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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-28 · Heft 39 (28.9.1880) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 39 (28.9.1880)
Date
1880-09-28
Page
Seite 619 (sequence 11)
Language
German
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619 Geschlecht unerträglich geworden: ein Gewirr enger Straßen! mit hohen Häusern, das erbärmlichste Pflaster — ein wahresj Marterinstrument — schlechte Beleuchtung, keine Wasserleitung, keine Canalisirung u. s. w. Diese Uebelstände alle müssen die Städte mit außerordentlichen Opfern so bald wie möglich beseitigen, wozu großartige Veranstaltungen ersorder-! lich sind und dies belastet die Einwohner mit kaum zu er-! schwingenden Abgaben. Freilich, die Städte können nicht! umgebaut werden, kaum daß hier und da eine Straßener-! Weiterung zu ermöglichen ist. Im Mittelalter mußte jeder! Flecken zur Abwehr der Raubritter und der Feudalherren,' zur Bertheidigung der städtischen Freiheiten sich befestigen und zu diesem Zwecke den möglich geringsten Raum cinzunehmen suchen, weil es sonst an Bertheidigcrn weitläufiger Festungswerke gemangelt hätte. Die Folgen dieser Zustände verewigten sich nun. Am ehesten kann der Privatbesitz mit den alten, in der Benutzung des Raumes so überaus ungeschickten Häusern fertig werden; man reißt sie einfach nieder und baut dafür stattliche und bequeme Wohnungen, die dem Licht und der Luft freien Zugang lassen. Eine solche Erbschaft aus der „guten alten Zeit" traten auch wir Juden an. Die alten Synagogen sind mit höchst geringer Ausnahme nirgends mehr brauchbar. Allüberall haben wir mit großen Opfern neue Synagogen zu erbauen; im Laufe der letzten Jahrzehnde zählen diese nach Tausenden, und die Gemeinden! mußten sich dafür in große Schulden stecken und in Folge; dessen ihren Cultus schwer belasten. Allerdings waren zum Thcil die vielfachen Veränderungen der örtlichen Bevölkerungen daran schuld. Die Gemeinden wuchsen an einigen Orten durch Zuzug von anderen rapide an; an manchen Orten erstanden sie ganz neu, weil früher daselbst Juden nicht wohnen durften. Doch ist dies eben nur zum kleineren Theile. der Fall. Die alten Synagogen lagen versteckt in Hofräumen, waren klein, unansehnlich, vernachlässigt, dunkel, wir-' kungslos auf den Eintrctenden, andachtswidrig für die Anwesenden. Deshalb die vielen neuen schönen Synagogen, sür welche selbst arme Dorfgemeinden sich die größten Opfer auferlegten und freilich auch häufig die Mithülfe ihrer umwohuenden Glaubensgenofien in Anspruch nahmen. Es wäre zu wünschen, daß wir eine Statistik der neuerbauten Synagogen besäßen, welche die Zeit ihrer Erbauung, den Kostenaufwand und den Schuldcnreft aufführte, selbstverständlich auch die Zahl der beitragenden Mitglieder. Es würden da ungeheure Zahlen zum Vorschein kommen, denen die Geringzähligkeit des letzten Postens, der beitragenden Mitglieder, auffallend gegenüberstände, und die das glänzendste Zeugniß für die Opferwilligkcit der Juden geben würden. Würde so etwas aus der „guten alten Zeit" zu vermelden sein, so würde man über den „frommen Sinn" jener Zeit in Bewunderung gerathen. Gegen die Gegenwart ist man ungerecht, während doch unzweifelhaft auch nur der „fromme Sinn" diese Thatsache bewirken konnte. Läuft auch hier und da das Motiv, nach Außen sich hervorzuthun, mit unter, so hält dies doch nur für die Außenseite Stich, nicht aber für das eigentliche Werk und Schaffniß. Natürlich wollen wir hiermit keinen Borwurf auf die gute alte Zeit wälzen, sie hat nicht minder ihre Lasten getragen und wie wir neulich aus einem Schriftchen des 13. Jahrhunderts anzuführen hatten, unter Druck, Beschränkung und Mißhandlung verliert der Geist Aufschwung, Energie und Geschmack. Man duckt sich in den engsten Raum, glücklich, auch nur einen solchen zu besitzen; man fühlt nicht das Bedürfniß, hoch und weit um sich zu blicken und fühlt sich sicherer im verborgenen Winkel als in palastähnlichen Räumen, welche die Blicke nicht blos des Wohlwollens,! sondern auch des Neides und des stillen Aergers auf sich ziehen. Heilige Errinnerung an das Gotteshaus unserer Kindheit, in welches der Knabe kaum nach erwachtem Bewußtsein cingeführt wurde und eifrig daffelbe betrat! Wie groß und herrlich erschien ihm dieser Raum, wie unabsehbar die Reihen . der Betstätten, wie geheiligt und voll göttlichen Geistes Alles, : was zu ihm gehörte. Es war immerhin schon eine stattliche Synagoge, die in meiner Vaterstadt, wenn auch mehrere Stufen in sie hinabführten und Alles in ihr einfach und schmucklos war, mit den modernen Prachtbauten und ihren oft allzu bunten Ausschmückungen gar nicht zu vergleichen. Am eindruckvollstcn war es, wenn wir beim Ausgang des Sabbaths in das dunkle Hciligthum eintraten, wo uns nur von der h. Lade aus das zarte Licht der „ewigen Lampe" entgegcnflimmerte, und wie im Dunkel den 144. Psalm nach der überkommenen Melodie anstimmten. Welche Schauern der Andacht durchzitterten da das kindliche Gcmüth! Allerdings, als ich nach vielen Jahren der Abwesenheit die Kanzel desselben Gotteshauses bestieg, um, von der Gemeinde, die augenblicklich des Predigers entbehrte, berufen, die Trauerfeier um den Tod der hochherzigen und wahrhaft wohlthätigen Hcrzo- , gilt zu leiten, da erschien mir daffelbe in sehr verkürzten Maßen und dem an größere Räume gewöhnten Auge von beschränktem Umfange. Aber sah ich nicht dort die Stelle, wo der einfach fromme und wahrhaft tugendhafte Großvater uns Enkeln nach dem Schluffe des Gottesdienstes die Hände segnend auf das Haupt legte, hier vornan die Reihe, wo der greise Rabbiner und die Häupter der Gemeinde standen, unter denen auch ein, wegen seiner Strenge in religiösen Dingen gefürchteter Oheim sich befand, dem jedoch unter der rauhen Hülle das edelste Herz schlug. Wo waren sie alle hingeschwundcn, die Reihen frommer Beter, die mit so vielem Eifer und Wohlgefühl sich den gottesdienstlichen Verrichtungen Hingaben, wenn auch hier und da unter ihnen dieser und je-; ner vorkam, dem man Hoffahrt auf seine rabbinische Gelehr- 39*

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