Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1880)
- Date
- 1880-10-05
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
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631 I allgemein von der ultramontanen Presse andauerd betriebene Judenhetze hat eine erste Probe der Früchte geliefert, welche sie zu zeitigen vermag. In dem unterfränkischen Orte Wiesenfeld (bei Lahr) wurde ein junger Israelit, als er sich am Abend mit seiner Frau.auf dem Wege nach seiner Wohnung befand, von einem Haufen jungerLcute verhöhnt und mit Steinen beworfen. Sein hinzugekommener Vater erreichte einen Knaben der Rotte und gab ihm einige Prügel; bei diesem Thun wurde ihm ein Messerstich versetzt, der sich als sehr gefährlich herausgestellt hat. Man geleitete ihn nach Haus; gleich darauf erschien ein an 200 Köpfe starker Haufe vor dem Hause des Juden, lärmte und brüllte und schleuderte Steine gegen die Fenster, von denen ein Theil in das Zimmer flog, in dem der Verwundete lag. Ter Bürgermeister fand sich ein und stellte die Ruhe her, allein am folgenden Tage, vielleicht weil Anzeige beim Gericht erstattet und ein Arzt zur Untersuchung des Verwundeten berufen war, fand eine stärkere und allgemeine Wiederholung der Execsfe statt, wobei in fünf Judenhäusern die Fenster eingeworsen wurden. «Hamburger N.) Heilbronn, im Scpt. (Privatmitth.) Wie unsren Lesern bekannt ist, besteht in Württemberg ein „Bezirksverein im Neckar-, Jagst- und Donaukreis zur Unterstützung armer durchreisender Israeliten", dessen Zweck die Verminderung der Haus- und Wanderbcttelei durch Verabreichung einer Gabe aus gemeinsamer Gasse, so daß die wandernden Bettler in allen dem Bczirksvercin angehörenden Gemeinden keine weitere Unterstützung erhalten. Ten Unterstützungsuchenden werden dadurch die Mühe und Zeit und die Mehrkosten des Herumwanderns erspart. Ter Verein besteht seit drei Jahren, und der eben erschienene Jahresbericht vom I. Juli 1670— 1880 zeigt, daß die Wirksamkeit des Vereins eine segensreiche ist, insofern der Zuzug der Wanderbettter aus Lesterreich und Rußland bedeutend abgenommcn bat, aus Lesterreich um 263 Personen, ans Rußland um 24 Personen. Dahingegen hat die Zahl der Armen aus Deutschland um 573 Personen zugenommen. Es wurden nämlich unterstützt aus dem deutschen Reiche ohne Württemberg 1426 Personen, aus Württemberg 74, aus Lesterreich 274, aus Rußland 260, während aus allen übrigen Ländern zusammen nur 30. 2084 Gaben wurden im Gesammtbetrage von 11,156 Mark verabreicht, und stieg der Betrag von Mark 1,5« > bis auf 15 M. Der Verein schloß mit einem Tesieit von 700 M. ab, da die Einnahmen um 255 M. abgenommen und die Ausgaben um 742 M. zugenomnicn. Zu beklagen ist, daß 0 Gemeinden ausgetreten, und nur 2 Gemeinden eingetreten und 10 Gemeinden in Folge Wegzugs oder Austritts einzelner Cvntribuenten ihren Jahresbeitrag für die Zukunft vermindern wollen, dagegen steht der Verein in Unterhandlungen über den Eintritt der Gemeinden im Württembergischcn Schwarzwald, in Hohenzollern und im Rieß. Der Ausschuß spricht sich mit Recht im einleitenden Worte folgendermaßen aus: Bedenken Sie, hochgeehrte Bercinsgenossen, welch üble Folgen aus der Auflösung unseres Instituts erwachsen müßten, wenn die Tausende von Armen wieder schrankenlos in den Einzelhäusern sich aufdrängen würden und wie dringend es in der Gegenwart geboten ist, den Feinden der Gesammtheit Israels nicht neuen Stoff zu ihren grundlosen Schmähungen zu reichen. Die Gemeinden des Schwarzwaldcs, in Hohenzollern und im Rieß haben das Bedürfniß eines solchen Zusammenwirkens bereits erkannt und stehen mit uns in Unterhandlung über ihren Beitritt zu unserem Vereine, wodurch unsere frühere Hoffnung der Gründung eines Landesverbandes bald sich erfüllen und der wünschenswerthe Wechsel des Vororts oder dessen Vervielfältigung ermöglicht werden dürfte. Einigkeit macht stark.' ■CÖsterreich Ungarn. Pest, 25 Sept. Das Abgeordnetenhaus hielt heute um 11 Uhr seine erste Sitzung. Nach Abmachung der Ge schäftsangclcgenhciten wurde für Montag die Wahl beider Vice Präsidenten und Schriftführer auf die Tagesordnug gesetzt. Zum Schluffe richtete Stephan Miklos von der äußersten Linken eine Interpellation an den Minister- Präsidenten als Minister des Innern wegen der antisemitischen Bewegung. „Es ist eine bekannte Thatsache," sagt Redner, „daß der Abgeordnete Jstoczy, entsprechend seinen parlamentarischen Reden, in der Hauptstadt und in der Provinz eine anti semitische Liga organisirt und die gesammte Judcnheit für die Sünden Einzelner verantwortlich machen will. Diese Bewegung bringt Haß und Zwietracht zwischen der christtichen und jüdischen Bevölkerung hervor. Herr Jstoczy betreibt Machinationen zur Austreibung der Juden aus Ungarn." Redner will die ganze Agitation nicht überschätzen, hält die Judenfrage für Ungarn nicht für acut, hält es aber trotzdem für nothwendig, daß das Haus und die Regierung, welche die Freiheit und den Liberalismus vertreten, gegen die Bewegung entschiedene Stellung nehmen und Verwahrung ein legen gegen eine Intention, welche die Juden als eine Glaubensgenosseuschast verfolgt. Um dem Hause und der Regierung hiezu Gelegenheit zu geben, richtet er folgende Interpellation an den Minister-Präsidenten als den Minister des Innern: „Abgeordneter Jstoczy will die Ju deusrage vorbereiten; mit Rücksicht aus die Stellung dieses Deputirten zur Regierungspartei, der alle Handlungen des Ministeriums billigt, kann sich in der Bevölkerung die Meinung verbreiten, daß die Regierung und ihre Partei das Vorgehen Jstoczy's billigen". (Stürmischer Wi-; i 11 11