mitten in die friedlichste Bevölkerung tragen sic ihre Hetzereien hinein, oder benutzen vorhandene politische Parteiungen, um ihnen den Stempel der Confessionalität aufzuprägen. So ganz besonders aus dem Gebiete der Schule. Hier ist hauptsächlich das Ziel, alle jüdische und protestantische Lehrer aus allen Schulen zu verdrängen, wo die katholischen Kinder die Mehrheit bilden. Ob bei dem, an nicht wenigen Orten sehr fühlbaren Mangel an tüchtigen katholischen Lehrkrästeu der Jugendunterricht ' höchst dürftig würde, wenn der Ausschluß aller jüdischen und protestantischen Lehrer gelänge, das kümmert die Herren wenig, wenn nur ihre starren Grundsätze durchgesührt und von neuem die stärksten Scheidewände zwischen den Confessionen aufgeführt würden! So bildete man katholischer Seite einen Ausschuß, der einen Fragebogen an alle Bieariate Böhmens versandte; ein großer Theil antwortete nicht; aus den erfolgten Antworten wird von einem Grasen Schönborn, der um eine Reichsrathstelle candidirt, eine Broschüre gemacht, deren Hauptpunkt die Beschwerde ausmacht: „Es wurden L Juden resp. Jüdinnen und 13 Protestanten an katholischen Schulen angestellt." ^Selbstverständlich in ganz Böhmen!) Es heißt weiter: „An manchen Orten mußten die nichtkatholischen Lehrer auf Betreiben der katholischen Eltern entfernt werden, dagegen wurde in einer Gemeinde trotz der Proteste des Pfarrers, des Ortsschulraths und der Gemeinde eine Jüdin angestcllt." Ist das nicht schrecklich! welche religiöse Verwüstung kann eine solche einzige Jüdin für die große katholische Kirche anrichten, zumal wenn sie blähen oder Stricken lehrt oder Buchstabiren oder Einmaleins! Nun man wird ja sehen, ob all dies Sturmlaufen gegen Billigkeit und Vernunft etwas ausrichten werde und sich die Menschen immer wieder in die alten Fesseln schlagen lassen, und auch hierzu selbst die Hand bieten! Holland. Aus dem Haag, 14. Sept. Soeben ist Hierselbst das Spinoza-Denkmal, welches seit 1875 geplant war und in diesem Jahre zur Ausführung gelangte, enthüllt worden. Das hiesige Centralcommitl; für die Errichtung des Denkmals, an dessen Spitze sich der Kriegsminister a. D. Gras v. Lim- : burg-Stirum, der Bibliothekar des Königs I)r. Camp bell,!Prof. van Bloten und vr. mell. H. I. Betz befinden, hat feine Ausgabe glücklich gelöst und das vollendete Werk in feierlichem Act dem Bürgermeister der Residenzstadt im Beisein des Ministers des Inneren, Herrn Six, des Vertreters des Prinzen Alexander Königl. Hoheit, der Stadtvcrtretung und vieler hiesiger Notabilitäten, sowie der eingeladenen Ehrengäste aus England, Frankreich und Deutschland (unter denen sich auch Berthold Auerbach und Pros. Schaarschmidt aus Bonn befanden) übergeben. Der Philosoph ist aus dem Denkmal, dessen vortreffliche Aussührnng durch einen noch jungen Künstler deutscher Abkunst aus Paris, Herrn Hex am er, allgemeine Bewunderung erregt, sitzend dargestellt: in altholländischer Tracht und mit einem Mantel angcthan, scheint er über die großen Probleme, welche ihn während seines kurzen und so gedankenvollen Lebens beschäftigten, nachzusinnen und die Resultate dieses Nachdenkens nicderschreiben zn wollen. Die Statue selbst ist aus Erz gegossen; sie ruht aus einem Piedestal von > dunkclrothcm schwedischen Granit. Ausgestellt aus der Pavii liocngracht, nahe dem Hause, in welchem Spinoza mehrere! Jahre lebte und wo er starb, wird sie eine Hauptzierde der anmuthigen holländischen Residenzstadt bilden, welche das An-! denken des großen Denkers mit Recht in so hervorragender j Weise ehrt. j Ostindien.! Calculta, im August. Dem Owrlawl Mail zufolge | herrscht unter den Juden von Caleutta einige Aufregung,! hervorgerusen durch den Entscheid des lVpuiv C'nnnnisMunt'v von Umvitsur in Bezug aus die Aufsicht eines jüdischen Mädchens, das dort als ein Zögling in die kirchliche Missions- 40