Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1880)
- Date
- 1880-09-28
- Page
- Seite 620 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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620 fantfeit und auf seine Ascetik zuschrieb. Vor Allem tauch'? ten da die Gestalten der Jugendlehrer auf, der älteren, diej uns Mischnah und Gemarah und Schulchan Aruch bcibrach-; ten, aber mit der deutschen Grammatik im harten Strauße la-i gen, und die der jüngeren, die in ihren profanen Disciplinen, ganz vortrefflich, aber alle mit besonderen Eigenthümlichkeiten! begabt waren, und unter ihnen der kleine geistvolle Mann! mit langen Harren und den markirten edlen Gesichtszügen, welcher, der erste in Deutschland, die regelmäßige deutsche; Predigt auf der Kanzel heimisch machte. die ich in diesem Augenblicke inne hatte. Hier waren ja auch die Stufen zur heiligen Lade, auf deren unterster wir Knaben bei der Consirmation standen und auf deren oberster ich mit lauter Knabenstimme das Glaubensbekenntniß und das Gebet sprach! Alle diese Erinnerungen gingen mir, wie Schatten auf die sich plötzlich ein helles Licht ergießt, durch die Seele, daß ich Mühe hatte, während des Gesanges eines Liederverses mich zu sammeln und an die dicht geschaarten Zuhörer das Wort zu richten, das der tiefbetrauerten hohen Frau würdig wäre. — Fürwahr, die Eltern sollten es nicht versäumen, ihre Kinder, sobald sie ein Berständniß für die Heiligthümer der Religion in der zarten Seele zu hegen befähigt sind, in das Gotteshaus zu führen, und zwar nicht allzu selten, den solche Erinnerungen sind ein dichtes Band an die Religion, an alles Heilige und Göttliche! (Fortsetzung folgte! Das Grab in Dulciguv. Ter Ort Tulcigno, welcher gegenwärtig die europä-i ischen Großmächte so viel beschäftigt, weil ihn die Albanesen l um keinen Preis an Montenegro abtreten wollen, war schon ( vor mehr als zweihundert Jahren ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Ter „P. L." enthält darüber einen interessanten Feuilleton-Artikel, ans welchem wir Folgendes hervorheben: Hunderttausende blickten damals in Europa und Asien! gläubigen Sinnes nach dem albancsischen Städtchen, rvo ein j Mann seine letzten Tage dahinbrachte, der zwanzig Jahre hindurch die Bewohner der alten Welt in Arhcm gehalten hatte; und als er starb, pilgerten sie noch Jahrzehnte lang zu Tausenden nach Tulcigno, um an seinem Grabe zu beten und die Erde zu küssen, welche die modernden Ucberreste des Heiligen deckte. Man zeigt die verfallene Grabstätte noch heute auf einem öden sandigen Platze, woselbst sich einmal ein mohamedanischcr Gottesacker befand. Ter Heilige selber, der dort unten ruhen soll, ist wohl längst in Moder zerfallen und die heutige Generation von Tulcigno kennt kaum mehr seinen Namen; man weiß im Städtchen nur, daß dort unten irgend ein „großer Heiliger" schlummere. Dieser „Heilige" war — Sabbatai-Zewi. — Wir brauchen hier die Lebensgeschichte dieses Pseudo-Messias, der nach glänzendem Aufschwung ein so lächerliches Fiasco gemacht hat, nicht zu skizziren, da sic aus jedem jüdischen Geschichtsbuche bekannt ist. Er verstarb am Abend des Bersöhnungstagcs, vom Schlage gerührt, was freilich von seinen unverwüstlichen Anhängern ganz besonders gedeutet wurde. Man weiß, welche Verbreitung der Glaube an diesen Messias unter den Juden gefunden hatte, so daß sich an Orten wie Amsterdam, Hamburg, Ofen Jeder, der einen Zweifel äußerte, groben Mißhandlungen aussetzte. Selbst unter den Moslim und den Protestanten fand er Anhänger. Darüber stimmen alle Berichterstatter jener Zeit überein, daß er das Ideal eines schönen Mannes in des Wortes vollster Bedeutung war. Man glaubt irgend ein Romancapitel zu lesen, in welchem ein schönes Weib geschildert wird, wenn man in den Beschreibungen blättert, die Zeitgenossen von der Person Sabbatai's liefern. Er war von titanenhafter Erscheinung, nicht fett und nicht mager, sondern von einein gewissen plastischen Ebenmaße. Seine Augen waren groß, dunkel und glühend; die Weiber mutheten diesen Augen eine überirdische Gewalt zu und sie wurden seine ersten und beredtesten Apostel. Sein bleiches Antlitz umrahmte ein schwarzer Vollbart, der sorgsam gepflegt war und wie Seide glänzte. Sein frauenhaft kleiner Mund barg die schönsten Zähne, und sein Organ war weich und bestechend. Sabbatai sang auch gern, und in der That soll seine Stimme einen zauberhaften Schmelz besessen haben. Wenn er die alten jüdischen Psalmen sang, drängte sich die Menge herbei und lauschte ihm mit Entzücken. Im Jahre 1646 war es, wo in ihm, dem 20jährigen Jüngling die sixe Idee, zum Messias berufen zu sein, auftauchte und er fand alsbald zwei abgefeimte Schurken, die sich seiner und dieser Idee bemächtigten. Zwanzig Jahre verstand er es, den Glauben an ihn immer weiter zu verbreiten, bis ihn am 13. Sept. 1666 der Sultan, der ihn hatte gefangen nehmen lassen, mit dem Tode bedrohte, und Sabbatai aus Furcht zum Islam übertrat und Mehemed l Efendi genannt wurde. Ta er als solcher noch immer nicht j seine Messiasrolle aufgeben wollte, wurde er vorerst nach i Salonichi und schließlich nach Tulcigno verbannt, da in! dieser Ortschaft keine Juden wohnten und ihm die fernere Gelegenheit benommen werden sollte, sein Doppelspiel mit denselben fortzutreiben. Nun war allerdings sein Stern im Erbleichen begriffen; das Gros seiner Anhänger schämte sich, aber Hunderttausende schwuren noch immer auf sein Messiasthum und blickten ehrfurchtsvoll nach Tulcigno. Die Kaba- > listen fanden sogar bald heraus, daß Sabbatai so handeln müsse, um auch die Moslims an sich zu ziehen, um ihnen dann seinen Geist und seinen Glauben mitzutheilen.